MyMz

Musik

Maschinenmusik für Menschen

Mouse on Mars präsentieren auf „Dimensional People“ eine großartige Sound-Collage quer durch alle Stile und Genres.
Von Helmut Hein

Am wohlsten fühlen sich Toma und Werner im Labor, umgeben von digitalen Maschinen. Foto: Guillaume Bog
Am wohlsten fühlen sich Toma und Werner im Labor, umgeben von digitalen Maschinen. Foto: Guillaume Bog

Wer nach Schmuse-Lovesongs oder sich durchhaltenden, tanzbaren Rhythmen sucht, sollte besser die Finger von diesem Album lassen. Für alle anderen dürfte „Dimensional People“ ein Ereignis sein. Andi Toma und Jan Werner, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert das Zentrum von „Mouse on Mars“ bilden, spielen zwar klassische Instrumente: Gitarre und Bass (Toma) bzw. Harmonika und Klavier (Werner). Sie sind aber vor allem Forscher und Ingenieure, man könnte auch sagen: Tüftler und nicht Musiker. Sie interessieren sich für alle Arten von Klängen, besonders aber für synthetisch erzeugte oder zumindest verfremdete. Am wohlsten fühlen sie sich im Labor, umgeben von digitalen Maschinen.

Ihre Musik ist nicht „aus einem Guss“, sondern gebrochen und geschichtet.

Ihre Neugier erstreckt sich aber auch auf andere Sound-Konzepte. Für „Nerds“ verfügen sie über eine erstaunliche soziale Begabung. Das zeigt sich an der Fülle von Kooperationen und der Abwesenheit von Neid oder Konkurrenzdenken. An „Dimensional People“ haben sich mehr als vier Dutzend Musiker beteiligt, darunter so prominente und eigensinnige wie Justin Vernon (Bon Iver), Zach Condon (Beirut) oder Aaron und Bryce Dessner (The National). Man darf sich das aber nicht so vorstellen, als würden sie tagelang einträchtig im Studio abhängen und in einer Neverending-Jam Session gemeinsam Songs und Sounds entwickeln.

Andi Toma (links) und Jan St. Werner Foto: Nicolai Toma
Andi Toma (links) und Jan St. Werner Foto: Nicolai Toma

Die beiden sind eher Nomaden, die Kollegen besuchen, ihnen Ideen oder Klangschnipsel präsentieren und sie fragen, ob sie nicht etwas beitragen möchten. Oder sie hören den anderen zu und nehmen mit, was ihnen gefällt. Spontaneität ist bei Mouse on Mars immer nur der erste Schritt, das Rohmaterial. Die eigentliche Arbeit beginnt, wenn sie die Fülle der Beiträge sichten und überlegen, wie man sie verändern, verfremden und montieren könnte. Ihre Musik ist nicht „aus einem Guss“, sondern gebrochen und geschichtet. Und sie lässt sich nur schwer einem bestimmten Genre zuordnen. „Dimensional People“ ist vor allem ein Gesamtkunstwerk als work in progress. Was wir zu hören bekommen, ist das Resultat eines experimentellen Prozesses; und dass es so klingt wie es klingt, hat auch mit Zufall und Geschmack zu tun; man könnte es sich auch anders vorstellen.

Nerds mit sozialer Begabung: Für das neue Album suchten Toma (l.) und Werner Kooperationen mit anderen Musikern. Foto: Guillaume Bog
Nerds mit sozialer Begabung: Für das neue Album suchten Toma (l.) und Werner Kooperationen mit anderen Musikern. Foto: Guillaume Bog

Die titelgebende Sound-Trilogie („Dimensional People I, II, III“), könnte man bei flüchtigem Zuhören für ein besonders wüst-monotones Stück Techno-Musik halten, bestehend fast nur aus einem bedrängenden perkussiven Einerlei, das ganz offenbar von einer Klangmaschine erzeugt wird. Kein Mensch weit und breit. Aber dann reißt dieser Lärmteppich, der so „fett“ ist, dass nichts anderes Platz zu haben scheint, wiederholt auf und es erklingen fremdartige Jazz-Kürzel.

 „Dimensional People“ heißt das neue Album von Mouse on Mars. Es ist bei Thrill Jockey (Rough Trade) erschienen.
„Dimensional People“ heißt das neue Album von Mouse on Mars. Es ist bei Thrill Jockey (Rough Trade) erschienen.

Wenn Toma und Werner Soul-Fundstücke zitieren, dann klingt das bei ihnen wie brachiale Ambient Music, so eine Art Flughafen- oder U-Bahn-Lärm. Merkwürdig ist auch ihr Umgang mit dem, was man Sentimentalität nennen könnte, also mit verdickten Gefühlen, die jeder kennt, auch wenn er sich ihrer schämt. Toma und Werner dekonstruieren das, bis fast nichts übrig bleibt und doch erkennt man wunderbarerweise stets, worum es geht. Wie wichtig ihnen Distanz ist, erkennt man auch daran, dass Stimmen immer so klingen, als kämen sie aus dem Vocoder, wären also nicht menschlich, sondern maschinell.

Wie Mouse on Mars klingt, davon gibt das Video einen Eindruck. „Wipe That Sound“ stammt vom 2004er Album „Radical Connector“:

Lust auf mehr Kultur? Hier geht’s lang!

Mouse on Mars

  • Das Duo

    Jan Stephan Werner und Andi Toma aus Düsseldorf machen seit 1993 zusammen elektronische Musik. „Dimensional People“ ist ihr 15. Studioalbum.

  • Erschienen

    ist es für ca. 15 Euro (CD) bzw. 22 Euro (LP) bei Thrill Jockey (Rough Trade).

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht