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Debatten

Meisterdenker des „Weltbürgerkriegs“

Am Freitag wird der Initiator des Historikerstreits, Ernst Nolte, 90 Jahre alt. Er revolutionierte das Verständnis der totalitären Ära.
Von Helmut Hein, MZ

Der Historiker Ernst Nolte bei der Verleihung des Konrad-Adenauer-Preises 2000 in München Foto: dpa

Regensburg.Manchmal geht eine Epoche zu Ende – und weder die Kämpfer in der Arena noch das Publikum bemerken es. Und manchmal enden große Schlachten mit Pyrrhus-Siegen, die sich erst mit einigem Abstand als solche erweisen. Beides war der Fall beim „Historikerstreit“ im Sommer 1986.

Viele haben daran teilgenommen. Immerhin war es, nicht erst im Nachhinein, die wichtigste Debatte der alten Bundesrepublik. Aber initiiert hatten ihn, und seine wichtigsten Exponenten blieben bis zum Schluss, der Geschichtsdenker und Faschismus-Forscher Ernst Nolte und der kritische Theoretiker und selbstbewusste Republik-Repräsentant Jürgen Habermas.

Worum ging es in diesem Streit? Scheinbar um ein wichtiges Faktum der Geschichte des 20. Jahrhunderts: um die Frage, wer mit dem großen Morden angefangen hat, also um Kausalitäten und Schuldzusammenhänge innerhalb des europäischen „Weltbürgerkriegs“ der Jahre 1914 (oder, wie Nolte meinte, 1917) bis 1945.

Aber wenn es um Geschichte geht, geht es immer auch um Geschichtspolitik. Erinnerung ist nie neutral oder objektiv, sondern Teil eines ganz gegenwärtigen Kampfs. Neue Identitäten bilden sich da, alte zerreißen. Bemerkenswert im Rückblick ist vor allem, wie sehr Habermas, der Propagandist einer „kommunikativen Vernunft“ und Verfechter des „zwanglosen Zwangs des besseren Arguments“ in diesem Streit mit äußerst harten Bandagen focht. Ernst Nolte sollte marginalisiert, wissenschaftlich und bürgerlich unmöglich gemacht werden, nicht länger Teil des zivilisierten Diskurses sein (dürfen).

Was war geschehen? Und wer war dieser Ernst Nolte überhaupt, wie schaffte er es bis heute „infektiös“ zu bleiben, die, die ihn lesen oder ihm zuhören in Freund und Feind zu scheiden? Zunächst war er ein Autodidakt. Er revolutionierte die Geschichtswissenschaft und vor allem das Verständnis der totalitären Ära, während er bescheiden als Gymnasiallehrer Deutsch und alte Sprachen unterrichtete. 1963, da war er schon 40, erschien sein Buch „Der Faschismus in seiner Epoche“, das rasch weltweit für Furore sorgte und ihm eine späte Universitäts-Karriere ermöglichte, zuerst in Marburg, dann ab 1973 an der FU Berlin.

Faschismus? Das war bis dahin ein Kampfbegriff der marxistischen Linken. Jetzt machte ihn sich der „bürgerliche“ Denker Nolte zueigen, sah, als Typologe in der Tradition Max Webers und der Husserlschen Phänomenologie, Gemeinsamkeiten bei Nationalsozialismus, Mussolini-Faschismus und Action francaise: Antiliberalismus, das Faible für Gewalt und eine Propaganda der Tat. Und das halb vergessene Erbe des bürgerlichen 19. Jahrhunderts und der Aufklärung: Rassismus und einen schließlich immer mörderischeren Antisemitismus.

Mit diesem seinem ersten Standardwerk war Nolte noch ein Darling selbst der linken Öffentlichkeit in Westeuropa, die in ihm einen Verbündeten im Kampf gegen Hannah Arendts Totalitarismus-Theorie sah (der er nie war), die fast nur Gemeinsamkeiten und kaum Unterschiede zwischen Faschismus, NS-Regime und Kommunismus, also den großen Despotien der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, bemerken wollte.

Der Bruch kam, als Nolte, jedenfalls in der vereinfachten Rezeption, dem bolschewistischen Terror im Gulag das „logische und faktische Prius“ vor Auschwitz zuerkannte. Das wurde zuweilen so gelesen, als seien vor allem Lenin und Stalin die Schuldigen an den Massenmorden, als hätten Hitler, Goebbels und Co. auf sie als „Vorbild“ und „Schreckbild“ reagiert, sich gewissermaßen nur gewehrt. Das hatte Nolte freilich so nicht behauptet. Vor allem hatte er nie die Einzigartigkeit („Singularität“) der Shoah bestritten. Aber wo Pathos und politische Korrektheit regieren, bleibt kein Raum für Differenz und Differenzierung.

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