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Kultur
Donnerstag, 24. Mai 2018 23° 8

Interview

Matthias Brandt mag’s nicht zu gemütlich

Der Schauspieler geht lieber, bevor er irgendwo versackt. Angst? Spielt er weg. Am 25. Februar gastiert er in Regensburg.
Von Marianne Sperb

Matthias Brandt: Am 25. Februar gastiert er mit Jens Thomas in Regensburg. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Regensburg.Hallo Herr Brandt! Sie gastieren in Regensburg mit dem Abend „Angst“. Unser Gespräch wurde verschoben, wegen einer Wurzelfüllung, hieß es. Die erste Frage muss natürlich heißen: Haben Sie Angst vorm Zahnarzt?

Das mit dem Zahnarzt-Termin war ein Missverständnis, fürchte ich. Aber: Nein, ich habe keine Angst. Was aber eher an meinem Zahnarzt liegt als an mir.

Fürchten Sie eher seelische oder körperliche Schmerzen?

Das kommt auf den Grad der Schmerzen an. Und viele Reaktionen laufen ja sehr reflexhaft ab. Ich weiß außerdem gar nicht, ob man körperlichen und seelischen Schmerz so genau auseinanderhalten kann.

2017 gastierten Sie mit „Psycho“ in Regensburg, 2018 mit „Angst“. Was zieht Sie an dem Thema an?

Angst hat großes dramatisches Potenzial. Das zieht sich auch durch die ganze dramatische Literatur. Offenbar ist es so, dass Menschen sich sehr gern mit dem befassen, wovor sie sich fürchten. Ich finde interessant, das zu untersuchen, weil man sich in Abgründe begeben kann, in denen man sich sonst hoffentlich nicht bewegen muss. Das ist ein großer Teil vom Reiz dieses Berufs: Man lebt die Leben, die man sonst nicht leben könnte.

Sie werden, wieder, mit dem Jazzpianisten Jens Thomas auf der Bühne sein. Was verbindet Sie?

Ich kenne Jens als Musiker und inzwischen ist er ein Freund. Wir sind auf der Bühne Freunde geworden. Das kam so: Als ich vor einigen Jahren gefragt wurde, ob ich bei einem Festival ein Programm mit einem Musiker bestreiten will, den ich aussuchen darf, nannte ich Jens Thomas. Er ist ein großartiger Musiker. Und dann es eben auch einfach ein Glücksfall, wenn man jemandem nichts groß erklären muss, wenn man auf einer Wellenlänge ist.

In der berühmten Dusch-Szene von „Psycho“ erzeugt Jens Thomas auf am Klavier einen Blutschwall. Macht es nicht neidisch, dass Musik diese Ausdrucksmöglichkeiten hat?

Musik ist sowieso die größte aller Künste. Was Musik ausdrücken kann, führt in Bereiche, die Worte einfach nicht erreichen können. Aber zu Jens Thomas: Kein Neid, nein. Wir laufen auf der Bühne ja auch nicht Konkurrenz zueinander, sondern wir schaffen etwas Gemeinsames.

„Angst“: Ist das ein Programm über Hitchcocks „Die Vögel“?

Manchmal ja. Der Abend ist offener als „Psycho“, der stark am Romantext ausgerichtet war, und wir werden wesentlich mehr improvisieren. Also in Wahrheit wissen wir noch gar nicht, was wir auf der Bühne machen werden. Möglicherweise werden „Die Vögel“ eine Rolle spielen. Das wird zwar nicht nach der Tagesform, aber nach dem Tagesinteresse entschieden. Wir haben verschiedene Vorlagen dabei und werden sehen, was wir auswählen. Manchmal bringe ich auch neues Material mit. Und Jens Thomas ist tatsächlich auch ein sehr spontaner Partner.

Schauspieler und Schriftsteller

  • Der Schauspieler:

    Matthias Brandt, Jahrgang 1961, ist einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Er spielt seit 2000 regelmäßig TV-Rollen, unter anderem Ermittler Hanns von Meuffels in „Polizeiruf 110“, und wurde vielfach ausgezeichnet. 2016 erschien sein hinreißendes Buch „Raumpatrouille“. Der Sohn von Willy Brandt schildert seine Kindheit in der Kanzler-Villa.

  • Das Gastspiel:

    In der Reihe „Große Namen – Große Texte“ inszenierten Matthias Brandt und Jens Thomas in Regensburg mit „Psycho“ Horror vom Feinsten. Am 25. Februar (19.30 Uhr) macht sich das Duo im Theater am Bismarckplatz erneut auf die Suche nach schaurigen Momenten, in der Wort-Musik-Collage „Angst“ (mit der Buchhandlung Dombrowsky). Es gibt Restkarten.

Wovor haben Sie Angst?

Die vielleicht prägendste Angst war für mich das Lampenfieber, unter dem ich als junger Schauspieler sehr gelitten habe. Manchmal fast bis zur Lähmung. Eigentlich erstaunlich, dass ich mich davon nicht von meinem Berufswunsch habe abbringen lassen. Überwunden habe ich das einfach dadurch, dass ich möglichst viel Zeit auf der Bühne verbracht habe. So viel gespielt habe, dass ich die Angst dabei regelrecht vergessen habe. Ich hatte keine Zeit mehr mich zu fürchten. Der große Regisseur George Tabori, dem ich davon einmal erzählte, hat mir mal den schönen Satz gesagt, dass Mut ja nicht die Abwesenheit, sondern die Überwindung von Angst sei, und das hat mir tatsächlich geholfen und mich irgendwie immer begleitet. Auch heute noch denke ich oft, wenn ich hinter der Bühne stehe, dass ich auf keinen Fall da raus will. Aber in dem Moment, wo ich dann über die Schwelle gehe und die Bühne betrete, scheint es mir das Natürlichste der Welt zu sein und ich kenne kaum einen Ort, an dem ich lieber wäre. Und Angst ist ja außerdem nicht nur etwas Schlechtes, sondern nicht zuletzt auch ein wichtiger Schutz- und Überlebensmechanismus.

Zu einem aktuellen Thema: dem Zustand der SPD. Sie sind zwar nicht Politiker geworden, wie Ihr Vater Willy Brandt, aber der Niedergang der SPD wird Sie bewegen, oder?

Ich habe mich, aus sehr guten Gründen, die man sich ja vorstellen kann, öffentlich noch nie zu politischen Entwicklungen geäußert. Weil mir sehr klar ist, dass meine Äußerungen zwangsläufig in einen Zusammenhang gestellt würden, der für mich in dieser Weise gar nicht besteht. Das dynastische Denken hat offenbar eine große Anziehungskraft. Ich habe eine klare politische Meinung, aber die äußere ich in einem Rahmen, den ich überblicken kann – und nicht in einem Zeitungsinterview.

„Falls man die eigenen Impulse nicht ignoriert, ergibt sich der Weg dann automatisch.“

Matthias Brandt

Der kleine Matthias in Ihrem Buch „Raumpatrouille“ hat eine Mission. Er will als Astronaut die Welt retten. Welche Ziele hat der erwachsene Matthias Brandt?

Im Formulieren von Plänen war ich nie sehr gut, weil ich gesehen habe, dass Dinge, die ich mir vorgenommen hatte, nicht geklappt haben. Es hat sich eher immer eines aus dem anderen entwickelt, und ich nehme zur Kenntnis, dass es offenbar in meinem Leben so läuft und ich das Plänemachen auch sein lassen kann. Das ist ja auch das Attraktive an so einem künstlerischen Beruf, wie ich ihn habe: dass man die Möglichkeit hat, zuzusehen, wie sich die Dinge entwickeln, und sich inspirieren zu lassen. Falls man die eigenen Impulse nicht ignoriert, ergibt sich der Weg dann automatisch. Das heißt nicht, ohne Anstrengung oder Disziplin. Aber eben ohne langfristig festegelegte Ziele.

Matthias Brandt mit Edgar Selge (l.) beim Dreh zu „Unterwerfung“ (ARD, Frühjahr 2018) Foto: Carstensen/dpa

Sie sagen der Rolle von Ermittler Hanns von Meuffels Byebye, 2016 ist Ihr erstes Buch erschienen. Was kommt jetzt? Wieder die Bühne? Oder ein zweites Buch?

Alles, was Sie nennen, könnte der Fall sein. Die letzte Folge als Kommissar Hans von Meuffels drehe ich im März/April. Und dann? Ich bin selbst sehr neugierig, was kommen wird. Ich habe den Kommissar in „Polizeiruf 110“ immer ganz gern gespielt, aber irgendwie ist jetzt ein guter Zeitpunkt, neue Dinge zu starten. Bevor es gemütlich wird. Ich habe mich nie gern eingerichet in den Dingen, und mich lieber verabschiedet – auch ohne zu wissen, was danach kommt. Bevor es gemütlich wird, ist es Zeit zu gehen.

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