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Literatur

Kosmonaut in schwarzer Ewigkeit

„Das Leben ist (k)eine Kunst“: Wladimir Kaminer doziert in Regensburg über die Zumutungen des realexistierenden Alltags.
Von Florian Sendtner, MZ

Der Kosmonaut der schwarzen Komik: Wladimir Kaminer im Antoniushaus
Der Kosmonaut der schwarzen Komik: Wladimir Kaminer im Antoniushaus Foto: Florian Sendtner

Regensburg.1971 wartet ein kleiner Junge in einem Moskauer Kindergarten auf den groß angekündigten Fotografen, der die Kinder „für die Ewigkeit“ ablichten soll. Der Fotograf kommt zuerst ewig nicht, man mutmaßt schon, er sei ein Trinker, aber als er dann drei Tage später, als sich die extra herausgeputzten Kinder längst wieder schmutzig gemacht haben, doch noch auftaucht und jedes Kindergartenkind fotografiert – die Mädchen als Ballerina, die Jungs als Kosmonaut – da wird das Versprechen mit der Ewigkeit doch noch eingelöst. Denn 2015, also einen Wimpernschlag später, erinnert sich der Kosmonaut Wladimir Kaminer an die Kosmonauten-Ballerina-Prozedur von damals – jedes Kind steckte den Kopf durch eine Papierwand, die entsprechend bemalt war – und schreibt eine Glosse darüber, die unter der Überschrift „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ das letzte Kapitel seines neuen Buchs „Das Leben ist (k)eine Kunst“ wird.

Im ausverkauften Regensburger Antoniussaal, dessen sowjetischer Charme für eine solche Veranstaltung wie geschaffen ist, las Kaminer nun aus dem Buch – jedenfalls: wenn er nicht gerade abschweifte, und das tat er die meiste Zeit. „Das erzähl’ ich später! Ich verzettel mich!“ Neben frei erzählten Moritaten von seiner Mutter, die seit 23 Jahren bei der Volkshochschule Englisch lernt, einem kurzen Exkurs zum Thema „Es gab keinen Sex im Sozialismus“, einem kleinen Abstecher in die allzu „spontane Vegetation“, wegen der Kaminer seinen Schrebergarten abgeben musste, sowie noch zig anderen Neben- und Untergeschichten, ist das Kapitel „Jede Ewigkeit ist schnell vorbei“ dann das einzige aus dem neuen Buch, das Kaminer wirklich vorliest.

Blitzartig stürzt die Story ins Absurde

Aber diese vier Seiten haben es in sich. Man muss bei Wladimir Kaminer ja schon lachen, bevor er den ersten Satz zu Ende gelesen hat. In Sekundenbruchteilen dreht er alles ins Absurde. Gibt es irgendwas, was der Mann vielleicht mal ernst nehmen kann? Doch, gibt es. Mitten in der aberwitzigsten Satire jubelt er einem kurz aufblitzende, wie nebenbei erwähnte ewige Wahrheiten unter, um die anderswo ein Mordsaufhebens gemacht würde.

„Als Vierjähriger hat man stets mit Ewigkeiten aller Art zu kämpfen.“

Wladimir Kaminer

In der Ewigkeitsglosse ist das zuerst die Feststellung, dass Kinder sich für die Ewigkeit gar nicht begeistern können. Denn als Vierjähriger habe man „stets mit Ewigkeiten aller Art zu kämpfen“, die nichts als „anstrengende, lästige Angelegenheiten“ seien. Jeder Erwachsene, der noch einen Rest an Erinnerung an seine Kindheit hat, kann das nur bestätigen.

„Wir rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wladimir Kaminer

Und am Ende mündet die so banal daherkommende Kindergartengeschichte auf einmal in einen Satz, der die ganze Sowjetunion geschichtsphilosophisch auf den Punkt bringt: „Unsere kommunistische Zukunft ist im Handumdrehen Vergangenheit geworden, ohne auch nur für eine Sekunde Gegenwart gewesen zu sein.“ Aber keine Angst, die Kapitalismusfans, die jetzt gerade losjubeln wollen, bekommen auch noch kurz Bescheid: „Die kapitalistische Vergangenheit wird heute als begehrtes Ziel, als bestmöglichstes Zukunftsmodell gepriesen.“ Aber was ist denn nun bitte die Gegenwart? „Und wir selbst rasen in einer komischen eiförmigen Rakete durch eine schwarze Ewigkeit, von einem betrunkenen Fotografen auf eine Papierwand gepinselt.“ Wusch! Plötzlich findet man sich in einer Shakespeare-Tragödie wieder.

Tragödien voller humoristischem Potenzial

Selbstverständlich geht es im nächsten Moment (wie bei Shakespeare) wieder satirisch und komödiantisch weiter. Die Geschichte „Die Syrer packen aus“ handelt von einem Paket, das aufgrund der Abwesenheit der Adressatin bei den neuen syrischen Nachbarn abgegeben wird – die es sofort auspacken. Sie denken, es sei eine Spende, und die Kindersachen, die in dem Paket sind, passen den Kleinen ja auch wie angegossen.

„Tragödien haben ein großes humoristisches Potenzial“, sagt Wladimir Kaminer. Er las am Donnerstagabend im Regensburger Antoniushaus.
„Tragödien haben ein großes humoristisches Potenzial“, sagt Wladimir Kaminer. Er las am Donnerstagabend im Regensburger Antoniushaus. Foto: Florian Sendtner

Kaminer kann sich einen kurzen Kommentar zu dieser Geschichte nicht verkneifen: „Tragödien haben ein großes humoristisches Potenzial.“ Tragödien? Kaminer meint die Flüchtlingstragödie, die hierzulande flugs zur „Flüchtlingskrise“ umgelogen wird (als läge die unerträgliche Belastung auf Seiten der Europäer). Es habe keinen Sinn, angesichts einer Tragödie nur zu weinen. „Von hinten“ betrachtet, sei eine Tragödie „gar nicht tragisch“. Sondern oft saukomisch. Wohl wahr. Ein befreiendes Lachen erfüllt den Antoniussaal.

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