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Ausstellung

Konsum, unterlaufen von der Kunst

Pop-Art antwortet auf die Reize der bunten Einkaufswelt: in der großartigen Schau „Shopping“ zum Jubiläum des DEZ.
Von Gabriele Mayer, MZ

  • DEZ-Geschäftsführer Thomas Zink vor den anonymen Konsumenten von Julian Opie, die nur durch ihre Accessoires eine Identität bekommenFoto: Lex
  • Kuratorin Andrea Madesta mit den Vielberth-Brüdern Johann (links) und Max Vielberth, denen mit dem DEZ vor 50 Jahren eine Pioniertat gelang Foto: Galerie Andrea Madesta

Regensburg.Das Donau-Einkaufszentrum feiert 50-jähriges Bestehen, und von Anfang an hat dort auch die Kunst eine Rolle gespielt. Es gab zahlreiche Ausstellungen regionaler Künstler, aber sogar Picasso, Dali oder Munch konnten im halboffenen Galerien-Raum gezeigt werden. Shopping-Center sind zu einem Ort der Begegnung und der Aufenthalt ist zu einem umfassenden Ritual und Ereignis geworden. DEZ-Geschäftsführer Thomas Zink spricht von der aktuellen Funktion des Einkaufszentrums als einem „modernen Marktplatz“. Shoppen ist heute Teil des gesellschaftlichen Lebens, zu dem auch die Kunst gehört.

Zum Jubiläum hat nun Andrea Madesta, Inhaberin der Regensburger Kunstgalerie Madesta, eine eindrucksvolle und für Regensburg herausragende Schau auf die Beine gestellt. An die 100 Werke von 25 Spitzenvertretern der Pop-Art werden präsentiert, vertreten sind etwa Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Tom Wesselmann oder Mel Ramos. „Shopping“ heißt vielsagend die Ausstellung. Denn Pop-Art ist die Kunst, die sich auf Konsum, Werbung, Marken und Lifestyle bezieht, auf das, was uns heute zutiefst prägt, unsere Identität aufpeppt, was längst zu sinnstiftender Lebensanschauung geworden ist und womit wir uns in einem umfassenden Sinn anreichern.

Ein ausgetüftelter Parcours

Der Künstler Peter Blake zeigt den Menschen als blasses Nacktwesen, das rundum mit bunten Markenzeichen und anderen Identitäts-Symbolen behängt ist. Wer die Ausstellung sieht, bekommt nebenbei auch einen Überblick über die Facetten der Pop-Art von den Anfängen bis heute. Werke von Künstlern, die selbst längst höchstpreisige Edelmarken darstellen, werden in einem ausgetüftelten Parcours aktuellen Positionen gegenübergestellt und die vielfältigen Korrespondenzen, Entwicklungen, aber auch Unterschiede machen die Schau zusätzlich zu einer spannenden Sache.

Dr. Andrea Madesta und Thomas Zink bei der Eröffnung der Ausstellung „Shopping“ Foto: Galerie Andrea Madesta
Dr. Andrea Madesta und Thomas Zink bei der Eröffnung der Ausstellung „Shopping“ Foto: Galerie Andrea Madesta

„Diese Ausstellung im Einkaufszentrum zu platzieren, bedeutet in letzter Konsequenz auch für die Künstler eine große Herausforderung“, sagt Andrea Madesta. Warum? Andere Kunst, die oft abstrakt und ungegenständlich ist, setzt sich auf den ersten Blick ab von dem, was sich als Mode, Klischee, Ware und Wegwerfware oberflächlich, bunt und auch platt anpreist. Im Gegensatz dazu hat sich die Pop-Art gerade diese Konsumwelt künstlerisch angeeignet; sie kommentiert, reflektiert oder überhöht sie. Behaupten muss sich die Pop-Art im Rahmen eines Einkaufszentrums, weil sie dort dennoch mit jenen Oberflächenreizen zu konkurrieren hat, auf die sie sich zwar bezieht, aber von denen sie sich auch unterscheiden muss. Zumal die Zeichen, die die Pop-Art setzt, oft als Kopien in Design und Dekoration wiederkehren.

Die Anfänge des DEZ vor 50 Jahren: lesen Sie hier.

„Alle Kaufhäuser werden zu Museen werden und alle Museen zu Kaufhäusern“ hat Andy Warhol prophezeit. Aber Kunst, die gut ist, ist dennoch um einen Schritt voraus, in Richtung Reflexion nämlich. Und das muss man ihr ansehen und spüren, vielleicht nur als Störung, als Umgedeutetheit des Erwarteten, als Andersheit. Beispiel: Daniel Spoerri. Nicht das schön verpackte Essen ist bei ihm mitsamt dem Teller an die Wand gepinnt. Stattdessen fixiert er das Chaos der Reste auf einem Teller. Und damit demonstriert der Künstler unsere Animalität, unsere Sattheit, unsere Gier und noch manches andere zeigt sich bei diesem subtilen ästhetischen Arrangement, das gelungen ist, weil es uns irritiert und die Gedanken schweifen lässt. Kunst muss die verführerischen Oberflächen-Eindrücke der sonstigen Umgebung akzentuieren oder unterlaufen, jedenfalls verändern, mit einem Wort: Sie muss die Welt hinter den Dingen zeigen.

Lesen SIe mehr über Pop-Art bei Andrea Madesta: „Der Mensch hinter den Schablonen“

Die Wiederholung, das Serielle in der Konsumwelt, zeigt sich bei Warhol: Immer wieder das gleiche Motiv, der Kuhkopf in Serie, die Campbell’s Suppendose in Serie, wie gestanzt, aber bei Warhol zu Ikonen überhöht. Das ist eine Sakralisierung, je nach Betrachtungsweise auch eine Entblößung einer Gesellschaft, die alles der Konsumwelt und ihren Fetischisierungen unterordnet. Geldscheine leuchten in verführerischen Farben bei Christina Noèlles stolzem Glamourgirl, das bei Mel Ramos zum appetitlich aufbereiteten Girl des schnellen Verzehrs auf einem Hamburger gelandet ist.

Dr. Johann Vielberth bei der Ausstellungseröffnung im DEZ: Von Anfang an spielte Kunst in dem Konsumtempel eine Rolle. Foto: Galerie Andrea Madesta
Dr. Johann Vielberth bei der Ausstellungseröffnung im DEZ: Von Anfang an spielte Kunst in dem Konsumtempel eine Rolle. Foto: Galerie Andrea Madesta

Roy Lichtenstein hat einen Teller in einfachen Primärfarben mit gerastertem Muster dekoriert, allerdings kaum entzifferbar, so kompliziert, nuanciert und ästhetisiert ist das Muster. Jeff Koons pinkfarbener Wau-Wau, wie aus einem Luftballon geformt, steht neben einem Silberteller, der glitzert wir der bunte Hund, überall spiegelnde Oberflächen, nichts dahinter. Kitsch oder Ironie? Beides ist bei Koons dermaßen verklebt und nicht zu trennen, aber gerade deshalb gibt er uns ein perfektes Bild unserer Mentalität. Scheinbar harmlos wirken ein Glas Bier und ein Pelzchen von Meret Oppenheim. Die Künstlerin treibt durch ihr Objekt die erotische, verdrängte, aber das Unterbewusstsein kitzelnde Aufladung dieser Dinge hervor, wenn man nur genau und unvoreingenommen genug hinschaut.

100 Werke von 25 Spitzenkünstlern

  • Die Ausstellung:

    „Shopping“ ist bis zum 28. Oktober im Regensburger Donau-Einkaufszentrum (erster Stock) zu sehen. Gezeigt werden etwa 100 Werke von 25 internationalen Spitzenvertretern der Pop-Art, etwa von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Julian Opie, Tom Wesselmann.

  • Die Kuratorin:

    Die Ausstellung, die einen Überblick über die Entwicklung der Pop-Art gibt, wurde zusammengestellt von Dr. Andrea Madesta, Galeristin in Regensburg.

Das Markenzeichen von Julian Opies schöner Kunst sind anonyme Figuren ohne Gesichter. Allein ihre Accessoires sind es, die ihnen ihre Identität geben: der Mann mit der Baseballkappe oder die Menschen mit Schirmen und Taschen. Alle Figuren sind bei Opie mit einem dicken schwarzen Rand versehen, man denkt an Rembrandt, an den Schatten, Pop-Art-mäßig gewendet und aktualisiert als dicker Strich, als dunkle Kontur. Denn die Pop-Art will ohne Schatten auskommen, demonstriert sie uns doch in nimmermüder Ambivalenz die Welt als Ware und Oberfläche. Alle ausgestellten Werke sind natürlich käuflich.

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