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Oper

Liebe in einer Welt voller Geld

„Hans Heiling“ in einer spektakulären Inszenierung in Regensburg: Zuschauer köcheln, Sänger besetzen die Ränge.
Von Gerhard Dietel, MZ

Regensburg.Wo in der Wirtschaft von „Industrie 4.0“ die Rede ist, da darf man wohl auch im Kunstbereich ein Upgrade versuchen. Nennen wir’s mal „Theater 2.0“, was Regisseur Florian Lutz mit seiner Inszenierung von Heinrich Marschners „Hans Heiling“ in – zumindest für Regensburger Verhältnisse – spektakulär neuer Weise zur Saisoneröffnung erprobt. In der Durchführung seiner Ideen, die die konventionelle Trennung von Zuschauer- und Darsteller-Position sprengen, wird er bestens unterstützt von Sebastian Hannak (Bühne und Kostüme).

Jeder Mensch ist ein Künstler, hat Joseph Beuys entdeckt. Florian Lutz folgert daraus, jeder Theaterbesucher sei ein potenzieller Schauspieler und Sänger. Statt auf dem Besuchersessel Platz zu nehmen, findet ein Teil des Publikums sich zu Beginn dieses überraschungsreichen Theaterabends unversehens inmitten des nahezu leergeräumten Bühnengehäuses wieder, wo im Vorspiel von Heinrich Marschners Oper die Erdgeister geschäftig nach Schätzen wühlen. Kann sein, dass man dort plötzlich ein Bündel (leider falscher) Geldscheine in die Hand gedrückt bekommt. Und wer Gefallen daran findet, im ersten Akt weiter auf der Bühne mitzuwirken, wird plötzlich, mit Schutzkleidung versehen, zum Mitarbeiter der Convenience-Food-Manufaktur der Heiling-Holding (Details seien zugunsten eines Rests von Spannung nicht verraten). Mag sein, dass sich das Regieteam zu diesem Einfall (und zu den Kleidungslieferungen vom Schnürboden herab) von neueren Bayreuther Wagner-Inszenierungen inspirieren ließ.

Hier Großkapital, da Ausgebeutete

Haben die Besucher, die im Zuschauerraum verbleiben, das bessere Teil erwählt? Nicht unbedingt: denn wer auf der Bühne gearbeitet hat, wird dafür im Volksfest des zweiten Aufzugs mit Kartoffelsalat, Würstchen und Bier belohnt und darf sich danach im Walzertakt wiegen.

Premiere von "Hans Heiling" am Theater Regensburg

Hans Heiling: das ist in Marschners romantischer Oper der designierte König der Erdgeister, der gegen den Willen seiner Mutter die Unterwelt verlässt, um in der Menschenwelt das Mädchen Anna zu ehelichen. Klar, dass diese Beziehung scheitern muss: zu verschieden sind die Lebenssphären von Unter- und Oberirdischen.

In der Regensburger Inszenierung werden im Textbuch vorhandene Ansätze zugespitzt: der Unterschied der Welten wird als soziales Gefälle gedeutet, ganz im Sinne eines Klassenkampfs. Die Erdgeister (eine Antizipation von Wagners Nibelungen?) mutieren zu Vertretern des Großkapitals, die Menschen zur Schar der ausgebeuteten Werktätigen, deren einzige kompensatorische Freude die kleinen Feiertags-Belustigungen sind. Und wer das nicht schon durch Bild und Handlung begreift, bekommt es durch Matthias Laferi in der Rolle des Nicklas überdeutlich mitgeteilt: als aalglatter Conferencier entwickelt er ein Wort-Trommelfeuer, in dem Marx’sche Begriffe, Soziologen-Jargon und Tages-Schlagworte („Heuschrecken“) wild gemixt sind. Ein in diesem Kontext nicht stimmiger Zusatz-Unterton, der ungute historische Erinnerungen weckt, ist’s, wenn immer wieder ein Schild hochgehalten wird: „Kauft nicht bei Erdgeistern“. Ausrutscher? Oder gezielte Provokation?

Ein modernes Märchen: Hans Heiling

Düster und kernig: Adam Kruzel

Wo so polarisiert wird, scheitert jede Vermittlung. Hans Heiling ist wohl auch weniger in die Erdbewohnerin Anna als in seine eigene Vorstellung von der unbedingten romantischen Liebe verliebt. Am Premierenabend gibt Regensburger Theater-Urgestein Adam Kruzel (mit ihm wird Seymur Karimov alternieren) der Hauptrolle düstere und verschlossene, stimmlich kernige (doch leider undeutlich artikulierte) Kontur. Die von ihm angebetete Anna zeichnet die fabelhaft singende Michaela Schneider als zunächst kokett-oberflächliches, dann aber allmählich in Seelentiefen hineinwachsendes Menschenkind.

Verkehrte Welt: In „Hans Heiling“ sitzt ein Tei des Publikums auf der Bühne. Effektvoll und überraschungsreich inszeniert ist die Geschichte einer Liebe zwischen Ober- und Unterwelt.
Verkehrte Welt: In „Hans Heiling“ sitzt ein Tei des Publikums auf der Bühne. Effektvoll und überraschungsreich inszeniert ist die Geschichte einer Liebe zwischen Ober- und Unterwelt. Foto: Jochen Quast

Gastsänger Steven Ebel verkörpert einen burschikosen Konrad, der seine kämpferischen Agitprop-Reden bald zurückstellt und zum tenoral schmachtenden, letztendlich erfolgreichen Bewerber um Annas Hand wird. In der Nebenrolle seines Gefährten Stephan ist Mario Klein zu erleben. Vera Egerova als Gertrud hat ihren faszinierendsten Auftritt mit einer wie somnambul angestimmten Schauerballade. Halb leidende Mutter, halb Furie ist Theodora Varga als Erdgeister-Königin, wenn sie mit lodernder Stimme und dramatischen Spitzentönen aus der Fürstenloge herab Anna unter Druck setzt, die Hand von ihrem Sohn zu lassen. Dies wird zum theatralisch eindrucksvollsten Moment der Aufführung. Atemberaubend ist’s, wenn der Zuschauer hier inmitten der Wechselreden sitzt und zudem der auf den Rängen verteilte Opernchor (Einstudierung: Alistair Lilley) als Ensemble von Geistern eindringliche Warnungen ertönen lässt (wobei die komplizierte Koordination zwischen Orchester und Stimmen anfangs freilich unscharf bleibt).

Warum ist dieser „Hans Heiling“, der doch die Brücke von Webers „Freischütz“ hin zu Richard Wagners frühen romantischen Opern bildet, so gründlich aus der Theaterpraxis verschwunden? Das Textbuch von Eduard Devrient mag dramaturgische Schwächen haben, seine Reimereien ein wenig einfallslos wirken. Aber Marschners Musik kann man nicht unter dem Etikett „biedermeierlich“ ablegen, wenn man dem zuhört, was unter Leitung von Tom Woods aus dem Orchestergraben dringt.

Eine lohnende Wiederentdeckung

Wie das Philharmonische Orchester mit zupackendem Spiel zeigt, reicht mancher Einfall im Bereich des Volkstümlichen durchaus an die Musik von Carl Maria von Weber heran, und im zunehmend sich verdüsternden Fortgang des Geschehens weiß Marschner mit mächtigen Posaunenstößen oder geräuschhaft grummelnden Kontrabasspartien effektvoll an den Hebeln des Schauers und Schmerzes zu drehen.

Eine lohnende Wiederentdeckung (übrigens sogar eine Regensburger Erstaufführung): so sieht es das Publikum beim Schlussapplaus, in den das Regieteam einbezogen wird. Theater 2.0 wird von den Regensburger Theater-Interessierten offenbar gut angenommen.

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