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Kunstvoller Platzverweis: Das sitzt!

Barbara Engelhard reklamiert den öffentlichen Raum für Regensburger – doppeldeutig, subversiv und politisch relevant.
von Gabriele Mayer, MZ

Wer hier sitzt, ist Teil der Kunst: Vernissagenbesucher auf dem „Sigismund-Platz“ von Barbara Engelhard
Wer hier sitzt, ist Teil der Kunst: Vernissagenbesucher auf dem „Sigismund-Platz“ von Barbara Engelhard Foto: Tino Lex

Regensburg. Barbara Engelhard, die an der Nürnberger Akademie studiert hat, wirkt als Künstlerin nicht im musealen, sondern im öffentlichen Raum, und das Publikum wird unweigerlich Teil ihres Kunstwerks. Man mag es Konzeptkunst und, im Anschluss an Beuys, soziale Plastiken nennen, was sie schafft, jedenfalls greift sie gegebene Sachverhalte auf, die man vielleicht gar nicht (mehr) bemerkt, die man aber auf andere Weise als bisher handhaben könnte.

Es geht bei dieser Kunst um Orte, und es geht um die Stellung in und zu diesen Orten. Zum Beispiel hat die Künstlern Leute, die an Bahnsteigen warteten, gebeten, sich zu lebenden Skulpturen zu organisieren, (und hat die Szenen dann fotografisch dokumentiert). Man kommt in Berührung miteinander. Man bekommt einen Sinn für ein Tun, das nicht den vorgeschriebenen Bahnen folgt. Das hat einen kritischen und einen spielerischen Aspekt bei Barbara Engelhard.

Die Kapelle wird zum „Sigismund-Platz“

In der Sigismundkapelle geht es ihr um das Verhältnis von öffentlichem und privatem Raum. „Sigismund-Platz“ heißt das Projekt im Ausstellungsraum. Das ist wörtlich zu nehmen. Engelhard hat mit ihrer Ausstellung nicht mehr und nicht weniger als einen neuen, wenn auch künstlichen öffentlichen Ort geschaffen. Ausgestattet hat sie ihn mit Regensburger Gehwegplatten, mit einem originalen Straßenschild, mit Verkehrsschildern, Papierkörben, in die man etwas hineinwerfen darf, und vor allem: In der Mitte des Raums stehen zwei Holzbänke mit Lehne einander gegenüber, auf denen die Vernissage-Besucher sich auch gleich niedergelassen und sie sich im Sinne der Künstlerin angeeignet haben. Jeder ist nun eingeladen, diesen Raum für die Ausstellungsdauer zu begehen und nach Gusto zu benutzen. Längerer Aufenthalt ist möglich und sogar gewünscht.

Wer verweilen will, muss löhnen

Bitte Platz nehmen!

  • -Ausstellung

    Die Vernissage wurde untermalt von „Fräulein Schnürschuh – Akustiktrio“ und ihrer Straßenmusik. Der welterfahrene Fotograf Michael Bry ging gleich in medias res und hat ihnen etwas in ihren Hut geworfen. Der „Sigismund-Platz“ ist bis zum 27. November geöffnet: in der Sigismundkapelle im Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8, Mittwoch bis Freitag, 17 bis 19 Uhr, Samstag, 11 bis 16 Uhr, und nach Vereinbarung.

  • Künstlerin

    Barbara Engelhard ist Jahrgang 1974. Sie hat an Nürnberger Akademie bei Christine Colditz, Werner Knaupp und Simone Decker studiert.

Die Künstlerin sagt, der öffentliche Raum gehört den Menschen, doch er wird zunehmend privatisiert. Man kann in der Altstadt von Regensburg zwar sitzen, jeder Gastronomiebetrieb hat seine Freisitze, der Haidplatz ist voll davon, aber wenn man Platz nehmen, verweilen, sich unterhalten, ausruhen, schauen will, dann muss man dafür bezahlen, man muss konsumieren und kann nicht einfach sein eigenes Butterbrot auspacken.

Was ist privat, was ist öffentlich, lautet die Frage bei dieser fortschreitenden privaten Aneignung des öffentlichen Raums, der doch allen längst gehört, aber für dessen bürgerliche Wiederaneignung Barbara Engelhard mit ihrem Kunstprojekt plädiert. Außerdem: Was nicht schön und chic ist, muss zunehmend weg und raus aus den Stadträumen, bemerkt sie kritisch, wer den entsprechenden Normen nicht genügt, der hat nichts verloren in diesen Räumen, die doch aber für jeden da sind. Obdachlose oder Punks, sie werden exiliert, sie stören das schöne Bild. Aber sie sind auch Teil dieser Gesellschaft, müsste man entgegnen. Und es ist ihr gutes Recht, sich in dieser Gesellschaft zu bewegen, wenn sie niemanden belästigen. Und ist es schon eine Störung, wenn man einem bestimmten Dress-Code, Trink- oder Esscode und Sitzcode nicht entspricht?

Die Menschen wollen mehr Bänke

Jüngst wurden bei einer Regensburger Umfrage von Befragten die fehlenden Sitzmöglichkeiten im öffentlichen Raum problematisiert. Aber ein längerer Aufeinhalt im öffentlichen Raum, einfach so, sei oft gar nicht erwünscht, moniert die Künstlerin. Im öffentlichen Raum in der Ausstellung kann man nun während der Öffnungszeiten so lange sitzen bleiben, wie man will. Also, wie Reiner R. Schmidt in seiner Einführung so schön sagte: konsumfreie Bänke mit Lehne. Was einem auf dem Haidplatz genommen wurde, das kann man nun in der Sigismundkapelle ausprobieren und sich gönnen: dasitzen ohne bezahlen zu müssen und ohne als Störenfried angesehen zu werden.

Gelungen und überfällig

Wer hier sitzt, ist Teil der Kunst: Vernissagenbesucher auf dem „Sigismund-Platz“, rechts: Künstlerin Barbara Engelhard.
Wer hier sitzt, ist Teil der Kunst: Vernissagenbesucher auf dem „Sigismund-Platz“, rechts: Künstlerin Barbara Engelhard. Foto: Tino Lex

Kunst ist bei Barbara Engelhard eine Aktion jenseits des bürokratischen Wegs, Kunst das sind Ideen. Das erfordert von Künstlern zunächst genaues Hinschauen und die Umsetzung geschieht nicht mit dem Pinsel, sondern durch rasche Organisation. Freilich: Bänke mitten ins hohe Gras fernab der Wege zu stellen, wie es beispielsweise im Dornbergpark der Fall ist, und sie dann nicht wieder an ihren Platz zurückzubringen, der auch für Ältere leicht zugänglich ist, das ist weniger ein kreativer, sondern ein eher nachlässiger Umgang mit öffentlichem Gut im öffentlichen Raum. Kunst, das sind Nuancen und das ist die gelingende neuartige, überfällige Handlung.

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