MyMz

Theater

„Lazarus“ begeistert Nürnberg

Musical von David Bowie und Enda Walsh wird bei der Premiere im Staatstheater umjubelt. Die wuchtige Inszenierung überzeugt.
Von Jeff Fichtner

Thomas Jerome Newton (Sascha Tuxhorn) verzweifelt, weil er von einer „Mission Erde“ nicht in seine Heimat zurückkehren kann. Foto: Konrad Fersterer
Thomas Jerome Newton (Sascha Tuxhorn) verzweifelt, weil er von einer „Mission Erde“ nicht in seine Heimat zurückkehren kann. Foto: Konrad Fersterer

Nürnberg.Zartes und Brutales, Liebe und Hass, Leben und Tod – das Musical „Lazarus“, am Samstag erstmals im Staatstheater Nürnberg aufgeführt, ist alles andere als leichte Kost. In zwei Stunden, ohne Pause, werden weder einfache Fragen gestellt noch wirkliche Antworten gegeben. Dass ein unvergessener Popstar wie David Bowie dieses Musical zusammen mit Enda Walsh geschaffen hat, mag einen Teil des Publikums angezogen haben; den enormen Andrang insgesamt vermag es freilich nicht zu erklären.

Es sind hoch intensive zwei Stunden. Der Zeitfortschritt verliert sich am Rande der Wahrnehmung. „Lazarus“ ist nicht im Vorbeigehen zu begreifen. Erzählt wird in der Regie von Tilo Nest die Geschichte eines Außerirdischen, der von der Erde nicht mehr loskommt. Nicht etwa, weil es ihm hier so gefällt, sondern weil ihm die Rückkehr in die Heimat versperrt ist. Wobei das Wort „Geschichte“ nicht passt: Die Zeit, soweit überhaupt begreifbar, hat in „Lazarus“ weder Anfang noch Ende. Es gibt keine wirkliche Vergangenheit, keine erkennbare Zukunft. Noch nicht einmal die Gegenwart ist so beschaffen, wie sie es auf den ersten und zweiten Blick zu sein scheint.

Zum Musical im Sinne einer Genre-Zuordnung wird „Lazarus“ durch ein gutes Dutzend Songs von David Bowie, am bekanntesten für ein breites Publikum vielleicht „Heroes“ oder „Life On Mars“. Ein Musical für belanglos-bunte Deko-Shows entsteht dabei aber nicht. Die Band ist mit auf der Bühne, wird als kleine Gruppe selbst zum Akteur im dramaturgischen Ablauf. Bowies Songs interpretiert sie auf eigene Art: Zwar sind sie allemal gut zu erkennen, doch ordnen sie sich unter. Ein Musical als „Drama mit Musik“?

Erinnerung an „Ziggy Stardust“

„Lazarus“ basiert auf Nicolas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“, ab 1976 bei uns in den Filmtheatern. Als Hauptdarsteller, als Thomas Jerome Newton, kam für den Regisseur nur David Bowie in Betracht. Kein Profi-Schauspieler schien genug für die Rolle des Migranten aus dem All, der auf die Erde kommt, um Wasser für seinen verdurstenden Planeten zu finden. Bowie war eben nicht nur in seiner Musik so ganz anders als alle anderen: Der „Thin White Duke“, wie er auch bezeichnet wurde, war nur eine der vielen Rollen, in die er schlüpfte, um sich immer wieder neu zu erfinden. Als „Ziggy Stardust“, als androgyner Marsmensch des Rock, bildete David Bowie die ideale Vorlage für den Erdenbürger wider Willen, den Nicolas Roeg hier geschaffen hat. „Ziggy“ gefiel sich im Rang eines Erlösers eigener Art, als Messias aus den Weiten des Kosmos, dem schnell eine riesige Schar von Anhängern zu Füßen liegt.

Was zeichnet diese Nürnberger Inszenierung des Musicals aus, dessen Uraufführung in New York David Bowie 2016 selbst so gerade noch erlebt hat? Recht einfach: Es bleibt nichts zu wünschen übrig, und die Besucher der Premiere haben genau diese Perfektion bis ins kleinste Detail am Ende auch mit „Standing Ovations“ gefeiert. In erster Linie zu feiern, ist die fein dosierte, aber gewaltige Wucht, die alle Darsteller entwickeln, und das selbst in den Szenen, die auf den ersten Blick wie auf Samtpfoten daherkommen.

Termine und Kontakt

  • Aufführung:

    Das Musical ist am 6./12./14./21. /23. Februar und am 5./8. /15. /30. März jeweils um 19.30 Uhr zu sehen. Am 31. März beginnt die Vorstellung schon um 19 Uhr. Einige weitere Termine gibt es von April bis Juli.

  • Information:

    Die Hotline des Staatstheaters gibt weitere Auskunft, Tel. (0180) 1 34 42 76 ; Richard-Wagner-Platz 2-10, 90443 Nürnberg.

Aufstöhnen im Publikum

Im Saal gibt es ein sehr gut vernehmliches Aufstöhnen, als auf der Bühne Valentine (grandios: Nicolas Frederick Djuren) einem flippigen jungen Liebespaar – Knacksen für Knacksen, flink, aber bestens zu hören – fast nebenher die Hälse umdreht. Die komplette Verlorenheit des Wesens von einem anderen Stern verkörpert Sascha Tuxhorn so eindringlich, dass auch seine prägenden Szenen immer wieder wehtun. Nicht im Sinne von Mitleid, um das es in diesem Werk nun wirklich nicht geht, sondern im Sinne von erschrockener Selbsterkenntnis auf den Rängen.

Die Hauptrollen der Elly und der Japanerin/Maemi sind mit Lea Sophie Salfeld und Anna Klimovitskaya ebenso herausragend besetzt. Der dramaturgische Fortgang ist stringent, zwingend, im besten Sinn. Wohl selten hätte eine Pause so sehr gestört wie hier. So hat am Ende vielleicht also doch die Zeit die Hauptrolle gespielt.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht