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„Meine Heimat ist mein Film“

Claude Lanzmann schuf mit „Shoah“ ein beklemmendes Zeugnis über das Leiden der europäischen Juden. Die Berlinale ehrt ihn jetzt für sein Lebenswerk.
Von Peter Claus, dpa

Der französische Regisseur und Produzent Claude Lanzmann Foto: dpa

Berlin.Mit dem Dokumentarfilm „Shoah“ hat sich Claude Lanzmann (87) in das Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben. Neuneinhalb Stunden ließ der Franzose in seinem Film von 1985 Opfer und Täter des Holocaust zu Wort kommen – ein beklemmendes Zeugnis über Gewalt, Antisemitismus und alle Formen von Unmenschlichkeit. Nicht nur für diesen Film wurde Lanzmann weltweit gefeiert. An diesem Donnerstag ehren ihn die 63. Berliner Filmfestspiele mit dem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk.

„Claude Lanzmann ist einer der großen Dokumentaristen“, sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. „In seiner Darstellung von Unmenschlichkeit und Gewalt, von Antisemitismus und seinen Folgen hat er eine neue filmische wie ethische Auseinandersetzung geschaffen. Wir fühlen uns geehrt, ihn ehren zu dürfen“.

Lanzmann wurde 1925 in Paris in eine jüdische Mittelstandsfamilie geboren. Sein Vater arbeitete als Dekorateur, die Mutter im Antiquitätenhandel. Als junger Partisan kämpfte er in den Reihen der Résistance gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er in Frankreich und Deutschland Philosophie. 1948/49 arbeitete er als Dozent an der damals gerade erst gegründeten Freien Universität in Berlin (West).

In den 1950er Jahren arbeitete er als Journalist eng mit Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Simone de Beauvoir (1908-1986) zusammen. Noch heute gibt er die von Sartre gegründete Zeitschrift „Les Temps Modernes“ heraus. Mit de Beauvoir verband ihn zudem jahrelang eine sehr enge persönliche Beziehung, aus der eine Freundschaft bis zum Tod der Autorin und Philosophin wurde. In den 1970er Jahren war er mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff verheiratet.

Im September 1960 gehörte er neben de Beauvoir, Alain Resnais, Françoise Sagan und Simone Signoret zu den ersten Unterzeichnern der als „Manifest der 121“ berühmt gewordenen Schrift gegen den Algerienkrieg (1954-1962). Dafür musste er zusammen mit einigen anderen Unterstützern für kurze Zeit ins Gefängnis. Danach verstärkte er seinen journalistischen Einsatz gegen jede Gewalt.

1972 drehte Lanzmann seinen ersten Dokumentarfilm „Pourquoi Israël“ („Warum Israel“). Darin und in zahlreichen danach entstandenen Filmen setzte er sich intensiv mit jüdischem Leben und mit dem Völkermord der Nazis an den europäischen Juden auseinander. Bereits ab 1972/73 arbeitete er an „Shoah“.

Der 1985 um die Welt gegangene Dokumentarfilm zeigt Interviews mit Überlebenden und Zeugen der Shoah, mit Opfern und mit Tätern, besucht die Orte des Schreckens und blickt auf die Mechanismen von Terror und Menschenverachtung. Die Komplexität des Films weist weit über das 20. Jahrhundert hinaus.

Auf die Frage, ob er Frankreich oder Israel als seine Heimat ansehe, antwortete er einmal: „Meine Heimat ist mein Film.“ Mit „Shoah“ hat er ein Mammutwerk geschaffen. In seinem 2009 erschienenen Erinnerungsbuch „Der patagonische Hase“ beschreibt Lanzmann mit einer auch literarisch faszinierenden, durch enormen Gedankenreichtum beeindruckenden Sprache den Prozess der Arbeit an dem Film. Daneben reflektiert er seine Lebensgeschichte als Spiegel der politischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin zeigen anlässlich der Auszeichnung von Lanzmann mit einem Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk in einer Hommage die Erstaufführung der restaurierten und digitalisierten Fassung von „Shoah“. Außerdem laufen seine Filme „Warum Israel“ (1973), „Tsahal“ (1994), „Ein Lebender geht vorbei“ (1997), „Sobibor, 14. Oktober, 16 Uhr“ (2001) und „Der Karski-Bericht“ (2010). (dpa)

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