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Porträt

Malerpoet mit Sinn für Unsinn

Und die Moral von der Geschicht: Der Regensburger Wurstkuchlhund-Erfinder Helmut Hoehn ist ein altmodischer 68er.
Von Claudia Bockholt, MZ

Helmut Hoehn in seinem Arbeitszimmer im Regensburger Westen. Auch hier findet sich allerhand Getier, ein Wolf zum Beispiel.
Helmut Hoehn in seinem Arbeitszimmer im Regensburger Westen. Auch hier findet sich allerhand Getier, ein Wolf zum Beispiel. Foto: Gabi Schönberger

Regensburg.Bekannt wie ein bunter Hund: Diese Redensart muss jemand für Helmut Hoehns fabelhaftes Wesen geprägt haben, das demnächst – in dritter Auflage – wieder unter vielen Weihnachtsbäumen liegt. „Doggie of the Sausage Kitchen“ wird aber auch unter manchem Christmas Tree herumschnuffeln und dann als Super-Dog die blitzende Baumspitze umkreisen.

Eigentlich war das farbenfrohe Dings, das mit seinen krummen roten Füßen über der Ledercouch in Helmut Hoehns Wohnzimmer schwebt, gar kein Hund. „1993“, das steht unten rechts schwarz auf Öl zu lesen, war es zunächst ein im Flug festgehaltenes Wesen, das über der wie bunte Klötzchen hingewürfelten Silhouette Regensburgs segelt. Als das Gemälde entstand, war Helmut Hoehn noch Lehrer an der Maristen-Realschule in Cham. Er war auch zu dieser Zeit schon oft in Regensburg. Von der Badstraße aus genoss er einen exklusiven Blick auf das Profil der alten Stadt.

Erst fünf Jahre später fragte Hoehn sich: „Wie kam dieses Wesen in die Luft?“ Und er schrieb die Geschichte über den Gassenhund vom Wöhrd. Dieser kurzbeinige Kerl lebt ein trauriges, namenloses Hundeleben, bis er eines Tages die Wurstkuchl-Tochter Franziska aus der Donau fischt. Fortan heißt er Waldemar, ist Familienmitglied und kann vor lauter Glück und Sauerkraut im Bauch ganz superheldenmäßig fliegen und Rache-Schlachten gegen die hundsgemeine Taubenbande auf St. Peter führen.

Die gnadenlose Energie der Kinder

Kasmotarch ist auch so ein buntes Dings wie der Wurstkuchlhund. Ein etwas struppiger Vogel, dessen gelber Schnabel an einen Austernfischer und dessen grau getupftes Gefieder an einen Brachvogel erinnert. Eine stelzende, flugunfähige Spezies, die den Patriarchen, auch den Monarchen im Namen trägt. Auf jeden Fall ein Vogel, der schon Einiges auf dem Gefieder hat und seine Ruhe haben will vor dem quicklebendigen Flugfrosch Winnie, der immerfort um ihn herumhüpft und -saust und ihn mit seiner guten Laune bedrängt.

Am Ende stellt sich jedoch heraus, dass die beiden einander, allem Anschein zum Trotz, richtig gern haben. Die Moral von der Geschicht? „Man kann sich ganz toll lieb haben, obwohl man sich manchmal auf die Nerven geht“, sagt der Schöpfer. „Flugfrosch Winnie und der Kasmotarch“, Hoehns neues Kinderbuch, ist eine Geschichte über das Miteinander von Alt und Jung. Sie geht so ziemlich alle Menschen an, nicht nur Mamas und Papas und ihre wuseligen Kinder, welche in all ihrer Energie, wie Hoehn wissend lächelnd konstatiert, „natürlich gnadenlos“ sind.

Hoehns Bücher haben Botschaften

Eine Moral von der Geschicht’ – wo hat man so etwas seit Wilhelm Busch gehört? „Ich bin altmodisch“, sagt Hoehn. „Ich bekenne mich dazu.“ Jedes seiner Kinderbücher müsse eine Botschaft haben. Im „Wurstkuchlhund“ ist es die: Tu etwas Gutes, dann geht’s dir auch gut. Die Lehre – immer unaufdringlich und gut verpackt – ist eines von drei Dingen, die der Schriftsteller und Illustrator für unabdingbar hält. Die beiden anderen sind: „Kinder müssen sich identifizieren können. Und die Geschichte braucht ein Happy End“. Die Gemeinheiten der Welt, die ganzen traurigen Tatsachen von Krieg bis Klimawandel, die Hoehn beschäftigen und betrüben, lässt er in seinen Kinderbüchern außen vor. Die Probleme kommen ja noch früh genug.

Von Adlern und Trollen

  • Bücher von Helmut Hoehn (Auswahl):

    Flugfrosch Winnie und der Kasmotarch (2015), Die letzten Welterklärer – Im Land der Eierkopftrolle (Bilderbuch, 2015), Hütten Leben – Erzählgedichte eines Sommers (2012), Mit dem Ratisbonerl auf Zeitreise (Regensburger Kinderbuch, 2011), Die Geschichte von Adi Adler (2008) , Stunde der Halbwertszeit (Gedichte mit eigenen Illustrationen, 1985)

  • Der berühmte Wurstkuchlhund:

    Der Wurstkuchlhund ist 1999 als „Ein bunter Bilderbogen für kleine und große Leute“ erschienen. Schon ein Jahr später erschien „Doggie of the Sausage Kitchen (A Colourful Story of Adventures for Folks that are Young and Those that have Refused to Grow Old“, übersetzt vom 2010 verstorbenen Anglistik-Professor Otto Hietsch. 2001 wanderte der tapfere Waldemar aus und wurde „Der Wurstkuchlhund in Nürnberg“.

„Der Winnie trommelt in der Wiese, als wäre er ein Flugfroschriese. Im Kopf des Kasmotarchen surrt’s, es wirft ihn hin ein Ohrensturz“. Männlich oder weiblich, geschüttelt oder rührend – auf jeden Fall gereimt muss es sein bei Helmut Hoehn. In seiner Kindheit im fränkischen Steinenhausen bei Kulmbach war er von den unsterblichen Versen des „Struwwelpeter“ und „Max und Moritz“ umgeben. „Wilhelm Busch war wirklich ein Begleiter, mit diesen großartigen Zeichnungen und dem Mut zur Verballhornung. Das hat sicher Spuren hinterlassen.“

Helmut Hoehns neuester Streich ist das Kinderbuch „Flugfrosch Winnie und der Kasmotarch“.
Helmut Hoehns neuester Streich ist das Kinderbuch „Flugfrosch Winnie und der Kasmotarch“. Foto: Südost-Verlag

Hoehn ist Jahrgang 1947, ein Nachkriegskind, das noch die Devise der schwarzen Pädagogik zu spüren bekam: „Wer sein Kind liebt, züchtigt es“. Er erinnert sich an eine Klassenstrafe des Sportlehrers, bei der jeder einzelne Schüler sich über den Sprungbock legen musste und einen Hieb mit dem Stock auf den Hintern bekam. Was war die Verfehlung, der Grund? Hoehn schüttelt den Kopf: „Ich weiß es nicht.“

Nach dem Abitur, das er am Kepler-Gymnasium in Weiden ablegte, erlebte Hoehn als Student in München und Helsinki auch die Folgen der 68er: antiautoritäre Erziehung und die keineswegs nur befreienden Folgen für die kindliche Seele. „Ich bin überzeugt, Kinder brauchen Grenzen“, sagt der langjährige Pädagoge. „Sie sind dankbar, wenn man sie ihnen aufzeigt, denn das gibt ihnen Sicherheit“. Extreme vermeiden: Das sei in der Erziehung wie überall der bessere Weg.

Das Kind kriegt das Kommando

Seit 2010 ist Hoehn im Ruhestand. Im Mai ist er 68 geworden. Man sieht es ihm nicht an. Das Kind in ihm sei „noch sehr lebendig“, sagt er selbst. Beim Malen und Reimen überlässt er ihm gerne das Kommando. Ein großes Vergnügen für jedes Alter sei das, sagt Hoehn. „Das macht so viel Spaß. Versuchen sie’s mal!“ Ein paarmal im Jahr gibt der Malerpoet mit Sinn für Unsinn in der Kinderakademie Fliegenpilz Workshops für Kinder. Dabei entstehen kleine Kunstwerke wie diese: „Der Vogel singt so lang und laut / bis es die Katz vom Stangerl haut“ oder „Ein Tintenfisch hat Schuhe an / weshalb er sehr gut schwimmen kann“.

Wie jeder Mensch träumt auch der Eierkopftroll vom kleinen Glück und der großen Liebe.
Wie jeder Mensch träumt auch der Eierkopftroll vom kleinen Glück und der großen Liebe. Foto: Scheiner/MZ-Archiv

Lyrik für Erwachsene hat Helmut Hoehn in Norwegen verfasst, wo er mit seiner Lebensgefährtin die Sommer verbringt. Der Klimawandel, erzählt er durchaus traurig, hat auch dieses nördliche Refugium schon erreicht. Die Folge ist eine Mückenplage ungekannten Ausmaßes, es sei kaum noch auszuhalten. Einiges in „HüttenLeben. Erzählgedichte eines Sommers“ sei wohl schon revisionsbedürftig.

Die Mythologie des Nordens hat allerdings noch das erste Bilderbuch für Erwachsene maßgeblich beeinflusst, das Hoehn in diesem Jahr veröffentlicht hat. Eierkopf-Trolle erklären darin die wichtigsten philosophischen und religiösen Denkgebäude und wenn man so will: die Moral von der Menschheitsgeschicht’.

Kinder sind viel spannender

Nun aber wieder ein Kinderbuch. Der Pensionär Helmut Hoehn verbringt seine Zeit sowieso lieber mit kleinen Menschen: „Die sind viel spannender“. Er ist Lesepate für einen jungen Syrer und einen Bulgaren. Vorher war es ein Chinese. Und gerade nimmt er mit „Falken“, gewissermaßen die Pfadfinder der SPD, ein Hörspiel zu seinem anderen Erfolgsbuch, dem „Ratisbonerl“, auf. 20 Jahre Lehramt für Kunsterziehung und Geschichte haben ihm die Freude am Nachwuchs nicht nehmen können. Helmut Hoehn hat Kinder lieb, auch wenn sie manchmal nerven. Ein Kasmotarch halt, wie er im Buche steht.

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