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Malerei

Kunst: Stillleben voller Geheimnisse

Die Städtische Galerie zeigt Jan Dörres „Vögel und Schatten“. Der Leibziger Künstler frönt einem akribischen Realismus.
Von Gabriele Mayer

Rätsel-Stillleben in Öl: Jan Dörres „Vögel und Schatten“ sind bis 16. Juni in der Städtischen Galerie zu sehen. Foto: Jan Dörre
Rätsel-Stillleben in Öl: Jan Dörres „Vögel und Schatten“ sind bis 16. Juni in der Städtischen Galerie zu sehen. Foto: Jan Dörre

Regensburg.Jan Dörre hat an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig bei Sighard Gille studiert. Der war Schüler von Bernd Heisig, einem prominenten Mitglied der sogenannten Leipziger Schule der DDR, die sich, als im Westen Ungegenständliches favorisiert wurde, auf figurative Malerei konzentrierte. Die nach der Wende entstandene sogenannte Neue Leipziger Schule setzt diese Ausrichtung fort. Wobei es nun weniger um politische Inhalte geht, eher um Verrätselungen, jedenfalls um die unsichere Stellung des Einzelnen zur allgemeinen und zu seiner eigenen Geschichte, man denke nur an das Werk von Neo Rauch.

Um gegenständliche Malerei und vor allem um Verrätselung geht es auch bei Jan Dörre. Die Ausstellung mit einigen großformatigen und vielen kleinen Arbeiten entstand in Zusammenarbeit mit der Galerie Leuenroth in Frankfurt, die Dörres Arbeiten anbietet und natürlich ein Interesse hat, ihn publik zu machen.

Er frönt mit seinen Ölbildern einem akribischen Realismus, der an Altmeisterliches angelehnt ist, genauer an altmeisterliche Stillleben, wobei auch viele der Gegenstände, die er auf den oft verschatteten Bildern versammelt, an die altmeisterlichen Stillleben mit leblosen Dingen und mit Früchten erinnern, die dem Verfall anheimgegeben sind, auch das Skelett spielt bei Dörre eine Rolle.

Barock-Elemente aufgegriffen

Im Barock steht das Stillleben, symbolisch hoch aufgeladen, für die Vergänglichkeit, und das Dargestellte hat mehrfache Bedeutung. Diese Tradition greift Dörre spielerisch auf, steigert alles durch die Kombination der gezeigten Dinge, und ein ganzes Repertoire an Motiven ist zu entdecken, das er variierend wiederholt: die Äpfel, die Kirschen, die Schlangen, die Vögel, die Schmetterlinge, Bücher, der Faden, das Messer, das Brot, die Knochen und Vorhänge, halb aufgezogen für den Blick auf eine ferngerückte archaische Landschaftskulisse.

Eine raunende Atmosphäre von Zeitlosigkeit, Überzeitlichkeit oder Zurückgelassenheit entsteht. Schatten und Perspektiven stimmen oft nicht ganz, eine Absicht, um Verunsicherung auszulösen. In einem Laib Brot steckt ein Messer, ein Ur-Insekt schwebt darüber, ein weißer Würfel und ein Buch liegen im Vordergrund und durch eine Öffnung ist in ferner Wüstenei ein Berg zu sehen, und eine Treppe, die mit dem Messer korrespondiert. Die einzelnen Dinge in Dörres Bildräumen sind in Bezug zueinander gesetzt, der aber nicht nur formalästhetischer Natur zu sein scheint, denn er ist ungewöhnlich und wirkt befremdend, und das erzeugt Geheimnishaftigkeit, die die dunkle Phantasie und den kriminalistischen Eifer beschwört. Zumal immer auch einzelne Gegenwartsdinge wie hellblaue Gummihandschuhe oder eine Taschenlampe eine Rolle spielen, ein Eigenleben erhalten, eine Spur zu liefern scheinen.

Rätsel um des Rätsels willen

Wie bei dem Bild am Eingang, wobei man die Details nicht übersehen darf. Die Cowboystiefel, die T-Shirts, darauf Porträts von Che und Jesus, eine idealisierte Prärie-Szenerie, verhangen, entleert, Schlangen, die einander fressen, Reste, Illusionen. Verlassen ist alles und wirkt magisch aufgeladen von der Kraft einstmaligen menschlichen Lebens. Und die Schlangen scheinen sich tatsächlich zu schlängeln, die Vögel scheinen zu singen, zu beobachten, zu verstehen, und anstelle von uns, den Betrachtern, alles zu kommentieren. Aber vielleicht sind sie nur aus Plastik. Ein Raffinement.

Die Darstellung von Skeletten versucht das Unheimliche zu forcieren, sie banalisiert es: zu „dick“ aufgetragen bei flacher Malweise, die insgesamt auch ein Rekurs auf die Moderne, genauer auf die Neue Sachlichkeit und ihre nüchterne Melancholie ist. Vielleicht bleibt einem Künstler, der im Zeitalter der Fotografie diese ans Altmeisterliche grenzende, jedenfalls sehr realistisch abbildende Darstellungsart pflegt, als Möglichkeit, um Effekte und Aufmerksamkeit zu erzielen, nur zweierlei: entweder das Trompe-l’oeil oder die Verrätselung. Rätsel um des Rätsels willen, das sich dann in heutiger geheimnisfremder Zeit selbst genug ist.

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