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Vorpremiere

Martin Zingsheim predigt den Verzicht

Der (Musik-)Kabarettist überrascht im Regensburger Statt-Theater mit seinem Programm „Aber bitte mit Ohne!“.
Von Peter Geiger, MZ

Im „echten Leben“ ist Zingsheim Musikwissenschaftler. Foto: Geiger
Im „echten Leben“ ist Zingsheim Musikwissenschaftler. Foto: Geiger

Regensburg.Wie gutes Kabarett heutzutage geht? Richtig: Der Protagonist wählt sich einen Titel, der als Erkennungszeichen in eigener Sache dient. Obendrein sollte dieser Wahlspruch ein wenig frech sein und vielleicht sogar einen bekannten Satz persiflieren. Gleichzeitig darf damit eine dem Publikum vertraute Stimmungslage eingefangen werden, die sphärisch-diskursiv eh in der Luft liegt, die andererseits aber auch ein wenig kontrovers sein sollte.

Insofern also trifft der (Musik-)Kabarettist Martin Zingsheim mit seinem „Aber bitte mit Ohne“ überschriebenen Programm nicht nur ins Schwarze. Dieser Satz nagelt sich fest in den Köpfen des Publikums. Offenbart er doch Leidenschaft für Musik, ist aber gleichzeitig so sympathisch verstolpert an jener berühmten Udo-Jürgens-Zeile entlang formuliert, dass klar wird: Hier weiß einer ganz genau, wie man den Löffel anzusetzen hat, um von der Milch frommer Denkungsart ganz frech den Sprachrahm abzuschöpfen.

Einmal, da gerät dieser hochsympathische, jägergrün gewandete Kerl so in Wallung, dass er dem Publikum im Statt-Theater zuraunt: „Das kriegen sie jetzt nicht mehr raus, aus ihrem Kopf, wenn sie das erst einmal drin haben!“ Und es stimmt: Das Gläschen Limoncello, das man beim Italiener am Eck als Digestif (ein)geschenkt bekommt, erinnert es nicht an jene Flüssigkeit in den kleinen gelben WC-Entchen? Rülps. Eben. Wirklich nicht mehr zu löschen, aus dem Gedächtnis. Prost.

Weshalb Martin Zingsheim ein ebenso wort- wie pointenreiches Plädoyer hält. Und uns Verzicht predigt. Ein Nein nahelegt, was die Zumutungen und Offensiven dieser Gegenwart anbelangt, die uns auf allen Ebenen und in sämtlichen Ausprägungen übermannen. Eineinhalb Stunden lang legt er uns die Vorzüge des „Ohne“ nahe. Malt dabei in barocker Pracht und buntesten Farben den Mehrwert aus, der sich aus dem Weniger ergibt. Zitiert immer wieder seine vierköpfige Kinderschar und die Nöte, die sich aus seinem selbstgewählten Berufsschicksal ergeben, ohne dabei in den Kammerton des Jammrigen zu verfallen. Und errichtet so, wenn er vom Thema abschweifend volltreffermäßig das Deutsche auf seine Militärmetaphorik hin abklopft oder aus lauter Schlagertiteln die Textur des Romantischen bloßlegt, ein Klangkunstwerk der Extraklasse.

Ja, es ist tatsächlich so: Stundenlang wollte man ihm noch zuhören, nicht verzichten, auf diesen feinen und leisen Ironiker, der uns im blinden Vertrauen auf das Analoge die Pracht der Sprache so kraftvoll vor Augen führt, dass uns die Ohren aufgehen. Ein Hochgenuss? Ja.

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