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Kultur
Dienstag, 21. August 2018 29° 3

Mail-Art

Kostbarkeiten aus aller Welt in 80 Westpaketen

„Microwesten“ erinnert im Graz auf besondere Weise an den Mauerbau.
Von Fred Filkorn, MZ

Marian Mure hinter Matthias Roths Installation ohne Titel Foto: Filkorn

Regensburg. . Die jungen Menschen kennen sie schon gar nicht mehr. Als es noch zwei deutsche Staaten gab, waren sie eine feste Institution: die Westpakete. In ihnen schickten die Westbürger kostbare, weil seltene „Luxusgüter“ an die Ostverwandten. Zum Standardprogramm gehörten Kaffee und Schokolade, Feinstrumpfhosen und Zigaretten, Seifen und Parfüms.

„Interessanterweise sind das alles Produkte, die auch den Geruchssinn ansprechen“, erklärt Marian Mure vom Kunstverein Graz, die zusammen mit der Künstlergruppe „microwesten“ die Ausstellung organisierte. „Wir wollen an den Beginn des Berliner Mauerbaus vor 50 Jahren und an die Gründung von ‚microwesten‘ vor elf Jahren erinnern“. Die „microwesten“-Künstler haben alle an der Kunsthochschule in Kassel studiert, wo ihr Mentor Jürgen O. Olbrich die Prinzipien der Mail-Art unterrichtete. Wie der Name schon andeutet, ist bei der Mail-Art das Verschicken des Kunstwerkes per Post ein integraler Bestandteil des schöpferischen Aktes. In den Diktaturen Osteuropas bot die Mail-Art eine Möglichkeit, seinen politischen Widerspruch zum Ausdruck zu bringen.

„Von 200 weltweit angeschriebenen Künstlern haben 80 auf unsere Anfrage reagiert. Ihre Antworten auf das Thema Westpaket fallen ganz unterschiedlich aus, sie können persönlicher, politischer oder auch kunsthistorischer Natur sein“ berichtet Mure. Die sieben koreanischen Künstler etwa hätten einen ganz besonderen Bezug zur Thematik, da sie selbst in einem geteilten Land lebten.

Künstlerin Margaret Warzecha spielt mit dem Thema Zensur und hat eine Vinyl-Single und zwei Kaffeepackungen in einem Schokoladenblock verbacken, der angenehm vor sich hin duftet. Julia Hürter hat aus den USA eine Batterie Campbells Tomatensuppe und mehrere Packungen quietschbunter Marshmallows geschickt. Nicht durch den Zoll (und auf die Ausstellung) hat es die Installation von Christian Immonen geschafft. Zwei Schalter, die durch mehrere Drähte miteinander verbunden sind, sehen einfach zu sehr nach Paketbombe aus. „Dass passt aber ganz gut zu unserer Ausstellung. Die DDR-Grenzschützer haben ja auch so manches Päckchen verschwinden lassen“ sagt Mure.

Genaues Hinschauen ist angesagt. In Christine Raths Bleistiftspitzerdose etwa versteckt sich eine Malerfigur, die die transparente Außenwand schwarz-rot-gelb anmalt. Kim Dotty Hachmanns Schaufensterpuppen-Strumpfhose hält ein kleines Videofilmchen bereit, das eine junge Frau im Nachthemd zeigt, die Austern- und Champagner-schlürfend der Ostverwandtschaft vorjammert, wie der Gürtel wegen der Finanzkrise nun enger geschnallt werden müsse.

Die Ausstellung ist aber auch zum Anfassen gedacht. Schwede Krister Kühlwein hat aus Materialien wie Latex, Klebstoff oder Wachs exotische Südseefrüchte nachgebildet, wie sie für DDR-Bürger unerreichbar waren. Kühlweins Landsleute vom Künstlerkollektiv „Basecamp“ haben sich beim wilden Päckchenschnüren selbst gefilmt. Ihren Clip begleitet quirlige Zirkus-Pianoklimper-Musik, die den gesamten Ausstellungsraum erfüllt.

Geöffnet bis 29.Juli, jeweils Fr. und Sa., 16 bis 19 Uhr, Kunstverein Graz, Schäffnerstraße 21 . Am 29. Juli, 20 Uhr, werden die Westpakete versteigert.

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