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Nachruf

Marietheres List stellte Weichen

Unter der früheren Intendantin erlebte das Theater Regensburg gute Jahre. Nun ist sie nach schwerer Krankheit gestorben.
Von Ulrich Kelber

Die frühere Intendantin am Theater Regensburg ist nach langer Krankheit gestorben. Foto: Michaela Rehle, dpa
Die frühere Intendantin am Theater Regensburg ist nach langer Krankheit gestorben. Foto: Michaela Rehle, dpa

Regensburg.Als Marietheres List im April 1987 vom Regensburger Stadtrat zur Intendantin des Theaters gewählt worden war, fand das in ganz Deutschland Beachtung. Denn damit bahnte sich das Ende einer Männerdomäne an. Noch nie hatte bis dahin eine Frau an der Spitze eines staatlichen oder kommunalen Theaters gestanden. Damit war der Bann gebrochen. Nach Marietheres Lists Vorreiterrolle bekamen immer mehr Frauen die Chance, Führungspositionen an Theatern zu übernehmen, so Ruth Drexel am Münchner Volkstheater oder Brigitte Fassbaender am Landestheater Innsbruck.

In Regensburg hat man die mutige Entscheidung nicht bereuen müssen. Noch immer zehrt und profitiert das Theater von den Weichenstellungen, die Marietheres List in den 14 Jahren ihrer Intendanz von 1988 bis 2002 vornahm. Die größte Leistung und wichtigste Neuerung war die Etablierung eines eigenständigen Balletts. Sie engagierte den Choreografen Dieter Gößler, den sie von ihrer Zeit am Nürnberger Theater kannte (dort war sie zuvor Leiterin der künstlerischen Betriebsbüros). In Regensburg brach ein richtiges Ballettfieber aus.

Ausbau des Velodroms

In Lists Zeit fällt auch der Ausbau des Velodroms zur zweiten großen Spielstätte. Zunächst sollte es als Ausweichquartier dienen, als die Sanierung des Hauses am Bismarckplatz anstand. Aber sie konnte mit ihrem Konzept für die dauerhafte Nutzung überzeugen. Heute ist das Velodrom nicht mehr wegzudenken aus dem Theaterleben der Stadt. Als 2016 mit einer Ausstellung an die Velodrom-Rettung erinnert wurde, kam die eher öffentlichkeitsscheue Ex-Intendantin zur Eröffnung.

Auch bei den Bayerischen Theatertagen 2016 in Regensburg trat sie nochmals in Erscheinung. Auf einem Foto für die Mittelbayerische posierte sie zusammen mit Josef E. Köpplinger. Der heutige Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters hatte in Regensburg erste Chancen bekommen und erwies sich später als Regie-Talent. Als seine „künstlerische Ziehmutter“ hat er Marietheres List verehrt.

Dass Marietheres List bald danach schwer erkrankte, wussten nur enge Freunde. Die letzten Monate verbrachte sie in einem Hospiz. Am Dienstag ist sie gestorben. Sie wurde 72 Jahre alt.

Am Theater hoch geschätzt

Kein Zweifel: Die Intendantin wurde vom Ensemble wie von Mitarbeitern hoch geschätzt. Maria Eger, die als Chefsekretärin fünf Intendanten erlebte, erzählte bei einem Abschiedsgespräch, dass die Zeit mit List für sie die schönsten Jahre gewesen seien.

Reaktionen auf Lists Tod

  • Manuela Lehner

    Die Personalleiterin am Theater Regensburg seit 1999 sagt: „Mit Marietheres verbinde ich Schönheit, Eleganz, Willensstärke, Intelligenz, Einfühlungsvermögen, Kreativität, und vor allem Humor. Sie war für mich der Schlüssel zum Theater und eine Institution in Regensburg, lange bevor unsere Zusammenarbeit begann. Ich bin dankbar für ihre Freundschaft und die gemeinsame Zeit, sie wird mir sehr fehlen.“

  • Josef E. Köpplinger

    Der Staatsintendant des Staatstheaters am Gärtnerplatz in München, der 1988 als jüngster Spielleiter von Marietheres List an die Städtischen Bühnen Regensburg engagiert wurde: „Liebe Marietheres, ohne Dich, Deine prägende künstlerische Hand und Dein Vertrauen wäre ich nie im Leben dort, wo ich jetzt sein darf. Ich vermisse Dich schon jetzt. Danke und schlaf schön! Josef Ernst Köpplinger.“

List führte ein typisches Theaterleben – ein „nomadisierendes Single-Dasein“ nannte sie es scherzhaft. Nach beruflichen Stationen in Graz, Nürnberg, Stuttgart, Gelsenkirchen, Essen und Nizza hatte sie sich in den ersten Regensburger Jahren im Hotel einquartiert. Offensichtlich fühlte sie sich an der Donau so wohl, dass sie nach 2002 hier wohnen blieb und nicht in ihre Geburtsstadt München zurückkehrte. In München machte List schon als Kind prägende Theatererfahrungen. Ihre Mutter war Opernsängerin, ihr Vater Herbert List als Betriebsdirektor jahrzehntelang die „graue Eminenz“ an der Bayerischen Staatsoper.

Dem Musiktheater gehörte ihre besondere Aufmerksamkeit. Schon die Eröffnungspremiere im Oktober 1988 mit Verdis „Maskenball“ in der Regie von Dr. Peter Kertz signalisierte eine Aufbruchsstimmung und unterstrich die hohen Ansprüche an Sänger-Ensemble, Orchester und Ausstattung. Sie öffnete das Theater auch für zeitgenössische Musik. In Erinnerung bleibt vor allem die Reihe der Kammeropern. Hier gab es so interessante Projekte wie Franz Hummels „An der schönen blauen Donau“ oder „Albert – Warum?“ von Enjott Schneider nach dem Film des aus Parsberg stammenden Regisseurs Josef Rödl.

Marietheres List, die aparte Intendantin, wirkte bei öffentlichen Auftritten immer zurückhaltend. Stets waren Sensibilität und Verletzlichkeit zu spüren. Es ging ihr nicht um die Person: Das Theater sollte durch künstlerische Leistungen glänzen. Es waren Jahre mit großartigen Aufführungen, an die man sich gerne erinnert.

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