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Kunst

Man muss genau hinschauen

Die Augenklinik Regensburg fragt in einer Ausstellung mit 14 Künstlern nach: „Gibt’s was Neues?“ Ein Besuch lohnt sich.
Von Helmut Hein

So sieht ein Eye Tracking Scanpath (Blickbewegungsanalyse) aus: Die grün aufgezeichneten Fixationsorte zeigen das Bewegungsprofil am Beispiel von Michael Hottners Werk „Ohne Titel“. Foto: Philipp Meister
So sieht ein Eye Tracking Scanpath (Blickbewegungsanalyse) aus: Die grün aufgezeichneten Fixationsorte zeigen das Bewegungsprofil am Beispiel von Michael Hottners Werk „Ohne Titel“. Foto: Philipp Meister

Regensburg.Zeit für ein Resümee. 2013 startete Dr. Kirsten Remky mit Zeichnungen und Objekten des früheren Kunst-Werkers und heutigen Ko-Chefs der Akademie Regensburg Stefan Göler eine eigene Ausstellungsserie in der Augenklinik bei den Barmherzigen Brüdern. 14 Künstler aus der Region – Männer und Frauen in einem ausgewogenen Verhältnis – hat sie seither gezeigt, alle handverlesen und äußerst qualitätsbewusst. Denn Kirsten Remky ist ja Kunsthistorikerin und hat lange in Museen im Norden gearbeitet, bevor sie es mit ihrem Mann nach Regensburg verschlug.

Ein Glücksfall für die Stadt. Denn seit dem Ende der „kleinen galerie“ gab es keinen Ort mehr, wo kompetent und kontinuierlich – und eben nicht nur ab und zu und unter anderem – Kunst aus der Region präsentiert wurde. Und Remky kümmert sich um ihre Künstler, geht in die Ateliers, sucht das Gespräch. Und sie dokumentiert ihre Tätigkeit. 2015 erschien ein Katalog mit dem mehrdeutigen Titel „Kunst-Schauen“, der die ersten sieben Künstler der Augenklinik (Stefan Göler, Barbara Gufler, Astrid Schröder, Heinrich Glas, Alois Achatz, Michael Hottner und Katja Barinsky) mit ausgewählten Arbeiten vorstellte und eingehend kommentierte.

Wie Kunst sichtbar wird

Jetzt, zur Gruppenausstellung der 14 mit dem kecken Titel „Gibt’s was Neues“ erscheint ein zweiter Katalog mit dem leicht abgewandelten Titel „Kunst-Sehen“, der die Künstler der Augenklinik-Ausstellungen 2016 bis 2018 präsentiert (Eveline Kooijman, Regine Herzig, Alexander Stern, Inken Hilgenfeld, Katharina Gierlach, Georg Tassev und Berrnhard Dagner), denen das Hauptaugenmerk gelten soll.

Aber zunächst zum Format „Kunst in der Augenklinik“: Die Hausherren Professor Andreas Remky und Privatdozent Wolfgang Herrmann geben sich in ihrem Katalog-Vorwort allzu bescheiden. Natürlich könne Kunst in der Klinik „nicht den Status einer Galerie oder eines Kunstvereins“ erreichen. Man solle und wolle das auch gar nicht versuchen. Das stimmt – und es stimmt doch nicht. Denn diese Klinik und die Kunst, die in ihr gezeigt wird, passen gut zusammen.

Die 14 Künstler und Dr. Kirsten Remky (5.v.li.) Foto: Manuela Drossard-Peter
Die 14 Künstler und Dr. Kirsten Remky (5.v.li.) Foto: Manuela Drossard-Peter

Beiden geht es, mit ihren je eigenen Mitteln und Methoden, medizinisch und ästhetisch, um das visuelle Vermögen der Menschen: Wie und was wir sehen; und was dieses Sehen stört, verzerrt, täuscht, vielleicht auch erweitert. Nicht zufällig gab es bei den Vernissagen, ergänzend zu den kunsthistorischen Einordnungen Kirsten Remkys, immer wieder auch verblüffende wissenschaftliche Vorträge, die zeigten, wie voraussetzungsreich das ist, was wir so selbstverständlich nehmen; jedenfalls solange unser optisches Organ nicht zu schwer erkrankt. Natürlich verfügt eine Klinik nicht über Ausstellungsräume, wie wir sie von etablierten Galerien gewohnt sind. Dafür werden im Warte-Korridor aber auch Menschen mit Kunst konfrontiert, die aus anderen Gründen hierher gekommen sind; die Kunstfreunde, die längst um die Qualität dieser Reihe wissen, lassen sich ohnehin nicht abschrecken.

Die subversive Kraft der Kunst

Aber braucht es in der heutigen Zeit überhaupt noch Ausstellungen, wo man doch jedes Werk in jedem Museum, auch in weit entfernten, virtuell in Augenschein nehmen kann. Unbedingt, sagt Kirsten Remky. „Denn Kunst hat durchaus etwas Haptisches, was man nur im Vis-à-vis erfassen kann“. Selbst die beste digitale Kopie ist erschreckend arm im Vergleich zum realen Erlebnis. Und: erst in der Vielfalt der Präsentationsformen wird die subversive Kraft der Kunst sichtbar und deutlich. Remky: „Kunst ist Ausdruck von Andersdenken, oft unkonventionell und unbequem. Kunst fordert und fördert freies Denken.“

Und eben nicht die heute oft geforderte „Haltung“, in der es sich alle bequem machen können. Drei Beispiele aus der jüngsten Zeit, die Remkys These verdeutlichen. Bernhard Dagners hochkomplexe Glas-Bilder – oder vielleicht besser Glas-Objekte, denn wesentlich ist hier ja die „Tiefe“, die dritte Dimension – erschließen sich selbst bei der besten Abbildung kaum. Man muss sie im realen Raum sehen, nur dann kann man ihre Struktur dechiffrieren. Und mehr noch als einst bei den Impressionisten ist das sich verändernde Licht ein wesentliches Moment der ästhetischen Erfahrung des Gegenstands.

Kontinuität und Unverhofftes

Noch etwas kommt hinzu. Kirsten Remky erzählt ja gerne, dass die Geschichte, der Entstehungsprozess eines Werks entscheidend für das Verständnis sei. Deshalb recherchiere sie gern und suche das Gespräch mit den Künstlern. Bei Dagner ist das wichtiger als bei anderen. Denn bei ihm ist es nicht eine, sondern sind es viele Geschichten, die sich im Werk vereinen. Schon die Ausgangsmaterialien, diese raren mundgeblasenen Farbgläser, sind zerbrechliche Meisterstücke eigener Art

Bei Georg Tassev ist es der Gestus, die heftige Bewegung der Hand im Zeichenvorgang, die erst beim Betrachten des Originals in seinem ganzen Reichtum erscheint. Tassev hat als Arbeitsmotto „Ruhe bewahren“. Aber das fällt natürlich schwer, wenn man den Menschen (seine Gefühle, seine Lüste und Ängste) so sehr zerreißt, wenn man so entschieden der conditio humana auf den Grund geht.

Bei Katharina Gierlach, um nur noch ein weiteres Beispiel anzuführen, ist es die Farbe in ihrer Materialität, ihrer „Dicke“, die nur beim direkten Augenschein sichtbar wird. Bei ihr verhält es sich ähnlich wie bei Regine Herzig: Scheinbar hat man realistische Abbildungen vor sich. Aber das Medium, in dem etwas erscheint, hier also die eigensinnige Malerei, ist selbst die Botschaft. Man muss sich ihm direkt aussetzen.

Und: gibt’s was Neues in dieser Gruppenausstellung? Viel Neues – und vieles, was man zu kennen meint; aber dann muss man eben noch einmal hinschauen. Kontinuität, wie sie sich auch Kirsten Remky wünscht, und doch Unverhofftes. Viel Reichtum vor allem. Man kann und sollte sich unbedingt (s)ein eigenes Bild machen.

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Die Ausstellung

  • Künstler:

    In der Ausstellung „Gibt´s was Neues?“ in der Augenklinik Regensburg im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder werden Werke von Alois Achatz, Katja Barinsky, Bernhard Dagner, Katharina Gierlach, Heinrich Glas, Stefan Göler, Barbara Gufler, Regine Herzog, Inken Hilgenfeld, Michael Hottner, Astrid Schröder, Alexander Stern und von Georg Tassev gezeigt.

  • Zeitraum:

    Die Ausstellung ist noch bis zum 29. März zu sehen.

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