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Kultur
Donnerstag, 20. September 2018 27° 1

Kirche

Mein Gott, dieser Lüpertz!

Ein bisschen Bibel und viele Bonmots: Der berühmte Bildhauer setzt in Regensburg befreiende Thesen ab.
Von Marianne Sperb

  • Maria Baumann (Diözesanmuseen) und Jens Neundorff von Enzberg (Theater Regensburg) geleiten Markus Lüpertz zum Leeren Beutel. Foto: Sperb
  • Markus Lüpertz war 2015 eine Ausstellung in der Galerie von Andrea Madesta gewidmet (Mitte, Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv). Im Anschluss an die Vernissage wechselte der Maler und Bildhauer ans Klavier: Er gab ein Konzert mit der Jazzformation TTT im Leeren Beutel.

Regensburg.Es gibt in Regensburg diese schöne Tradition des Bischofs, zum Aschermittwoch der Künstler einzuladen, mit einer Persönlichkeit von Rang. Große Kaliber hat das Bischöfliche Ordinariat in der Vergangenheit aufgefahren, zuletzt den italienischen Star-Architekten Mario Botta.

Dieses Jahr steht Markus Lüpertz im Zentrum. Das ist eine stimmige Wahl, weil das Werk des Bildhauers seit jeher um Mythen, um das Göttliche und das Scheitern kreist. Zweitens besitzt Lüpertz ein waches Verhältnis zur Kirche. Er hat als junger Protestant, nach einem ergreifenden Aufenthalt im Kloster Maria Laach, der „Kirche des Bildersturms“ den Rücken gekehrt und ist zum Katholizismus konvertiert.

Markus Lüpertz in Regensburg

Und drittens ist dem Mann, der einen ausgeprägten Geniekult betreibt, der Platz im Zentrum natürlich auf den Leib geschneidert wie der schöne dunkle Stoff seines Anzugs.

Provozierend schön

Der Meister erscheint am Mittwoch in der Minoritenkirche in dem Habitus, der sein Markenzeichen geworden ist, als eine Art Karl Lagerfeld des Kunstbetriebs: Jeder Zoll ein Gentleman des 20. Jahrhunderts, inklusive ein paar ironischer Zutaten. Ein monströser Goldring prangt an der Rechten, beinahe so groß und knuffig wie eine PC-Maus. „Etwas Peruanisches“, erklärt er und zeigt das Stück von allen Seiten. Er hat den Ring für Regensburg kombiniert mit einer Wuchtbrumme von Uhr, der Rand des Zifferblatts diamantüberkrustet, und mit einem Gehstock, auf dem eine Eule aus getriebenem Silber thront. Kein Zweifel, dieser Mann liebt das Schöne, Edle und Teuere.

Markus Lüpertz mit Bischof Rudolf Voderholzer und Andrea Madesta (von rechts) im Leeren Beutel in Regensburg Foto: Sperb
Markus Lüpertz mit Bischof Rudolf Voderholzer und Andrea Madesta (von rechts) im Leeren Beutel in Regensburg Foto: Sperb

Um Schönheit geht es dann auch im Leeren Beutel, wo nach dem Gottesdienst Maria Baumann, die Leiterin der Diözesanmuseen, und Andrea Madesta, die Regensburger Galeristin und Lüpertz-Kennerin, den berühmten Gast zu einem Gespräch auf die Bühne bitten. „Kirche braucht Kunst. Zum Glauben gehören Ästhetik und Sinnlichkeit“, sagt Lüpertz. Er bekennt, wie er leidet, wenn er Plastikvasen in Kirchen sieht oder die Massen in der Sixtina, die „die Proportionen des Raums zerstören und die Kunst in die Flucht treiben“. Oder auch, ätzt er, wenn er Menschen auf der Straße beobachtet, „die gekleidet sind, als müssten sie durch Flüsse schwimmen, um zu ihrem Friseur zu kommen“.

„Götter sind auch nur Menschen“: Markus Lüpertz bei seinem Regensburg-Tripp 2015.

Kirche habe die Verantwortung, gute Künstler zu wählen. „Kein Kardinal und kein Bischof reden mir drein. Sie können akzeptieren, was ich vorschlage, oder ablehnen.“ Ein Autonomie-Problem kann Lüpertz in Auftragskunst für Kirchen also nicht erkennen. „Ich habe mich nie eingegrenzt gefühlt“, sagt der Schöpfer zahlreicher Kirchenfenster, unter anderem für St. Andreas in Köln. Der Kollateralnutzen für ihn selbst: „Kirchenfenster kann man nicht so einfach abhängen.“ Demokratisierung, Mitbestimmung in der Kunst, sei im Übrigen „Quatsch“.

Bischof Rudolf Voderholzer hat zuvor in der Minoritenkirche ein paar kluge Sätze über Kunst und Kirche gesagt. Künstler lenkten den Blick auf das Wesentliche. „Sie lehren uns, genau und noch genauer hinzusehen, lassen uns Fragen entdecken, die vielleicht schon in uns wohnen, helfen uns, die Vorläufigkeit der Welt auszuhalten, und stacheln uns an, die Vollkommenheit der Welt zu ersehnen“, sagt der Bischof. „Um all das, um Wesentlichkeit und um diesen Aufbruch, geht es auch beim Aschekreuz.“

Maria Baumann (links) und Andrea Madesta reden mit Markus Lüpertz über Kunst und Kirche. Foto: Sperb
Maria Baumann (links) und Andrea Madesta reden mit Markus Lüpertz über Kunst und Kirche. Foto: Sperb

Tatsächlich liegt an diesem Aschermittwoch viel Aufbruch in der Luft. Der Regensburger Bürgermeister Jürgen Huber nimmt nach langer Krankheit seinen ersten öffentlichen Termin wahr. Der Regensburger Jazzpianist Lorenz Kellhuber verabredet mit dem Jazzclub eine „große Sache“, über die er aber noch kein Detail verrät. Und der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg bespricht mit Lüpertz am Vormittag ein Projekt, das ebenso geheim und interessant klingt: Der Bildhauer wird Ende 2018 Bühne und Kostüme für eine Barockoper am Theater Regensburg entwerfen.

„Maler sind die Gesellen Gottes“

Lorenz Kellhuber beschenkt die Zuhörer im Leeren Beutel mit meditativ perlenden Klängen. Auch die Musik beim Gottesdienst ist exquisit. Zu hören sind Kompositionen von Steven Heelein von der Kirchenmusikhochschule und von Studierenden, eigens für diesen Anlass geschaffen. Zum Auftakt entlassen die Sänger ein gehauchtes, geflüstertes und lange nachhallendes „Miserere“ in das gotische Gotteshaus.

„Maler sind die Gesellen Gottes.“

Markus Lüpertz

„Maler sind die Gesellen Gottes“, sagt Markus Lüpertz im Leeren Beutel. „Sie haben Gott geholfen, nicht die Welt zu erschaffen, aber sie sichtbar zu machen.“ Die Gesellschaft brauche diesen Blick. „Wir haben eine Überfütterung der Reize, der visuellen Dinge. Alles muss blitzen, klappern, wackeln, bunt sein.“ Der Gast nimmt die Avantgarde ins Visier: „Sobald sie etabliert ist, wird sie Unsinn. Weil es so einfach und lustig ist, Ideen zu haben, setzt sie sich durch und scheißt die ganzen Museen zu.“ Joseph Beuys bekommt sein Fett weg: „Er war die Kunst in Person. So lange Joseph danebenstand, war seine Kunst glaubwürdig. Ohne ihn bleibt nur eine Badewanne und Filzzeug. Wunderbare Dinge, aber keine Kunst. Ohne Jupp ist das nichts.“

„Ich habe nie eine Frau belästigt. Dazu bin ich zu stolz.“

Markus Lüpertz

Lüpertz redet sich warm, tippt #MeToo an („Ich habe nie eine Frau belästigt. Dazu bin ich zu stolz.“) und erzählt provokante Anekdoten über seine häufig umstrittenen Skulpturen, über seine Aphrodite in Augsburg, die er mit Musikband abholte, und über seine Pläne für eine siebenteilige Keramikarbeit zur Genesis in der U-Bahn Karlsruhe. „Dort empörte sich über die Idee die gesamte Künstlerschaft. Gott möge sie strafen.“

Der Streit um die Glasfenster von Lüpertz: Mehr dazu lesen Sie hier.

Der Meister kommt zu einem Lieblingsthema: „Ich bin begeistert von mir.“ Er meißelt seine Sätze, als sollten sie auf ewig in Stein gehauen bleiben. Anspruch und Anmaßung, die sich andere Menschen als Mangel ankreiden würden, benennt er als ureigenste Qualität. Diese Botschaft wirkt befreiend, und deshalb wird im Leeren Beutel an diesem Nachmittag auch viel gelacht. „Ich zeichne wie Rembrandt, wie Raffael. Ich kann das. Ich habe kein Problem damit, das zu sagen. Denn wenn Sie den Glauben verlieren, sind Sie verloren“, sagt Lüpertz. Dann schwenkt er um: „Sie werden Ihr Ideal nie erreichen. Sie sind immer auf dem Weg. Wir scheitern grundsätzlich.“

Kunst müsse man glauben, sagt Lüpertz, wie Gott und wie Liebe. „Warum lassen sich so viele Menschen scheiden? Weil ein Beweis für Liebe verlangt wird. Und wenn er erbracht ist, ist die Liebe tot.“ Der Professor ermuntert, in einer Welt voller Krisen nicht permanent betroffen zu sein und sich von den Härten des Lebens nicht den Blick auf das Gute verstellen zu lassen. „Wenn Sie sich von vornherein zum Opfer erklären, haben Sie den göttlichen Auftrag, Mensch zu sein, nicht begriffen.“

„Mein Gott, dieser Lüpertz!“, sagt eine Frau an der Garderobe, nach zwei Stunden geistreicher Show. „Ich find’ den einfach toll.“

2015 kam Markus Lüpertz zur Vernissage in die Galerie von Andrea Madesta – und gab später ein Jazz-Konzert im Leeren Beutel. „Mit dem Malerfürsten durch die Nacht“ lesen Sie hier.

Mehr über Markus Lüpertz lesen Sie hier: Die Kunst als raumsprengender Störfaktor

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Lüpertz in Regensburg

  • Besuche:

    Markus Lüpertz (rechts, mit Bischof Rudolf Voderholzer und Andrea Madesta) zählt zu den bedeutendsten deutschen Künstlern der Gegenwart. Er war mehrfach in Regensburg zu Gast. 2015 war ihm eine Ausstellung in der Galerie von Madesta gewidmet. Im Kunstforum Ostdeutsche Galerie kuratierte Madesta, damals Direktorin des Hauses, 2010 eine Lüpertz-Schau.

  • Veranstaltung:

    Der Aschermittwoch der Künstler wurde veranstaltet vom Bistum Regensburg (Künstlerseelsorger Werner Schrüfer und Maria Baumann, Leiterin der Diözesanmuseen) sowie der Hochschule für katholische Kirchenmusik, in Kooperation mit Andrea Madesta und Stadt Regensburg. .

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