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Musik

„Mama“ von Heintje wird 50

Der Kinderstar stürmt 1968 mit „Mama“ die Charts. Seine Schlager wecken Sehnsüchte – mitten im revolutionären Kampf.
Von Sabine Göttel und Olaf Neumann

Der niederländische Kinderstar Heintje sang sich in die Herzen vieler Mütter. Fotos: Reiss/gms/Göbel/Hase/dpa
Der niederländische Kinderstar Heintje sang sich in die Herzen vieler Mütter. Fotos: Reiss/gms/Göbel/Hase/dpa

1968 war Rockmusik die wichtigste Waffe im revolutionären Kampf: Die Rolling Stones veröffentlichten den Politsong „Street Fightin’ Man“ und Steppenwolf die Freiheitshymne „Born To Be Wild“. Jimi Hendrix kommentierte mit „All Along The Watchtower“ dröhnend den Vietnamkrieg. Und wie klang Deutschland auf dem Höhepunkt der Studentenrevolte? Dort landete der damals zwölfjährige Hendrik Simons mit dem Tränenzieher „Mama“ den erfolgreichsten Hit des Jahres. Unter dem Kosenamen Heintje sang er sich beharrlich in die Herzen deutscher Mütter und Schwiegermütter.

Heintje hat so einiges mitgemacht seit seinem fulminanten Auftritt in der ZDF-Fernsehshow „Der goldene Schuß“ im Jahr 1967. Damit teilt er das Schicksal vieler Prominenter, die nach frühem Ruhm als Kinderstar im Erwachsenenalter mit Misserfolgen und verpatzten Comebacks fertig werden müssen. Auch eine Reihe privater Schicksalsschläge hatte Simons zu verkraften. Heute präsentiert er seinen Fans immer noch gerne seinen größten Hit, den Schlager „Mama“. Freimütig bekennt er: „Ich singe für ein Familienpublikum. Von 1-14 Jahren und ab 25 bis unendlich ist da alles dabei.“

Entdeckt und unter Vertrag

Heintje ist, wie sein Landsmann Rudi Carrell, ein Import aus den Niederlanden. Er wird am 12. August 1955 in Bleijerheide an der deutschen Grenze geboren. 1966 tritt er in einem Talentwettbewerb in Schaesberg auf und stellt die niederländische Version des Schlagers „Mamma“ vor. Prompt wird er von dem Musiker und Produzenten mit dem sprechenden Namen Addy Kleijngeld entdeckt und unter Vertrag genommen. Kleijngeld sorgt als Heintjes Manager dafür, dass die goldene Kehle des süßen Jungen nicht nur die niederländische Provinz erfreut. Er komponiert fleißig Schlager und kümmert sich um Auftritte in Deutschland.

Heintje mit einer Platin-Schallplatte am im Januar 1970 in Cannes. 55 Sekunden reichten aus – und ein Weltstar war geboren: Heintje’s Auftritt im ZDF 1967 war der Beginn einer beispiellosen Kinder-Karriere. Foto: Georg Göbel/dpa
Heintje mit einer Platin-Schallplatte am im Januar 1970 in Cannes. 55 Sekunden reichten aus – und ein Weltstar war geboren: Heintje’s Auftritt im ZDF 1967 war der Beginn einer beispiellosen Kinder-Karriere. Foto: Georg Göbel/dpa

Nachdem 1966 Heintjes erste Platte auf Niederländisch erschien, singt er sein „Mama“ im Jahr darauf bereits auf Deutsch – als Stargast von Vico Torriani im „Goldenen Schuß“. Ein Millionenpublikum im gesamten deutschsprachigen Raum ist zu Tränen gerührt, der Elfjährige stürmt die Charts.

Ganz so harmlos wie es scheint ist diese Schnulze jedoch nicht. Geschrieben hatte sie im Jahr 1938 der neapolitanische Filmkomponist Cesare Andrea Bixio. 1941 drehte der nach Deutschland emigrierte Mailänder Regisseur Guido Brigone auf Grundlage des Liedes den nationalsozialistischen Propagandafilm „Mamma“. Der Textautor Bruno Balz („Kann den Liebe Sünde sein“) schrieb dafür eine deutsche Fassung. Als 36 Jahre später der Produzent Kleijngeld nach einem Lied für seinen Nachwuchssänger Hein Simons sucht, wird er bei Balz fündig. Bevor der nett frisierte Bub „Mama“ einsingen darf, wird der Text von seinem Kriegsinhalt bereinigt.

Es geht Schlag auf Schlag

Allein 1968 ist Heintje mit drei Schlagern auf den vorderen Plätzen der deutschen Jahreshitparade vertreten: „Mama“ (Platz 1), „Du sollst nicht weinen“ (Platz 2) und „Heidschi bumbeidschi“ (Platz 4) zogen an den Beatles und Rolling Stones vorbei. 1968 ist „Mama“ die meistverkaufte Single in Deutschland. Kein Wunder, denn niemand besang die wichtigste Frau im Leben eines Mannes herzergreifender als der Bub Heintje. Zu den Hochzeiten der Schüler- und Studentenrevolte verkörpert er den braven Sohn, der sich für Liebe und Fürsorge mit einem Lied bedankt, statt Eltern und Gesellschaft den Stinkefinger zu zeigen. Gigantische Verkaufszahlen belegen die Sehnsüchte nach einer intakten Familie.

In den nächsten Jahren wird Heintje mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft. International werden fast 50 Millionen Tonträger verkauft. Man produziert eigens drei LPs in englischer Sprache für Fans in Australien, Kanada und den USA.

Früher Erfolg, späte Folgen

  • Mütterschwarm Heintje

    heißt mit bürgerlichem Namen Hendrik (Hein) Nikolaas Theodoor Simons.

  • Seinen frühen Erfolg

    zieren eine Platin- und 40 Goldene Schallplatten, ein Bambi sowie zwei Goldene Löwen.

  • Hein Simons

    kennt die Kehrseite des Schlagererfolgs: „Man wirft Sängern wie mir vor: Du bist so seicht, so lieb!“

Auf dem Gipfel seines Erfolgs versucht sich Heintje auch beim Film. Die sogenannten „Lümmelfilme“ besetzt man damals gerne mit Schlagerstars. Als renitente Schüler dürfen sie endlich einmal über die Stränge schlagen – natürlich im schicklichen Rahmen. Heintje debütiert 1968 mit einer kleinen Rolle in „Zum Teufel mit der Penne“. Dann schreibt man ihm sogar Hauptrollen auf den Leib und nennt ihn im Titel wie in „Heintje – Ein Herz geht auf Reisen“ (1969) oder „Heintje – Mein bester Freund“ (1970). Eine Schauspielkarriere startete er nach sechs Kinoerfolgen jedoch nicht.

Es war zu erwarten, dass sich nach dem Stimmwechsel des Kinderstars einiges ändern würde. 1973 versucht der mittlerweile erwachsene Heintje Simons ein Comeback – mit mäßigem Erfolg. Zu sehr ist er auf die Rolle des süßen Jungen festgelegt. Besonders in Deutschland wird es immer stiller um den ehemaligen Kinderstar.

Hein Simons hält seine neueste CD in den Händen. Simons bekommt auch heute noch Anträge von Verehrerinnen. Foto: Tobias Hase/dpa
Hein Simons hält seine neueste CD in den Händen. Simons bekommt auch heute noch Anträge von Verehrerinnen. Foto: Tobias Hase/dpa

Nach sporadischen Veröffentlichungen in den 80er Jahren kann Heintje – nun als Hein Simons – in den 90ern vom explodierenden Erfolg der volkstümlichen Musik profitieren. Bis heute ist der Vater dreier Kinder in den populären Fernsehshows dieses Genres zu Gast und veröffentlicht weiterhin neue Alben. Seine LP „Thuis“ von 2014 hält sich 13 Wochen in den niederländischen Charts. Wie schaut Hein Simons heute auf seinen Erfolg in Kindertagen zurück? „Es gab Zeiten, da fand ich es richtig blöd, wenn mich jemand Heintje nannte“, bekennt der Sänger. Mittlerweile habe er seinen Frieden damit. Und wie ist es derzeit mit dem Image des Schlagersängers bestellt? „Sie sagen: Bring doch mal anspruchsvolles Niveau! Und wenn ich von Klimawandel singe, heißt es: Jetzt dreht er durch, jetzt wird er verrückt.“

Glaubt man Trendforschern, feiert der adrette Mann gerade ein Comeback. 50 Jahre nach der Studentenrevolte wird das Schreckgespenst der Alt-68er wieder salonfähig.

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