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Soul

Lisa Simones Tiefen und Höhen

Mit ihrem neuen Album „In Need Of Love“ macht die Sängerin Lisa Simone endlich Frieden mit ihrer berühmten Mutter.
Von Michael Scheiner

Lisa Simone hat sich von ihrer Vergangenheit befreit. Foto: Warner Music
Lisa Simone hat sich von ihrer Vergangenheit befreit. Foto: Warner Music

New York.Bei Priesterinnen würde man sagen, sie ist eine Spätberufene. Bei Lisa Simone trifft das nur eingeschränkt zu, obwohl sie erst als 50-Jährige ihre Solokarriere startete und in ihrem zweiten Album („My World“) die eigene von Ablehnung, Ängsten und Aufbegehren durchzogene Welt beschrieben hat. Mit dem neuen Album fand sie nun zu ihren Themen und einem persönlichen Ausdruck. Zuvor musste Simone sich von ihrer alles überstrahlenden Mutter abgrenzen, der großen Nina Simone. Der radikale Bruch mit der Vergangenheit war notwendig.

„Hast du mich tatsächlich geliebt?“ Lisa Simone war sich ihrer Mutter nie ganz sicher. Foto: Warner Music
„Hast du mich tatsächlich geliebt?“ Lisa Simone war sich ihrer Mutter nie ganz sicher. Foto: Warner Music

Lisa Simone hatte eine schwierige Kindheit und litt unter den Psychosen der Mutter ebenso, wie unter deren Zorn und aufgestauter Wut gegenüber dem alltäglichen Rassismus in den USA. Dann war Lisa auch noch häufig von ihrer Mom getrennt, die als internationaler Star viel in der Welt unterwegs war. Sie wurde hauptsächlich von Nannies und ihrer Tante Betty Shabazz betreut und aufgezogen, denn die Eltern ließen sich scheiden, als sie zehn Jahre alt war. Mit zwanzig ging sie zur Armee, diente bei der Air Force in Frankfurt und war an einem Einsatz im Irak beteiligt. Nach ihrer Militärzeit begann sie zu singen, zunächst als Backgroundsängerin und später in verschiedenen Musicals als Schauspielerin und Sängerin. Erst 2014 brachte sie ihr erstes Soloalbum heraus, das sie wie auch die folgenden zusammen mit dem französischen Gitarristen, Komponisten und Arrangeur Hervé Samb geschrieben hat.

Lisa Simone

  • Biografisches:

    Ihre Karriere als Jazzsängerin begann erst mit 50. Mit ihrer Mutter lebte sie u. a. in Liberia und Frankreich. Sie diente in der US-Armee und begann danach in der Jazzband Liquid Soul zu singen und auf dem New Yorker Broadway aufzutreten.

  • Album:

    „In Need Of Love“ ist bei Warner Music erschienen. Die CD kostet ca. 16 Euro.

„In Need Of Love“ ist bei Warner Music erschienen.
„In Need Of Love“ ist bei Warner Music erschienen.

Machte Lisa auf dem Vorgängeralbum reinen Tisch, klingt sie heute freier und in Songs, in denen sie Bezug auf die Mutter Nina nimmt, viel versöhnlicher und verständnisvoll. Geradezu zärtlich singt sie mit leicht rauchiger Stimme in „In Need Of Love“ von den Dingen, die eine Frau durchgemacht hat – und eigentlich nur eines braucht, Liebe. Wobei offen bleibt, über wen sie singt. Mit dieser wundervollen Popballade kann sie sowohl sich selbst, wie ihre Mutter oder Frauen allgemein meinen, die unter problematischen Lebensumständen zu leiden haben.

Musikalisch ist der von einer akustischen Gitarre, Schlagzeug und Bass getragene Song simpel und nach vertrauten Mustern gestaltet, ohne ins Sentimentale oder gar in Belanglosigkeit abzudriften. Durchzogen von Wärme und Redlichkeit wirkt er authentisch und aufrichtig, wie das ganze Album. In „Ghost“, das von einem pulsierenden Herzrhythmus getragen ist, fragt sie: „Did you ever really love me“, das habe sie nie wirklich gewusst, „weil deine Art und Weise es zu zeigen, mich atemlos gemacht hat“.

„I’m wonderful, yes I’m wonderful.“

Lisa Simone

Mit einer tief anrührenden Stimme aus brüchiger Tiefe und von flirrender Höhe hinterfragt sie noch einmal die Beziehung zu ihrer Mutter, die sie vor jedem beschützt hat, nur nicht vor ihr selbst – eine „schmerzvolle Liebe“. Wie weit sie die Vergangenheit aufgearbeitet und zu einem heiter-gelassenen Selbstbewusstsein gefunden hat, zeigt sie im poppig perlenden „Wonderful“. „I’m wonderful, yes I’m wonderful“, verwehrt sie sich gegen negative Stimmungsmache, begleitet von ihrem Sohn am Keyboard.

Musikalisch ist auf dem vorwiegend akustisch eingespielten Album mit den zwölf Songs eine ganze Menge los. Wärmender Soul, Gospel in Vokalarrangements, Blues, entrückter Reggae und immer wieder moderne afrikanische Elemente wechseln mit kräftig pulsierendem Mainstream-Rock und funky Retrosounds. Eine Musik, die mitnimmt, sich gelegentlich einschmeichelt, getragen von einer sinnlichen und jung wirkenden Stimme, die Gefühle bis in tiefste Tiefen und höchste Höhen zu durchmessen imstande ist.

Hier das Video zum Song „Right Now“:

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