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Kultur
Mittwoch, 19. September 2018 31° 1

Regionalkrimi

Lesergunst und Verkaufskunst

Eine Lesung, fast wie ein Tupperabend. Rita Falk stellte in Neutraubling ihren neuen Roman „Kaiserschmarrndrama“ vor.
Von Peter Geiger

Bücherwurm und Schmunzelmonster: Heiter geht’s zu, wenn Rita Falk Fragen von Moderator Florian Wagner beantwortet. Foto: Geiger
Bücherwurm und Schmunzelmonster: Heiter geht’s zu, wenn Rita Falk Fragen von Moderator Florian Wagner beantwortet. Foto: Geiger

Neutraubling.Ja, spätestens im dritten Akt, da müsse sie losknallen, die Flinte! So brachte einst Anton Tschechow jene Fähigkeit auf den Punkt, die das Publikum von einem guten Bühnenautor erwarten dürfe. Denn wenn schon im ersten Akt die Zuschauerblicke auf ein solches Gewehr gelenkt werden, das ostentativ und für jedermann sichtbar an der Wand hänge, dann müsse dies schließlich auch dramatische (und dramaturgische) Folgen haben. Zwar nicht auszudenken, wenn das Leben selbst sich permanent solcher Spannungskniffe bedienen würde. Aber auf der Bühne, auf der Leinwand und im Roman – da lassen wir uns gern solches bieten!

Ob Rita Falk sich auf den russischen Klassiker beruft, das wissen wir natürlich nicht. Aber: Sie folgt ganz eindeutig der Tschechow’schen Rezeptur vom Wecken einer Erwartung und ihrer anschließenden Erfüllung. Schon in der zweiten Zeile des ersten Absatzes von Kapitel Eins von „Kaiserschmarrndrama“ – ihrem neuen, mittlerweile neunten Eberhofer-Roman – da taucht aus den Tiefen einer Schreibtischschublade eine Tablettenbox Viagra auf. Die edle Finderin, das ist die Simmerl Gisela. Korrekt: weil wir im niederbayerischen Regionalkrimi sind, wird der Familienname auch im Voraus genannt.

Enger Wirkungskreis des Eros

Um damit nicht nur im Leserhirn, sondern auch in den Rezeptionsorganen der rund 250 Zuhörer, hier in der Stadthalle in Neutraubling, einen Niagarafall an Fantasien loszutreten, angesichts einer solchen Packung. Die später als Beweisstück bei der Tätersuche ihre blutdrucksteigernde Wirkung entfalten wird, in einem grausamen Mordfall. Die Mona nämlich, die war, was offiziell gar keiner wusste in Niederkaltenkirchen, eine Stripperin. Ihre erotischen Dienste hat sie zwar im weltweiten Netz angeboten, sich also quasi an eine globale Kundschaft gerichtet – aber hier, auch im unmittelbarsten Kreis im Bezirk Niederbayern, hat ihr Geschäftsmodell seine Wirkungen entfaltet.

Jetzt ist sie beim Joggen ermordet worden – und weil das Schicksal seinen Lauf nimmt und ein zweites Tötungsdelikt ins Haus steht (und somit Serienmord droht!), steht der Eberhofer Franz, der Ermittler, nicht nur vor einem Rätsel. Sondern auch vor einem Haufen Arbeit. Was ihm, der gerade Haus baut, selbstredenderweise gar nicht gefällt. Stundenlang könnte man jetzt so weitererzählen, und in den Jargon der Falk Rita verfallen, die sich da vorne mit dem Wagner Florian (den kennt man doch, vom Bayerischen Fernsehen!) auf dem mit blauem Samt ausgelegten Tisch verabredet hat. Und dabei eine Anekdote nach der anderen hervorzaubert, aus ihrem Nähkästchen.

Dass sie mit einem Polizisten verheiratet ist (‚Aha!‘, wird sich der eine oder andere gedacht haben. Da kommen also ihre Geschichten her!), dass die Kinder aus dem Haus sind, dass sie am liebsten monatelang am Stück schreibt – und dass sie, nach neun Jahren Regensburg, beinah wieder hergezogen wäre, in die Gegend. Nur dass eben nichts Passendes zu finden war. Jetzt aber lebt sie in einem alten Schulhaus in Oberbayern, gemeinsam mit ihrem Mann, einem Esel und zwei Pferden (oder war’s umgekehrt?).

Längst ist da klar: Diese Rita Falk, diese sympathische Krimiautorin, die von jedem Band ihrer auch höchst erfolgreich verfilmten Krimireihe hunderttausende von Exemplaren verkauft, ist eine wahre Meisterin im Anpreisen.

Wo ist Herr Theodor?

Indem sie sich in scheinbaren Banalitäten verliert, zeichnet sie ein Porträt von sich selbst. Nebenbei entsteht auch noch ganz freihändig sowas wie ein improvisierter Krimi, weil der „Herr Theodor“, der sich aus der letzten Reihe heraus zunächst noch fragend zu Wort gemeldet hatte, plötzlich abgängig ist. Das ist alles höchst entspannt und sehr charmant.

Bestrickend. So dass die ebenfalls ganz nebenbei angekündigte Mahnung, während der Pause, da könne man zwar Bücher kaufen, signiert aber werde keins, mit einer Retourkutsche de luxe beantwortet wird. Am Ende harrt eine Fan-Schlange aus, die so lang ist, wie der berufsverkehrbedingte Stau auf der A 3. Man braucht das weder schön zu finden noch idyllisch. Aber man kann drüber lachen. Über diesen Alltag. In Bayern.

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