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Aufführung

Künstlerische Großtat der Kantorei

Mit dem inhaltlichen Beitrag zum Reformationsjahr überzeugt das Chorkonzert der Regensburger Kantorei das Publikum.
Von Gerhard Dietel , MZ

  • Fotos: Peter Pavlas

Regensburg.Der Mut zum Risiko wurde belohnt: Obwohl diesmal nicht ein Repertoirestück auf dem Programm des Chorkonzerts der Regensburger Kantorei stand, so war doch die Dreieinigkeitskirche gewohnt gut besucht. Offenbar ist Verlass auf ein treues Stammpublikum, das zudem Neugier aufbringt, ein verschollenes Werk der Oratorienliteratur kennen zu lernen.

Die Ausgrabungsarbeit hatte ihren konkreten Anlass, denn Kirchenmusikdirektor Roman Emilius wollte einen inhaltlichen Beitrag zum aktuellen Reformationsjubiläum leisten und wurde auch fündig: zwar nicht in Gestalt eines direkten Luther-Oratoriums (das es durchaus gibt: „Luther in Worms“ von Ludwig Meinardus), aber doch mit einem Werk, das dessen tschechischen Vorläufer Johann Hus feiert, der wegen seiner Kritik an der Amtskirche als Ketzer während des Konstanzer Konzils 1415 den Feuertod erleiden musste. Komponiert hat es im Jahre 1841 Carl Loewe, von dem heute nur noch seine Balladen-Vertonungen lebendig geblieben sind. Dass Loewes Oratorium, von dem auch keine künstlerisch zureichenden Einspielungen verfügbar sind, einmal wieder öffentlich aufgeführt wurde, darf man als künstlerische Großtat bezeichnen. Zu Recht wurden am Ende alle Beteiligten gefeiert, die der verstaubten Partitur mit viel Hingabe Leben einhauchten: Voran der Chor der Kantorei, der noch durch eine ungewohnte Aufstellung mit gezielter Durchmischung der Stimmgruppen zu höchster Konzentration gefordert war. Dazu ein die Aufführung verlässlich tragendes Kammerorchester und schließlich die Gesangssolisten.

Magestätisches Format verliehen

Der Tenor Thomas Volle gab der Hauptfigur Johann Hus charismatische, in ihrer Glaubensgewissheit selbstbewusste Züge, David Jerusalem glänzte in mehreren Rollen als profunder Bass, und Felix Rathgeber (ebenfalls Bass) verlieh den historischen Herrschergestalten majestätisches Format. Nicht gleiche Klarheit der Diktion erreichte Monika Rydz (Sopran) in der Königinnen- oder Kaiserinnenrolle. Ihrer Arie „Dort im fernen Heimatlande“ verlieh die Altistin Franziska Markowitsch mit Erfolg mehr Ausstrahlungskraft als der Notentext eigentlich verspricht. Ist Loewes „Hus“ ein vergessenes Meisterwerk, das wieder Eingang ins Repertoire finden könnte? Da muss man Zweifel anmelden. Robert Schumann, der den „Hus“ zur Entstehungszeit mit einer ausführlichen Rezension würdigte, bemängelte bereits eine gewisse „Pedanterie der Einfachheit“ in Loewes Musik, eine Unausgewogenheit zwischen allzu großer Simplizität und demonstrativer Künstlichkeit.

In der Tat: es gibt in dieser Partitur seltsame Stilbrüche zwischen gelungenen Anleihen bei der barocken Musiksprache, die in den Rezitativen und Choralstrophen „Was mein Gott will“ aufscheint, und einem allzu treuherzigen Biedermaier-Tonfall. Eigenwillig mutet zumal der Mittelteil des Werks mit seiner ganz dem 19. Jahrhundert verhafteten Zigeuner-, Wald- und Hirtenromantik an. Gegengewicht: ein doppelt anachronistisches, das Konstanzer Konzil symbolisierendes „Kyrie“ im leicht romantisierten Palestrina-Stil des 16. Jahrhunderts, schwebend leicht a cappella intoniert vom Kantorei-Chor.

Schlagkraft durch zügige Tempi

Über gewisse Schwächen der Komposition trug eine beherzte Aufführung hinweg, bei der Roman Emilius oft bewusst zügige Tempi vorgab. Vieles erreichte dadurch dramatische Schlagkraft, so der fanatisch Hussens Feuertod fordernde „Chor der Geistlichen“, an die Turba-Chöre Bachscher Passionen erinnernd. Quasi-szenische Mittel sorgten für weitere Belebung: Raumklang-Effekte im zweiten Teil, wo sich bei Hussens Wanderung von Prag nach Konstanz der Chorklang wie aus der Ferne kommend allmählich zu voller Präsenz aufbaute, oder das Mitspiel der Glocken der Dreieinigkeitskirche zur Eröffnung des Konzil-Teils.

„Rom liebt den Brand, doch liebt es nicht das Licht“: diese Sentenz des Librettisten Johann August Zeune prägt sich dem Gedächtnis des Hörers ein. Mit dem „Chor der Flammengeister“, einem der gelungensten Stücke der Partitur, endet das Oratorium. „Jetzt bratet ihr die Gans“, ruft Hus auf dem Scheiterhaufen aus und prophezeit: „Bald kommt ein Schwan, den wird man ungebraten lahn“ – ein Schwan namens Martin Luther, wie man dem an dieser Stelle plakativ herausgestellten Zitat des „Ein feste Burg“ entnimmt.

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