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Jubiläumsausstellung

Kunstplattform mit langer Tradition

Kriege, Wiederaufbau, der Sprung ins 21. Jahrhundert: Der Kunst- und Gewerbeverein Regensburg erinnert an seine 175-jährige Geschichte.
Von Ulrich Kelber, MZ

  • Glaskünstler Erwin Eisch ist in der Ausstellung mit „Zärtliches Schauen“ (Ausschnitt) vertreten. Fotos: altrofoto.de
  • „ Landschaftliches aus Böhmen“ von Rupert D. Preißl Foto: altrofoto.de
  • Bild ohne Titel von Gunther E. Schneider Foto: altrofoto.de
  • Bild unbekannten Titels von Xaver Fuhr (Ausschnit; Leihgabe) Foto: altrofoto.de
  • Das Kunst- und Gewerbehaus in der Ludwigstraße 6. Hier ist die Jubiläumsausstellung zu sehen.Foto: altrofoto.de

Regensburg. Bereits 1839, ein Jahr nach seiner Gründung, wurde beim Regensburger Kunstverein ein Gemälde gezeigt, das heute – so die Umfragen der Meinungsforscher – zu den „Lieblingsbildern der Deutschen“ zählt. Es war Carl Spitzwegs „armer Poet“, der so kümmerlich in einer Dachkammer haust. In München war Spitzweg für dieses Motiv heftig kritisiert worden, in Regensburg hatte der Künstler mehr Erfolg. In seinem eigenhändig geführten Verkaufsverzeichnis listet er auf, dass er hier neben dem Poeten-Bild noch zwei weitere Gemälde verkaufen konnte.

Den „armen Poeten“ (heute in der Neuen Pinakothek in München, wobei es allerdings mehrere Fassungen des Gemäldes gibt; ein früher Entwurf wurde im vergangenen Jahr bei Sotheby’s versteigert) gibt es jetzt bei der Jubiläumsausstellung nicht zu sehen. Aber auch so wird klar, welch große Rolle der Verein im Kulturleben der Stadt bis heute spielt.

Bereits 1839 hatte der Kunstverein 250 Mitglieder, er residierte zunächst in der „Residenz“ am Domplatz, hatte später Räume im Thon-Dittmer-Palais und in dem damals ziemlich herunter- gekommenen Runtingerhaus. Erst bei der Fusion 1925 fand er Unterschlupf beim Gewerbeverein, der über das stattliche Gebäude in der Ludwigstraße verfügte, das noch heute das Domizil bildet (und mit seinen Mieterträgen dem Verein über die Mitgliedsbeiträge hinaus eine solide finanzielle Basis verschafft).

Der Anfang war ganz Biedermeier

Architekturpläne von Max Schultze vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigen, dass die Fassade zunächst ganz anders aussah. Neben allerlei Schmuckemblemen verlief über die ganze Frontseite ein Puttenfries, auf dessen Reliefs verschiedene Handwerksberufe dargestellt wurden. Erst bei einer neuerlichen Renovierung in der Zeit um 1928 bekam der Bau das „neusachliche“ Gesicht von heute, das von den markanten Portalfiguren des Bildhauers Ludwig Kunstmann geprägt wird.

Eine „Biedermeierstube“, möbliert mit Leihgaben aus dem Historischen Museum, symbolisiert bei der Ausstellung die Anfänge des Vereins. Dazu gibt es Gemälde von Hans Kransberger oder Zunftkannen aus der Zinngießerei Wiedamann. Dass die bürgerliche Behäbigkeit in Regensburg lange fortlebte, zeigen Entwürfe für Wandgestaltungen aus der Zeit um 1920. In diesen Lehrlingsarbeiten finden sich noch Anklänge an Historismus und Jugendstil. Landschaftsbilder und Stillleben von Günther Zacharias und von Otto Zacharias erinnern an die bedeutsame Regensburger Künstlerfamilie.

Befreiung aus NS-Verstrickungen

In einem weiteren Ausstellungsraum dominieren die Dokumente. Viele Plakate und Fotos belegen die Aktivitäten des Vereins. Entdeckt wurde bei den Vorbereitungen auch eine vergessene Graphik-Mappe von 1942. Sie war als Dankesgabe an den Verleger und Druckereibesitzer Gustav Bosse gedacht, der von 1927 an Vorsitzender des Kunst- und Gewerbevereins gewesen war und dieses Amt aus Krankheitsgründen 1941 aufgegeben hatte. Bosse ist eine Persönlichkeit, die man heute eher kritisch sehen muss. Er hatte es in der NS-Zeit geschafft, die von den Machthabern angedrohte Auflösung des Vereins zu verhindern, aber er war auch verantwortlich dafür, dass bereits 1936 in Regensburg eine Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurde. Sehr brav und konform mit dem Kunstgeschmack der Nazis sind auch die Graphiken in der „Erinnerungsgabe“, darunter zwei züchtige Aktbildnisse von Franz Ermer und Franz Weichmann sowie das Blut-und-Boden-Porträt einer „Mainfränkischen Bäuerin“ von Hans Zeitner.

Mit Werken aus der vereinseigenen Kunstsammlung und mit zahlreichen Leihgaben wird an die Künstler erinnert, denen der Kunst- und Gewerbeverein nach 1945 Ausstellungen widmete. Beispielhaft für den Neuanfang und für die Befreiung aus NS-Verstrickungen ist Xaver Fuhr: Der in der Nazizeit verfemte und verfolgte Künstler, der 1943 in Nabburg Zuflucht gesucht hatte, wurde bereits 1946 mit einer Ausstellung gewürdigt. Von ihm gibt es nun eines seiner kantig-klaren Bilder aus den 60er Jahren zu sehen und als Überraschung – weil recht ungewöhnlich in seinem Werk – zwei bemalte Vasen.

Geweckt wird das Gedächtnis an Josef Achmann und Max Wissner sowie an viele weitere verstorbene Künstler wie Kurt von Unruh, Willi Ulfig, Otto Baumann, Josef Karl Nerud, Hans Geistreiter, Hannes Weikert, Rupert Preißl, Rudolf Pospieszczyck oder den Tierbildhauer Heinz Theuerjahr. Von Walter Hagen wird ein eindrucksvolles Frauenporträt gezeigt, von dem Bildhauer und einstigen Dombaumeister Richard Triebe ein abstrakt-geometrischer Kubus aus gelblichem Kalkstein. Der Spätexpressionist Josef Georg Miller aus Kallmünz ist ebenso vertreten wie der vor vier Jahren verstorbene Schwandorfer Bildhauer Peter Mayer.

Und dann gibt es eine Revue der Gegenwartskünstler: Vom Frauenauer Glasgestalter und Maler Erwin Eisch, den Regensburgern Klaus Caspers und Heiner Riepl, dem Bildhauer Ernst Geserer bis zu Vertretern der jüngeren Generation wie Jörg Schemmann, Jürgen Schönleber, Conny Siemsen oder Sabine Straub. So ergibt sich eine spannende Konfrontation höchst unterschiedlicher künstlerischer Richtungen.

Der Anspruch stieg kontinuierlich

War es anfangs die Idee der Kunstvereine, angekaufte Kunstwerke unter den Mitgliedern zu verlosen (alte Listen geben darüber Auskunft, wie das in Regensburg ablief), wurden dann später alle Mitglieder mit „Jahresgaben“ bedacht. Auch diese Graphiken sind nun zu sehen. Dominierten zunächst Stadtansichten (etwa von Franz Ermer oder Ferdinand Kieslinger), wurden die Arbeiten ab Ende der 60er Jahre zunehmend anspruchsvoller und auch inhaltlich herausfordernder. Blätter von Günter Filus, Johanna Obermüller, Peter Dorn, Richard Vogl, Heiner Glas und Manfred Mayerle sind dafür beispielhaft. Der Kunst- und Gewerbeverein hat den Weg ins 21. Jahrhundert gut geschafft.

Service

Die Jubiläumsausstellung „175 Jahre“ wird heute, Freitag, um 19 Uhr in den Räumen des Kunst- und Gewerbevereins in der Ludwigstraße eröffnet.

Zu sehen ist sie bis zum 12. Mai, geöffnet Dienstag bis Sonntag von 12 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.

Am 28. April gibt es im Rahmenprogramm um 18 Uhr ein Konzert mit der Musikgruppe „Passepartout“.

Am 12. Mai (dem Gründungstag von 1838) findet um 18 Uhr ein Festakt statt.

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