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Ausstellung

Kunst, die die Welt erfahren hat

Beeindruckende Schau im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg: Fotografien von Olaf Unverzart, Zeichnungen von Andreas Töpfer.
Von Gabriele Mayer, MZ

Der aus dem Bayerwald stammende Fotograf Olaf Unverzart vor einer Fotografie seiner Serie „Strata“
Der aus dem Bayerwald stammende Fotograf Olaf Unverzart vor einer Fotografie seiner Serie „Strata“ Foto: altrofoto.de

Regensburg.Die Fotografien von Olaf Unverzart und die Zeichnungen von Andreas Töpfer sind das Interessanteste, was an deutscher Gegenwartskunst in den letzten Jahren in einer nicht-privat geführten Kunstinstitution Regensburgs gezeigt wurde. Olaf Unverzart, Jahrgang 1972, ist auf einem Bauernhof bei Cham aufgewachsen, hat in Leipzig studiert, war Villa-Massimo-Stipendiat und wurde mit etlichen Preisen bedacht.

Die große Werkschau im Kunst- und Gewerbeverein versammelt Bilderserien von Reisen in 30 Länder, die in vier seiner Foto-Bücher dokumentiert sind. Auch diese Bücher kann der Besucher anschauen, das Layout und die grafische Gestaltung stammen von Andreas Töpfer. Er ist mit einer eigenen kleinen, sehr eindrucksvollen Werkschau in der Ausstellung vertreten, mit zahlreichen gezeichneten Tagebuchblättern und notizendurchsetzten Zeichnungen, die auf der Galerie zu sehen sind. Töpfer ist Jahrgang 1971, lebt in Berlin und bewegt sich in Grenzbereichen, in denen es zugleich um die Erkundung von figürlichen Darstellungen als Aufzeichnungs- und als Erkenntnismedium, um eine Sprache der Poesie und um eine Philosophie der Zeit geht. Doch der Reihe nach.

Eine ungewohnte Unschärfe

Unverzarts Fotografien von Menschen, Tieren, Landschaften und Situationen, viele in Schwarz-Weiß, tragen keinerlei Titel, keine Orts- und Zeitangaben. Wichtig sind vielmehr die Unbestimmtheiten, Unübersichtlichkeiten und das Unvollständige. Zum Beispiel: Man kann nicht sofort genau und endgültig feststellen, wie das Gezeigte zu deuten ist, es enthält aber eine besondere Intensität und Komplexität, wodurch der Deutungsüberschuss überhaupt erst auffällt.

Vieles ist ungewohnt: zum Beispiel die Unschärfe. Oder die ruhige Schärfe, etwa bei den Felsformationen aus der Farbserie zu den Alpen. Oder der Blickwinkel und Bildausschnitt, so dass Menschen und Dinge nur teilweise ins Bild „treten“. Das deutet einen zeitlichen Verlauf an, der eben nicht zur Gänze sichtbar sein kann, aber ein Vorher und mögliches Nachher des festgehaltenen Moments geltend macht. Die Zeit weitet sich.

Störungen und Ergänzungen

Eine Säule ragt in der Mitte eines Bildes hoch, zwei Arbeiter setzen ihre Füße in Gegenrichtung daran vorbei. Diese absichtslose Gegenbewegung um die Säule suggeriert eine Zeiterfahrung, in der Stillstand und Ausdehnung verschmelzen. Überhaupt scheinen Zeiten und Orte auf den Bildern sich selbst zu überschreiten: in ein Davor und Dahinter, ein Entgegen und Dazwischen, in Störungen und Ergänzungen.

Ausstellungsbesucherinnen vor der Serie „früher wurde es später wieder heller“ des Fotografen Olaf Unverzart im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein
Ausstellungsbesucherinnen vor der Serie „früher wurde es später wieder heller“ des Fotografen Olaf Unverzart im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein Foto: altrofoto.de

Alles entfaltet bei diesen Bildern Geschichte und Transparenz: Es lebt, es partizipiert an etwas, das wir nicht überschauen können, aber das uns durchdringt, und wofür wir Anzeichen wahrnehmen. Auch die Bilder, eines neben dem anderen, und die Bilderseiten der Bücher durchdringen einander und uns. Olaf Unverzart inszeniert und verändert seine ausschließlich analogen Fotos nicht. Sie entstehen aus dem Erleben von Situationen und Umgebungen, sagt er. Das Erleben ist das Entscheidende für ihn. Dann erst kommt das Bild, das dieses Erlebnis dokumentiert.

Berufswunsch: Radrennfahrer

Für derartige Fotografien braucht man wie für jede Form von Empathie reichlich Konzentration und Treue: zu sich selbst und den eigenen Empfindungen. Und Durchhaltevermögen: Das Spüren der Welt auf dem eigenen Rücken. Ursprünglich wollte Unverzart Radrennfahrer werden. Nun ist er der Autor dieser Bilder, derart, dass auch der Betrachter etwas fühlt, erinnert, assoziiert, erlebt in aller Differenziertheit und notwendigen Offenheit.

Im Unterschied zu Bildern gängigerer Art enthalten sie, indem sie scheinbare Belanglosigkeiten und Anonymitäten aus aller Welt mit unglaublicher Raffinesse darstellen, die Abweichung, das Individuelle, Indirekte und also auch das Ominöse und Bedrohliche. Bei diesem Fotografen kommen Absichtslosigkeit und Bewusstheit, Genauigkeit und Unaufdringlichkeit überein.

Der Grafiker Andreas Töpfer zeigt im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein gezeichnete Tagebücher
Der Grafiker Andreas Töpfer zeigt im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein gezeichnete Tagebücher Foto: altrofoto.de

Ähnlich wie bei Andreas Töpfer. Bei ihm geht es um gezeichnete Tagebücher und Aufzeichnungen, die sein Erleben, Denken und Handeln in seinen Verläufen visualisieren und sozusagen bildend denken und rückblickend neu entfalten: flüchtige, figurative zeichnerische Formen, assoziiert, auseinandergelegt und in Ordnungen gebracht. Blätter und Notizbücher dokumentieren Vergangenes als empfundenes, subjektives, aber objektiv reflektierbares Leben. Unter anderem geht es um Visualisierungsversuche von Erfahrungen des Hörens und Riechens. Die Zeichnungen und Texte erspüren, analysieren und umdenken diese Dinge erfinderisch. Eine ungeahnte Verbindlichkeit erwächst daraus und Wahrnehmungsverfestigungen lockern sich. Nicht wissen, wo es langgeht, und etwas ertasten, das ist bei beiden Künstlern das Gegenteil von Oberflächlichkeit. Es geht bei dieser Kunst darum, die Wirklichkeit erfahren zu wollen, statt geplante Effekte mit ihr zu erzielen. Das Neuland dieser Ausstellung kann man erkunden, es sperrt sich nicht.

Die Ausstellung „Letzte Fassung“ ist bis 6. Januar 2016 im Kunst- und Gewerbeverein, Ludwigstraße 6. zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr.

Führungen bietet die vhs am 28. November und 12. Dezember, jeweils um 11 Uhr an. Anmeldung: www.vhs-regensburg.de, Tel. (09 41) 5 07-24 33

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