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Kultur
Samstag, 23. Juni 2018 18° 2

Schauspiel

Krähe und Bär und der Wert der Freiheit

Das neue Kinderstück des Theaters Regensburg feierte Premiere. Es fasst junge Zuschauer nicht mit Samthandschuhen an.
Von Daniel Pfeifer

Zwei Tiere, zwei Welten: Marianna McAven als respektlose Krähe mit Netzstrümpfen und Berliner Slang, Felix Breuel als nihilistischer BärFoto: Iberl
Zwei Tiere, zwei Welten: Marianna McAven als respektlose Krähe mit Netzstrümpfen und Berliner Slang, Felix Breuel als nihilistischer BärFoto: Iberl

Regensburg.„Kein Frieden ohne Freiheit“, ruft der Bär. Die Krähe schaut verdutzt das Pelztier an, das zwischen Gitterstäben und Betonmauern des Zoos Kreise in den Boden läuft. Sie versteht es nicht. Denn sie hat zu jeder Zeit das, was der Bär sich sein Leben lang wünscht: Einen Ausweg.

Es ist eine ungewöhnliche Freundschaft, die die beiden Protagonisten des gleichnamigen Kinderstücks „Krähe und Bär“ verbindet, das am Samstag am Jungen Theater Regensburg Premiere feierte. Aber eine Freundschaft, die beiden Tieren mehr als nur einmal das Leben retten soll.

Respektlose Krähe mit Netzstrümpfen

Das klingt jetzt nicht so, wie man sich ein klassisches ulkiges Kinderstück à la „Räuber Hotzenplotz“ vorstellt. Das ist es auch nicht. Dafür sorgt das Ensemble um Marianna McAven als respektlose Krähe mit Netzstrümpfen und Berliner Slang, Felix Breuel als nihilistischer Bär und der herausragende Nebendarsteller Ludwig Hohl in vier vogelwilden Rollen. So realistisch bewegen sich die Schauspieler auf der Bühne, dass man manchmal vergisst, dass da ein Mensch und keine Krähe sitzt. Und jeder, der bereits einen Braunbär in Gefangenschaft gesehen hat, mit seinen monotonen, immer gleichen Bewegungen, wird sich hier daran zurückerinnern.

Regisseur Harald Fuhrmann inszenierte mit „Krähe und Bär“ zum ersten mal ein Kinderstück und schaffte direkt etwas Bemerkenswertes: Ein Stück für Kinder ab 9 Jahren, das die jungen Zuschauer nicht mit Samthandschuhen anfasst und nicht behandelt, als wären sie blöd.

Viel weniger deprimierend als Rilkes „Panther“

Das tragisch-komische Stück, das 2016 dem Autor Martin Baltscheit den deutschen Kindertheaterpreis einbrachte, schreckt nicht zurück vor philosophischen Themen, erwachsener Sprache und großer Dramatik. Es geht nicht nur um Freundschaft, sondern auch um die Freiheit, sein Leben selbst zu gestalten. Das ethische Dilemma, andere einzusperren, um sich selbst sicher zu fühlen. Es geht darum, über die Mauern des Alltags hinwegzusehen und sich immer nach dem vermeintlich grüneren Gras auf der anderen Seite zu sehnen: Die Krähe würde gerne jeden Tag drei Mahlzeiten bekommen wie der Bär, anstatt ständig ums Überleben kämpfen zu müssen. Der Bär wäre viel lieber frei wie die Krähe.

Ein Schicksal wie Rilkes „Panther“, aber keine Angst: viel, viel, viel weniger deprimierend. So trist auch die Welt der Charaktere scheint, auf der großartig gestalteten Bühne in massiver Beton-Optik: Zwischen all dem Grau glüht die Lebensfreude der Krähe und früher oder später auch des Bären. Der Humor des Stücks, mal Slapstick, mal clevere Satire, funktioniert erstaunlich gut bei Erwachsenen wie auch Kindern. Das tiefgründige Stück läuft noch bis Ende Juni (blöd für alle Älteren: meist vormittags), soll aber im Herbst wiederaufgeführt werden.

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