MyMz

Premiere

Männer können schon sehr putzig sein

Pünktlich zur Sommerferienzeit beendet das Turmtheater seine Pause und setzt auf Gabriel Baryllis Evergreen „Butterbrot“.
Von Peter Geiger, MZ

Sisyphus in Love: In „Butterbrot“ verlieren drei Männer jeden Glauben an die Liebe – hier Fabian Feder und Georg Lorenz. Foto: Alba Fachi
Sisyphus in Love: In „Butterbrot“ verlieren drei Männer jeden Glauben an die Liebe – hier Fabian Feder und Georg Lorenz. Foto: Alba Fachi

Regensburg.Warum das Publikum bei der Premiere dieser so temporeichen und Züge des Grotesken tragenden „Butterbrot“-Inszenierung von Jürg Schlachter aus dem Lachen gar nicht mehr herauskam? Na, weil eine gute Komödie – und um eine solche handelt es sich bei Gabriel Baryllis Klassiker ganz zweifellos – uns etwas gestattet, was wir im echten Leben niemals dürften. Wir ergötzen uns am Leid von drei Männern, die in ihren individuellen Liebeslabyrinthen herumtorkeln wie Betrunkene, die ihre Haustürschlüssel verloren haben und diese nun ebenso partout wie vergeblich im Lichtkegel einer Straßenlaterne suchen. Und wir dürfen ungebremst schadenfroh sein, weil dieses Trio ja ohnehin nur auf der Bühne sein Unwesen treibt. Und somit mit real existierenden Exemplaren allenfalls fern verwandt ist. Jetzt müsste natürlich mindestens ein Smiley- oder Zwinker-Emoticon kommen; weil „Butterbrot“ aber schon 1988 geschrieben wurde und der Kontakt zur Außenwelt (sprich: zu den Frauen) noch mit einem Festnetz-Telefon in der Schnurlosvariante hergestellt wird, kann auf ein so täppisches Ranwanzen an die Gegenwart getrost verzichtet werden.

Klagegesänge der Extraklasse

Überhaupt sind die Geschlechter-Konflikte, denen wir zu unserem Vergnügen beiwohnen dürfen, doch von eher zeitloser Aktualität: Architekt Martin (gekonnt zuckersüß und richtig falsch grinsend, wenn’s ans Eingemachte geht: Fabian Feder) gerät seinen beiden Mitbewohnern gegenüber in Erklärungsnot. Denn tatsächlich wagt er sich frisch und frei heran, ans neuerliche Beziehungs-Abenteuer! Schauspieler Stefan (herrlich ungeschickt in seiner tapsigen Bärenhaftigkeit: Johannes Fast) hätte zwar ähnliche Aussichten gehabt – hat sie aber dann aus ebenso freien wie überzeugten Stücken abgelehnt. Stattdessen suhlt er sich jetzt, die Gitarrensaiten mit Mollakkorden streichelnd, lieber im Warmwasserbad des Selbstmitleids und stimmt Klagegesänge der Extraklasse (ja, singen kann er wirklich!) an. Und Peter (brillant, wie er den Gehörntenstatus mit verzweifeltem, an Arthur Millers Handlungsreisenden Willy Loman erinnernden Zweckoptimismus zu überspielen versucht: Georg Lorenz), der Neuzugang? Schreit bier- und schnapstrinkend seine plötzlich erlangte Freiheit jedem ungefragt ins Gesicht! Dabei ist das auch nur das Wolfsgeheul eines tief im Ego Getroffen, eines Mannes, der an einer schwärenden und – so viel steht schon fest – niemals vernarbenden Seelenwunde leidet. Er, der sich selbst selbstredend jeden Seitensprung generös zugestanden hatte, ist nun seinerseits Opfer geworden, von Lillis Sprunghaftigkeit.

Wohlfühlparadies für Grantler

Es ist ein bisschen wie in „Warten auf Godot“: Keine der Angebeteten lässt sich sehen, in diesem Männerspital, das zum vermeintlichen Zweck der Seelengesundung aus Bierkästen einer Regensburger Brauerei (ein Prosit aufs Kultursponsoring!) gebaut wurde. Das ist eine tolle Idee von Bühnenbildnerin Alexandra von Fumetti. Ja, so sieht es aus, das Wohlfühlparadies für alleinstehende Grantler! Weder Martins Neue noch Stefans Chance schaut auf einen Sprung hier vorbei – und erst recht nicht Peters Lilli. Die teilt lediglich fernmündlich mit, dass sie jede Nabelschnur zu kappen gedenkt und die Scheidung eingereicht habe.

Gerade deswegen aber kreisen die Gespräche dieser drei Liebes-Sisyphusse um nichts anderes als um Wunsch- und Schreckensbilder: um die Utopie der glücklichen Beziehung. Und um die Dystopie, dass dem geschiedenen Mann am Ende nur noch so viel übrig bleibt, auf der geschrumpften Habenseite seines Kontos, dass er sich von „Butterbrot“ ernähren muss. Weshalb Stefan auch gleich an einem Stück selbigen Titels zu arbeiten beginnt. Um weitere Ängste zu verjagen, trinkt das Triumvirat unablässig und pfeift, zwischendrin und auch am Ende, mit aller ihm zur Verfügung stehenden Harmonie Melodien auf Bierflaschen! Only you! Love me do! Ach: Männer können schon sehr putzig sein! Oh yeah!

Mehr Kulturnachrichten lesen Sie hier!

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht