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Ausstellung

Leise Objekte gehen in Architektur unter

Das Münchner Haus der Kunst zeigt Werke von jungen Talenten. Sara MacKillops Kunst hat es gegen die Räume schwer.
Von Matthias Kampmann, MZ

Blick in die Installation von João Gusmão & Pedro Paiva im Haus der Kunst. Foto: Kampmann
Blick in die Installation von João Gusmão & Pedro Paiva im Haus der Kunst. Foto: Kampmann

München.Der Raum ist einer dieser typischen, riesigen Kästen mit Oberlicht. Er gaukelt Zurückhaltung vor. Doch die besitzt er in keiner Weise. Wer sich auf das Haus der Kunst einlässt, in dem sich dieses Gebilde befindet, bekommt es mit teuflischen Umständen zu tun, die nur wenige Künstler souverän zu meistern verstehen.

Man hätte Sara MacKillop eine passivere Hülle für ihre zurückhaltende Auseinandersetzung mit Schaufenstern und Schreibwaren, mit Werbung, Druckerzeugnissen, Papeterien und Schaukästen gewünscht, denn hier hat es ihr Werk schwer. Es geht schlichtweg in einem passiv-aggressiven Ozean architektonischer Scheinneutralität unter. Und so fragt man sich: Sind die Werke lahm und fad? Oder passen die Arbeiten der britischen Künstlerin hier schlechterdings nicht hinein?

Eigene Räume für junge Talente

Letztlich sind Ausstellungen Kuratorenentscheidungen. Hier belegen sie einmal mehr, dass das Haus der Kunst eins der schwierigsten Ausstellungsgebäude der Republik ist. Gerade in der Zusammenschau MacKillops mit den filmischen Arbeiten von João Gusmão & Pedro Paiva merkt der Betrachter den Unterschied. Beide Ausstellungen laufen in der Reihe „Kapselausstellung“, die jungen Talenten jeweils einen Raum im Haus zur Verfügung stellt.

Zwei Kapselausstellungen

  • Sara MacKillop

    Die britische Künstlerin zeigt eine Installation aus Gegenständen, die stets mit Büro, Schreib- oder Papeteriewaren zu tun haben. Sie bildet „Schaufenster“-Situationen mit Gegenständen, die versuchen, Bezüge zum Raum herzustellen. In ihren Arbeiten symbolisiert sie Stifte und andere Utensilien aus dem Büro sowie aus der digitalen Welt und stellt sie gegeneinander.

  • João Gusmão & Pedro PaivaIm: Die beiden Künstler zeigen im Münchner Haus der Kunst Filme unter anderem von ihrer jüngsten Japan-Reise. Ausschließlich 16-Millimeter-Filme sind zu sehen, über quasi antike Projektoren. Das Werk ist auf der Schwelle zwischen Bildpoesie und naturwissenschaftlichem wie soziologischem Beobachten angesiedelt. Beide Ausstellungen laufen bis 18. September.

Die Portugiesen – Gusmão ist Jahrgang 1979, Paiva 1977, beide in Lissabon geboren – dunkeln ab, lassen Kojen bauen und inszenieren den Raum nach eigenen Vorstellungen. Was zur Folge hat, dass man zu spannenden, parallelen Sichten auf die Filme genötigt wird und sich immer wieder überkreuzende Blicke in dem schräg eingebauten Ständerwerk ergeben. Die Arbeiten selbst bereichert auf diese Weise eine räumliche Komponente, die dem Betrachter stets seine eigene reale Anwesenheit bewusstmacht. Passt, weil das Hier-und-Jetzt zur filmischen Darbietung gehört.

Blick auf eine Installation von Sara MacKillop im Haus der Kunst Foto: Kampmann
Blick auf eine Installation von Sara MacKillop im Haus der Kunst Foto: Kampmann

Die Künstler nutzen nicht die sterile digitale HD- oder 4K-Technik, die höchstens mal ein Brummen von sich gibt. Hier rattern noch echte Projektoren, um die Streifen lautstark auf die Leinwände zu bannen. Fehler, Aussetzer, Risse inklusive. Man schaut auf einen Pfau in „Mating Season“ (2016), der paarungsbereit Rad schlägt. Dann vertreibt er einen Rivalen. Das Bild, aufgenommen in einem Park in Lissabon, ist grobkörnig, aber farbig. Andere Filme erscheinen klarer. Gefilmt wurde mit einer Hochgeschwindigkeitskamera. Doch abgespielt werden die fürs menschliche Auge normalen 24 Bilder in der Sekunde. Das erzeugt einen extremen Zeitlupeneffekt.

Nur das Rattern der Projektoren holt einen in die Gegenwart

Und was hört man? Nichts, denn Ton gibt es zu keinem Film. Nur das Rattern und Klappern der Projektoren holt den Betrachter in die Gegenwart, während die Bilder eine Distanz suggerieren, die poetischerweise niemals zu überbrücken ist. Dass das Abgefilmte anmutet, als habe ein Forscher zur Kamera gegriffen, macht aus den Momenten ein geheimnisvolles Raunen an der Grenze zum Unwirklichen. Mit einem derartigen akustischen wie optischen Kunstgriff kommt man auch gegen diese undankbaren Mauern an.

Sara MacKillop im Münchner Haus der Kunst Foto: Kampmann
Sara MacKillop im Münchner Haus der Kunst Foto: Kampmann

Sara MacKillop hat es wesentlich schwerer. Ihre Mittel und teils kleinen Dinge erwarten klassische weiße Flächen. An die Wand bringt sie überkopfhoch Rollen an, an denen Geschenkpapier in Bahnen hängt. Die stammen aus Kaufhäusern. Dazu gesellen sich kleine Pseudo-Geräte, die aber nur Pappkameraden sind. Es sind keine Tablets, aber sie werden aus Gedrucktem und Gebasteltem simuliert. Mal rollen die Bahnen ziemlich gerade in den Raum hinein. Und auf einem Teilbereich ist dann so ein gefaltetes, bedrucktes Gebilde platziert. Der erscheint im Einzelnen recht willkürlich, im Ganzen durchaus komponiert.

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Die Elemente wiederholt MacKillop, ebenso das Motiv einer Vitrine, in der der Druck von Stiften gezeigt wird. Das simuliert stets eine Form des Greifbaren, etwa in Form dieser Pseudo-Laptops, dass es fast schon witzig ist. Leider wirkt die Installation wie das vergebliche Anrufen einer höheren Instanz: „Nimm’ mich auch wahr.“ Dieses „Schaufenster“ stimmt melancholisch. Man verlässt ein wenig müde und verstimmt den Raum. Vielleicht hätte man sich beim Betrachten von MacKillops Arbeiten durch Gusmão und Paiva filmen lassen sollen.

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