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Premiere

Kühles Gefühl und kristallklare Musik

Die Staatsoper eröffnet die Opernfestspiele mit „Pelléas et Mélisande“: Christiane Pohles Regie lässt Debussy viel Raum.
Von Michaela Schabel, MZ

  • Ein junger Mann von heute und eine zarte, aber offenbar schwer affekt-gehemmte Frau: Elena Tsallagova als Mélisande und Elliot Madore als Pelléas Foto: Wilfried Hösl/Bayerische Staatsoper
  • Eine Szene aus „Pelléas et Mélisande“: Menschen holen an einem Tresen Pakete ab, aus denen sie Flügel, Blumentöpfe oder überdimensionierte Hasenköpfe entnehmen. Foto: Wilfried Hösl/Staatsoper

München.Vehement folgt dem tosendem Applaus für Sänger und Orchester beim Auftakt der Münchner Opernfestspiele ein Orkan von Buhs. Kein Wunder, die Regie von Christiane Pohle irritiert Besucher, die Claude Debussys einzige Oper „Pelléas et Mélisande“ nicht kennen oder eine romantische Inszenierung erwarten.

Christiane Pohle inszeniert gegen das Libretto und holt die leicht verstaubte Liebesgeschichte in die Gegenwart heutiger Beziehungslosigkeit – ein raffinierter Schachzug, der im ersten Teil bestens gelingt, nach der Pause in mitmenschlicher Erstarrung konsequent weiterführt, dabei aber das Verständnis vieler Zuschauer überstrapaziert, obwohl Debussys komplexe Musik und die exzellente sängerische Interpretation bestens zur Wirkung kommen.

Mechanisierte Menschenfiguren

Statt Wald, Grotte und Wasser findet der alte Golaud die junge verängstigte Mélisande in einer nüchternen Hotelrezeption. Golauds Schloss gewinnt in glatten Architekturlinien kafkaeske Kälte (Bühne: Maria-Alice Bahar). Die Menschen, unfähig Gefühle zu zeigen, bewegen sich langsam, fast somnambul, ohne sich zu berühren. Im verglasten Nebenbau wird das Innenleben der mechanisierten Menschenfiguren von Statisten als Alter Ego visioniert. Wunderbar schlichte szenische Metaphern gelingen, wenn die Menschen nur einzeln zur Rezeption kommen und sie wieder einzeln verlassen, wenn nur Sprünge in die Höhe die Bewegungsmelder für die Türen aus dem eigenen Psychogefängnis öffnen. Ein Friedensvogel legt die gigantischen weißen Flügel ab, eine schwarz verschleierte Frau greift als allegorischer Tod nach einem der Zimmerschlüssel. (Kostüme Sara Kittelmann). Mélisandes Alter Ego steigt über eine steile Metallleiter dem Licht entgegen; sie bleibt im Spiel in ihrem Kokon aus Distanz. Gerade die Diskrepanz zwischen subtil analytischem Spiel, in dem nur die Lichtregie (Benedikt Zehm) den Wechsel der Emotionen visualisiert, gibt Raum, um Debussys komplexe Musik aktiv zu hören und eigene Interpretation und Fragestellungen zu entwickeln.

Unter der musikalischen Leitung von Constantinos Carydis entfaltet sich ein klanglich präzises Feuerwerk: Debussy vom Feinsten. Töne raunen, perlen, glitzern, verweben sich zu akustisch oszillierenden Kostbarkeiten, in denen Klangstrukturen aufleuchten, plötzlich stoppen, neu ansetzen, mitunter ins Dissonante umkippen oder ganz modern dynamisieren. Constantinos Carydis setzt auf hauchdünnes Piano; umso packender wirkt das Forte der Leidenschaft, in dem sich die ausgesprochen schönen und individuellen Stimmtimbres als Tonlinien im Flirren der Instrumente absetzen.

Einfach großartig: Elena Tsallagova

Kristallklar, facettenreich, klangschön, einfach großartig singt Elena Tsallagova die Mélisande als engelreine, zarte Mädchenfrau. Markus Eiches voluminös dämonischer Bass passt hervorragend zur dominanten Rolle Golauds. Elliot Madore als Pelléas gewinnt im zweiten Teil an leidenschaftlichem Volumen und auch Alastair Miles als weiser Großvater zeigt zunehmend die Strahlkraft seiner Tiefe. Zu Recht bejubelt wird die helle klare Kinderstimme des Tölzer Sängerknaben Hanno Eilers als Sohn Nold. Okka von der Damerau gibt Geneviève die Würde und Wärme einer wissenden Mutter. Peter Lobert lässt aufhorchen; man möchte diesen mächtigen Bass nicht nur in einer Minirolle als Arzt genießen.

Das Resümee: ein fantastischer Opernabend, in dem die Musik im Vordergrund steht und die Regie subtile Denkansätze liefert. Im Wechselbad von Bravo und Buh nahm Alastair Miles den Stuhl als Zeichen für die Qualität der Regie mit auf die Bühne. Recht hat er!

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