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Kurzes Aufblühen in der Tristesse

Regisseur Hans Steinbichler umschifft gekonnt den Mythos „Anne Frank“ und zeigt eine Heranwachsende mit Nöten und Sorgen.
Von Fred Filkorn, MZ

  • „Das Tagebuch der Anne Frank“: Der Film kommt am 3. März ins Kinos und hat am 16. Februar Weltpremiere bei der Berlinale, in der Hauptrolle: Lea van Acken. Foto: Universal Pictures Int. / Rabold
  • Eine junge Frau sucht in der Tristesse des Verstecks einen Zipfel vom Glück: Lea van Acken in „Das Tagebuch der Anne Frank“. Foto: Universal Pictures Int. / Stephan Rabold

Berlin.Am Anfang steht das strahlende Licht der Berge. Otto Frank (Ulrich Noethen) ist mit Töchterchen Anne (Lea van Acken) zu Besuch bei der Schweizer Verwandtschaft, die den Kaufmann von einem Umzug zu überzeugen versucht. Doch Holland scheint ein sicherer Hafen zu sein. Die jüdische Gemeinde ist so gut integriert wie in kaum einem anderen europäischen Land.

Als im Mai 1940 die deutsche Wehrmacht die Niederlande besetzt und sich die Lage für Juden zusehends verschlechtert, fängt Otto Frank an, das Hinterhaus seines Amsterdamer Firmensitzes in ein Versteck umzubauen. Mit dem Judenstern auf der Brust nimmt auch die Bewegungsfreiheit von Anne und ihrer älteren Schwester Margot (Stella Kunkat) ab. Am sonnigen Meeresstrand werden sie von strammen Anhängern der faschistischen „Nationaal Socialistische Beweging“ aus dem Wasser gejagt. Als Margot zum „Arbeitsdienst“ nach Deutschland einberufen wird, taucht die Familie Frank am 6. Juli 1942 ab. Die lichten Tage sind gezählt.

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Fortan beherrscht graue Tristesse die Szenerie. Aus Angst vor dem entdeckt werden, bleiben die Vorhänge auch tagsüber geschlossen. Anna muss sich auf den 50 Quadratmetern des Hinterhauses arrangieren – mit den Eltern, der Familie van Pels und mit dem Zahnarzt Fritz Pfeiffer, mit dem sie sich sogar ein Zimmer teilen muss. Während einen Stock tiefer die Arbeiter zugange sind, müssen sich die Bewohner mucksmäuschenstill verhalten. Die klaustrophobische Beklommenheit steigert sich bisweilen zum Lagerkoller, der in selbstzerstörerischen Hospitalismus umzuschlagen droht. Doch der beengte Alltag hat auch seine hellen Momente, mit neckischen Frotzeleien, positiven Radionachrichten, geselligen Abendessen und religiösen Feiern.

Aus dem Mädchen wird eine Frau

Im Mittelpunkt von Buch wie Film steht Anne, ein pubertierendes 13-jähriges Mädchen, das sein sexuelles Erwachen erlebt. Anne sehnt ihre erste Periode herbei und spielt mit dem BH ihrer Mutter Edith (Martina Gedeck). Mit dem 16-jährigen Peter van Pels (Leonard Carow) sammelt sie erste Liebeserfahrungen. Während der zweijährigen Gefangenschaft sieht man dem jungen Mädchen beim Erwachsenwerden zu: die Haare werden länger, das Gesicht schmaler und femininer. Anne Frank wird zur jungen Frau, die eingesperrt ist und dabei nichts lieber möchte, als auszubrechen, um die Welt und sich selbst kennen zu lernen, sich von den bevormundenden Eltern absetzen und ausprobieren möchte. Eine eigene Persönlichkeit und Identität entwickeln, trotz der widrigen äußeren Umstände, die sie zu überwinden hofft.

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Aus dem Off eingesprochen, geben Lea van Ackens Worte die originalen Tagebucheinträge wieder, die Anne Frank als früh reflektierende junge Frau ausweisen. Sie macht sich scharfsichtige Gedanken über ihr Verhältnis zu den Eltern und einem möglichen Freund – aber auch über die sich stetig verändernden politischen Verhältnisse und ihre religiöse Prägung.

Lea van Acken meistert ihre Aufgabe bravourös und zeigt Anne Frank als ganz normales junges Mädchen, mit alterstypischen Nöten und Sorgen. Ihre allererste Rolle hatte die heute 16-Jährige vor gerade einmal zwei Jahren in Dietrich Brüggemanns „Kreuzweg“, wo sie eine religiös verblendete Jugendliche spielte. Der Adelsschlag ließ nicht lange auf sich warten und van Acken wurde in den internationalen Cast der amerikanischen Fernsehserie „Homeland“ aufgenommen. Eine junge Schauspielerin, von der man wohl noch einiges sehen wird.

Anne Frank erlebt die erste Liebe: eine Szene mit Lea van Acken und Leonard Carow
Anne Frank erlebt die erste Liebe: eine Szene mit Lea van Acken und Leonard Carow Foto: Universal Pictures Int. / Stephan Rabold

Durch die Fokussierung auf Anne tritt allerdings der Rest des Ensembles in den Hintergrund. Ulrich Noethen als engster Vertrauter hat seine Momente. Das bekannte Fernsehgesicht Margarita Broich als Petronella van Daan kann durch Exaltiertheit punkten. Martina Gedeck agiert zu verhalten. Man würde ihr mal wieder eine Rolle wünschen, in der sie aus sich herausgehen kann. In den letzten Jahren war sie auf die allzu ernsthaften Figuren festgeschrieben. Gerti Drassl als die gute Seele des Films, die die Untergetauchten mit Lebensmitteln versorgt, wird vielen Zuschauern bekannt vorkommen. Sie war eine der vier Wiener „Vorstadtweiber“, die der ARD gute Einschaltquoten bescherten. Die Außenaufnahmen entstanden an Originalschauplätzen in Amsterdam. Die detaillierte Innenausstattung versetzt den Zuschauer in die grauen 1940er Jahre zurück.

Die Verfilmung des Chiemgauer Regisseurs Hans Steinbichler umschifft gekonnt die Klippen, die der Mythos „Anne Frank“ stellt. Das Tagebuch wurde ja schon mehrfach für Bühne und Leinwand adaptiert, in über 60 Sprachen übersetzt und in vielen Ländern zur Schullektüre erhoben. Viele Lehranstalten tragen Anne Franks Namen, in Japan gibt es gar Anne-Frank-Comics und Zeichentrickfilme.

Lea van Acken als Anne Frank: Der Film kommt am 3. März in die Kinos.
Lea van Acken als Anne Frank: Der Film kommt am 3. März in die Kinos. Foto: Universal Pictures Int. / Stephan Rabold

Steinbichler löst die junge Frau aus dieser historischen Unnahbarkeit heraus und zeigt sie nicht als Heldin, sondern als Mädchen, das unter ungewöhnlichen Umständen erwachsen werden muss: „Mir war wichtig, Anne von einem vermeintlichen Thron, aus einem sakrosankten Zustand herauszuholen.“ Das Drehbuch stammt aus der geübten Feder von Fred Breinersdorfer, der mit der Nazi-Widerstands-Thematik bestens vertraut ist. Der preisgekrönte Krimi- und „Tatort“-Autor schrieb schon die Vorlagen zu „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ und „Elser“.

Die erste deutsche Kinoverfilmung des Tagebuchs kommt am 3. März in die Kinos, zum 70. Todestag von Anne, Margot und Edith Frank, die in deutschen Konzentrationslagern zu Tode kamen. Seine Weltpremiere hatte der Film am Dienstag auf der Berlinale.

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Das Tagebuch der Anne Frank

  • Ein Geburtstagsgeschenk:

    Am 12. Juni 1942 bekam Anne Frank zu ihrem 13. Geburtstag ein rot-weiß kariertes Tagebuch geschenkt. Es soll zwei Jahre lang ihre beste Freundin werden. „Liebe Kitty!“, so beginnt das jüdische Mädchen in Amsterdam ihre Einträge. Zunächst im Wohnhaus der aus Deutschland geflohenen Familie und dann auch im Versteck vor den deutschen Besatzern im Hinterhaus an der Prinsengracht vertraut Anne dem Tagebuch ihre Gedanken an, ihre Wünsche, Ängste und Beobachtungen.

  • Traurige Erinnerung:

    Am 1. August 1944 schreibt sie zum letzten Mal in ihr Tagebuch – längst ist es nicht mehr das erste rot-karierte Büchlein, sondern ein Schreibheft. Drei Tage später wurde das Versteck verraten und die Untergetauchten in Konzentrationslager deportiert. Anne starb im Frühjahr 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Doch ihre Tagebucher wurden gerettet. Miep Gies, die Helferin der Untergetauchten, hatte sie nach der Räumung des Verstecks durch die SS gefunden und aufbewahrt. Nach dem Krieg übergab sie diese dem Vater Otto, der als einziger seiner Familie überlebt hatte.

  • Otto Franks Lebensaufgabe:

    Erstmals erschien das Tagebuch 1947 unter dem Titel „Het Achterhuis“ (Das Hinterhaus) in niederländischer Originalsprache. Dies war jedoch eine von Otto redigierte und unvollständige Fassung. Erst 1986 erschien eine textkritische Ausgabe aller Aufzeichnungen von Anne. Das Tagebuch selbst ist heute Eigentum des niederländischen Staates und wurde der Anne Frank Stiftung als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Die Urheberrechte aber hatte Otto Frank dem Anne Frank Fonds in Basel übergeben. (dpa)

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