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Literarische Erkundungen ohne Grenzen

Pustet legt einen zweisprachigen Band mit Erzählungen ostbayerischer und westböhmischer Autoren vor: „unterwegs – cestou“
Von Harald Raab, MZ

Harald Grill ist ein erfahrener Wanderer, der auch schon mit Schriftstellerkollegen in Bayern und Böhmen unterwegs war.
Harald Grill ist ein erfahrener Wanderer, der auch schon mit Schriftstellerkollegen in Bayern und Böhmen unterwegs war. Foto: dpa

Regensburg.Leben heißt, unterwegs zu sein. Der Weg ist das Ziel. Um diesen Gedanken lässt sich stets ein bunter Strauß von Erzählungen binden. Literatur – ob fiktionale im weiten Reich der Phantasie oder in der Schilderung realer Erlebnisse – ist ein Ausschreiten naher und ferner Räume. Es bleibt ein immer wieder neues, faszinierendes Spiel, die Wirklichkeit an der Vielfalt der Möglichkeiten zu messen. Grenzen werden definiert und überschritten. Fremde und eigene Erfahrungen des Lesers mischen sich. Es werden mehr Fragen gestellt als beantwortet. Im Idealfall entsteht ein geistig-emotionaler Disput zwischen Autor und Leser.

„unterwegs – cestou“ ist der Titel eines zweisprachigen (tschechisch, deutschen) Bandes zeitgenössischer Erzählungen aus Westböhmen und Ostbayern. Die Regionalgruppe Ostbayern des Verbandes deutscher Schriftsteller hat je zehn tschechische und bayerische Autoren eingeladen, ein Stück ihres Unterwegsseins zu thematisieren. Der Regensburger Pustet Verlag hat die Anthologie rechtzeitig zum Kulturhauptstadtjahr der westböhmischen Metropole Pilsen vorgelegt.

Und der Mensch lernt doch dazu

Der Erzählband liefert den Beweis, dass der ostbayerisch-westböhmische Kulturraum literarisches Potenzial hat. Und auch das wird deutlich: Literatur kennt keine nationalen Schranken. Lebenserfahrungen, Hoffnungen und Erwartungen sind eine Lingua Franca, die Menschen unterschiedlicher Sprachgemeinschaften verstehen. Dass Nationalismen, die vor allem im 19. und im 20. Jahrhundert die Nachbarschaft und vor allem das Miteinander belastet haben, überhaupt keine Rolle mehr spielen, ist eine erfreuliche Gewissheit, die man aus der Lektüre der Geschichten mitnehmen kann. Menschen können eben doch aus ihrer Geschichte lernen.

Grob aufgeteilt findet man zwei Textsorten in den 20 Erzählungen. Die einen schreiben gradlinig, chronologisch, die anderen assoziativ parabelhaft fantastisch mit Ausflügen ins Traumhafte. So entstehen unaufgeregte Bilder menschlicher Beziehungen und individueller Situationen. Eine breite Fülle erzählerischer Perspektiven wird durchgespielt.

Zu den Meistern einfacher, aber umso prägnanteren Erzählern gehört Harald Grill mit seinem Sommerspaziergang durch Lappland: „ Wie weit ist’s noch nach Kautokeino?“ Sich die Welt zu erwandern, sie im ursprünglichen Wortsinn zu erfahren, darin ist er durch jahrelange Übung zum Spezialisten geworden.

Die Seele auf dem Weg zum Himmel

Elfi Hartensteins „Kulissenwechsel“ reportiert Erinnerungen an ihre ersten Fahrten ins böhmische Nachbarland und ihre Begegnung mit den realen Auswüchsen neuer Freiheit, die für junge tschechische Frauen Sklaverei auf dem Sexmarkt bedeuteten. Marita A. Panzers „Irgendwo im Nirgendwo“ führt vor Augen, wie schnell unsere Sicherheit beim Teufel ist, wenn man im neblig-verschneiten Bayerischen Wald im Straßengraben landet und sich plötzlich im Unbekannten, im Unheimlichen wiederfindet.

Schnörkellos, aber anrührend ist die Geschichte von dem tapferen kleinen Mädchen Rozinka, das sich ihr Feenkostüm für den Maskenball erkämpft hat. Autorin ist Alena Vavrova.

Reflexion über Reales kann aber auch schnell in Sphären führen, in denen andere, freiere Gesetzmäßigkeiten bestimmend sind. „Unterwegs zum Fenster“ von Jitka Proksova ist so eine Geschichte: Herz und Verstand eines Sterbenden im Widerstreit, letzte Gedanken und eine Seele, die sich davonmacht hinauf zum Himmel.

Leise Auseinandersetzungen mit Wegstrecken

Die Regensburgerin Barbara Krohn blättert unterwegs „Auf dem Lebenspfad“ in großen Erinnerungsalben der Lebenslandschaften, begegnet ihrer Kindheit während sie die Gedanken frei schweifen lässt: „So ging es mit allem, bis ich erfüllt war von Daseinsspuren. Bis ich spürte, was ich war und was nicht.“

Verstörenden Gedanken lässt Vlasta Spinkova die Protagonistin ihrer Erzählung „Eine Schachtel voll Erinnerungen“ nachhängen. Auf zwei Aktionsebenen erfahren wir von den geplatzten Träumen des älteren Ehepaars Maria und Petr. Ein Verkehrsunfall zerstört jäh kleine Glückserwartungen.

Überhaupt sind alle Erzählungen, so unterschiedlich ihre Formen auch sein mögen, eher leise Auseinandersetzungen mit Wegstrecken, die Alltagsmenschen wie du und ich zurücklegen. Da ist kein Aufbegehren, vielmehr etwas Versöhnliches mit dem zugeteilten Schicksal. Man wünscht sich, dass diese böhmisch-bayerische Begegnung ihre Fortsetzung findet.

„unterwegs – cestou“

  • Das Buch:

    „Unterwegs - cestou“ wurde herausgegeben vom Verband deutscher Schriftsteller, Regionalgruppe Ostbayern. Jeder Text wurde für den Band zusätzlich in die jeweils andere Sprache übersetzt. Erschienen ist der Band im Pustet Verlag Regensburg, 187 Seiten kosten 14,95 Euro.

  • Die Autoren:

    Auf tschechischer Seite Karla Erbova, Ivo Fencl, Vaclav Gruber, Jiri Hlobil, Tamara Koprivova, Jarka Malkova, Jitka Proksova, Marie Spackova, Vlasta Spinkova, Alena Vavrova. Die deutschen Kollegen sind Harald Grill, Elfi Hartenstein, Gernot Häublein, Barbara Krohn, Carola Kupfer, Maria A. Panzer, Gangaamaa Purevdorj, Siegfried Schüller, Rolf Stemmle und Petra Teufl.

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