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Kunst

Lichtspiel in der Dunkelheit

Rechtzeitig zum Weihnachtsfest leuchtet Wilhelm Kochs Asphaltkapelle in Etsdorf – dank ausrangierter Christbaumkugeln.
Von Peter Geiger

Im Glanz von Christbaumkugeln, die allesamt auf wunderbare Weise gerettet wurden, erstrahlt bis Lichtmess die Asphaltkapelle. Foto: Marcus Rebmann
Im Glanz von Christbaumkugeln, die allesamt auf wunderbare Weise gerettet wurden, erstrahlt bis Lichtmess die Asphaltkapelle. Foto: Marcus Rebmann

Etsdorf.Wilhelm Koch aus Etsdorf ist so vieles: Er ist Gründer des Luftmuseums in Amberg. Er plant den Bau einer Glyptothek aus Beton in Etsdorf. Und dort, an seinem Geburtsort im östlichen Landkreis Amberg-Sulzbach, hat er auch vor rund 20 Jahren die Asphaltkapelle errichtet. Dieses Gebäude ist zwar winzig klein und an sich recht unauffällig. Trotzdem verfügt es über ein weltweit einzigartiges Merkmal: Es besteht nämlich ausschließlich und komplett aus Gussasphalt. Aus jenem Material also, mit dem die alten Griechen das Erdpech bezeichneten. Und das uns moderne Menschen durchs Leben trägt. Sei es als Fußgänger auf Bürgersteigen. Oder als Autofahrer auf Staatsstraßen und Bundesautobahnen.

Retter der Kugeln

Für diesen komplett in Schwarz gehaltenen Ort, der nur von dürftigem natürlichem Licht, das durch ein kreuzförmiges Fenster in Ampelfarben fällt, illuminiert wird, hat sich Wilhelm Koch für das diesjährige Weihnachtsfest etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Er ist zum Retter von bedrohten Christbaumkugeln geworden. Im tiefen Wissen darum, dass in vielen Haushalten solcher Weihnachtsschmuck ein trauriges Dasein führt und vor sich hinvegetiert in Schachteln und Tüten, hat er einen Aufruf gestartet. Er hat darum gebeten, Kugeln, die eigentlich für den Müll bestimmt sind, bei ihm vorbeizubringen.

Star-Architekt Kengo Kuma war bei seinem Besuch im Jahr 2011 von der Asphaltkapelle in Etsdorf begeistert. Foto: Wilhelm Koch
Star-Architekt Kengo Kuma war bei seinem Besuch im Jahr 2011 von der Asphaltkapelle in Etsdorf begeistert. Foto: Wilhelm Koch

Der Zuspruch, den er fand, war außerordentlich: Mehr als eintausend solcher Glas- und Kunststoffkugeln kamen zusammen. Die Farbe Rot ist dabei am häufigsten vertreten, gefolgt von Gold, Silber, Blau und Grün. Die eifrigste Sammlerin war eine ältere Dame aus Ursulapoppenricht. Sie, die Witwe eines gebürtigen Schlesiers, der „für Weihnachten gelebt hat“, hatte „sehr, sehr viele Kugeln“ zuhause gehortet und diese „gern gespendet“.

Dass dem 59-jährigen Künstler ein Schalk von valentinesker Quantität und Qualität im Nacken sitzt, das sieht man allein an seiner Formulierung, mit der er seine Rettungsaktion begründet: „Verstoßene Hunde und Katzen finden Zuflucht in Tierheimen.“ Für ausgemusterte oder aus der Mode geratene Christbaumkugeln dagegen gebe es ein solches Refugium nicht. Genau diese Lücke aber sei der Impuls gewesen, weshalb er sich zu seiner Sammlung entschlossen habe. Und weshalb nunmehr die Asphaltkapelle in einem vielfarbigen Lichtermeer, das die mehr als tausend Kugeln reflektieren, erstrahlt. So leisten sie ihren leuchtenden Beitrag im Kampf gegen die Dunkelheit des Asphalts.

Zwischen Tradition und Gegenwart

  • Künstler:

    Schon immer vereint Wilhelm Koch in seiner Kunst das Leichte mit dem Schweren. Weshalb er sich einerseits der Flüchtigkeit der Luft verschrieben hat und andererseits so gravitätischen Materialen wie Beton oder Asphalt. An seinem Geburtsort Etsdorf, rund 15 Kilometer östlich von Amberg gelegen, hat er zu Beginn des Jahrhunderts die Asphaltkapelle errichtet, einen kleinen sakralen Bau, ganz in Schwarz. In dem geweihten Raum finden Taufen und Konzerte statt – und im Sommer die Asphaltkirwa.

  • Werk:

    Wilhelm Koch hat in Amberg das Luftmuseum gegründet. Auch in Etsdorf ist er vielfältig tätig. Dort plant er den Bau einer Glyptothek aus Beton, vorab hat er schon in einem leerstehenden Schulgebäude das Tempelmuseum gegründet. Den Fußweg zur Asphaltkapelle (www.asphaltkapelle.de) wiederum säumt der „Kreuze Weg“ – individuelle Interpretationen und Gestaltungen unterschiedlicher Künstler zum Thema Kreuz. So gelingt es Wilhelm Koch, für traditionelles Brauchtum zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden .

Wilhelm Koch versteht sich auf das weite Feld der Kommunikation. Im Hauptberuf ist er Miteigentümer einer Agentur für Gestaltung. Als Künstler wiederum bedient er sich mit Vorliebe solcher Basiselemente wie Luft oder Licht. Und damit zeigt er, dass er die Sprache der Religionen nicht nur verstanden hat, sondern dass er sie auch tief verinnerlichen konnte.

Auch wenn die Christbaumkugel erst spät in der Oberpfalz ankam – noch im 19. Jahrhundert waren Lebkuchen und Spielzeug bevorzugter Baumbehang – die Kugel ist nichts anderes als ein spätes Echo des alttestamentarischen Apfels. Jener verbotenen Frucht also, deren Genuss Adam und Eva dazu zwingt, das Paradies zu verlassen.

Apfel der Erkenntnis

Gleichzeitig bedeutete deren Verstoß gegen das Gebot Gottes einen Akt der Emanzipation. Indem der Mensch rebelliert, befreit er sich aus den Fesseln der Natur. Der Asphalt wiederum steht für Wilhelm Koch symbolisch für alles Unbewusste und für die dunklen Kräfte, die aus der Erde fließen. Nach der Vertreibung aus dem Paradies flogen uns Menschen die gebratenen Tauben nicht mehr in den Mund. Nein, seither sind wir dazu verurteilt, uns den täglichen Bissen Brot hart zu verdienen, im Schweiße unseres Angesichts. Aber: Wir sind auch ausgestattet mit einem freien Willen und mit der Fähigkeit, uns zu befreien, aus selbstverschuldeter Unmündigkeit – wie der Philosoph Immanuel Kant jenes Projekt bezeichnete, das wir „Aufklärung“ nennen.

Womit wir wieder bei der leuchtenden Kraft der Christbaumkugel wären – und ihrer Rettung vor den Müllcontainern dieser Welt. Und wir sind wieder bei dem Licht, das die Kugeln in der Dunkelheit verbreiten. Als Kengo Kuma, der berühmte japanische Architekt, im Januar 2011 nach seinem Besuch im Luftmuseum die Asphaltkapelle in Etsdorf besichtigte, zeigte er sich fasziniert von der strahlenden Magie dieses Ortes. Die Christbaumkugeln sind bis 2. Februar 2020 zu sehen. Die nächste „Asphaltkirwa“ findet am 17. Mai 2020 statt.

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