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Ausstellung

Meisterwerke aus Zinn ganz ohne Kitsch

In der Regensburger Zinngießerei Wiedamann entstanden Stücke von zeitloser Eleganz, zu sehen in einer pfiffigen Schau.
Von Ulrich Kelber, MZ

Deckelkrüge nach Entwürfen des Designers Wolfgang von Wersin, der ab 1929 für die Zinngießerei Wiedamann tätig war. ’Die Abbildung stammt aus dem Musterbuch, mit dem die Regensburger Firma ihre Produkte anbot.
Deckelkrüge nach Entwürfen des Designers Wolfgang von Wersin, der ab 1929 für die Zinngießerei Wiedamann tätig war. ’Die Abbildung stammt aus dem Musterbuch, mit dem die Regensburger Firma ihre Produkte anbot.

Regensburg. „Ich werde mich nie mehr abfällig über Zinnteller äußern“, versprach Oberbürgermeister Joachim Wolbergs. Denn die Ausstellung, die er im Kunst- und Gewerbehaus eröffnete, zeigt, dass Objekte aus Zinn keineswegs antiquiert, spießig und kitschig sein müssen. Die Zinngießerwerkstatt Wiedamann gehörte viele Jahrzehnte zur Avantgarde des Kunsthandwerks. Herausragende Design-Produkte der Regensburger Firma besitzen Museumsrang und haben Platz gefunden im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, in der Neuen Sammlung in München oder im Leipziger Grassi-Museum.

Von Neo-Barock, Historismus bis zu Jugendstil, Art Deco und Neuer Sachlichkeit spannt sich das stilistische Spektrum im Lauf der langen Geschichte der 1821 gegründeten Firma. Adam Friedrich Wiedamann (geboren 1791) konnte nach der Lehre die Meisterwürde erwerben und hatte nun die Möglichkeit, eine eigene Werkstatt zu eröffnen. Zinngeschirr war gefragt, denn Porzellan setzte sich erst langsam durch. Wenn die Adeligen von silbernen Tellern speisten, wollte das städtische Bürgertum wenigstens mit dem ähnlich glänzenden Zinn prunken. Verspottet als „Silber des kleinen Mannes“ hatte Zinn jedoch einen Vorteil: Es ist ein Material, das sich gut verarbeiten lässt. Es bot sich also auch für die Gestaltung von Ziergegenständen an, mit denen sich das heimische Umfeld repräsentativ gestalten ließ.

Objekte in beleuchteten Boxen

Wie ein Schatzkästchen präsentiert sich auch die pfiffig und effektvoll gestaltete Ausstellung. Ihre Architektur greift die bauchigen Formen von Zinnkannen auf. In die gewölbten Wände sind zahlreiche Boxen eingelassen, die teilweise mit Türchen wie bei einem Adventskalender versehen sind. In den gut ausgeleuchteten Boxen bekommen die Objekte die Aura der einzigartigen Kostbarkeit. Die Wirkung ist jedenfalls sehr viel besser als bei den üblichen Museumsvitrinen.

Veranstaltet wird die Ausstellung von den Museen der Stadt Regensburg, für die Realisierung war die junge Kunsthistorikerin Caroline-Sophie Ebeling verantwortlich. Sie erforscht seit Jahren das Portfolio der Wiedamann-Produktion und hat es zum Thema ihrer Dissertation gemacht.

Geradezu modern: Gebrauchsgeschirr aus dem 19. Jahrhundert

Zeitlos, geradezu modern wirkend, ist das Gebrauchsgeschirr, das in der Zeit von Adam Wiedamann – er starb 1860 – entstand. Schlicht, einfach und funktional sind Teller und Becher aus der Zeit um 1830 geformt. Erst eine „Knödelschüssel“ von 1855 ist nicht mehr ganz so puristisch, denn hier sind die Griffe nach barocker Art gestaltet. Ganz anders sind dann die Zunftkrüge, die im 19. Jahrhundert eine Spezialität der Firma waren. Als Beispiel dafür ist eine Kanne der Maurer-Innung zu sehen. Hier ist der Korpus mit Gravuren und reichem Dekor versehen, der Deckel wird gekrönt von einer Ritter-Figur, denn zur Zeit des „Historismus“ liebte man es pompös und patriotisch.

Detail einer Teedose mit Jugendstil-Elementen von Eugen Wiedamann, entworfen 1911. Die Abbildung aus dem Begleitband zur Ausstellung „Weg zur Form“.
Detail einer Teedose mit Jugendstil-Elementen von Eugen Wiedamann, entworfen 1911. Die Abbildung aus dem Begleitband zur Ausstellung „Weg zur Form“.

Seit 1880 war die Firma in der Brückstraße ansässig, nachdem Eugen Friedrich Wiedamann (1835-1907) den ehemaligen Gasthof „Zum wilden Mann“ gekauft und dort Werkstatt und Ladengeschäft eingerichtet hatte. Hier begann dann eine künstlerische Blütezeit, die in erster Linie Eugen Wiedamann (1873-1954) zu verdanken war. In diese Zeit fallen die Reformbestrebungen von „Werkbund“ und anderen Institutionen, die sich um eine künstlerische Aufwertung handwerklicher Berufe bemühten. Eugen Wiedamann scheint dafür sehr aufgeschlossen gewesen zu sein, denn er besuchte 1911 in Nürnberg einen kunstgewerblichen Meisterkurs bei Friedrich Adler, einem bedeutenden Jugendstilkünstler, der 1942 im KZ Auschwitz ermordet wurde.

Detail einer Keksdose, um 1910, entworfen von Christian Metzger, einem in Regensburg tätigen Bildhauer und Jugendstil-Künstler.
Detail einer Keksdose, um 1910, entworfen von Christian Metzger, einem in Regensburg tätigen Bildhauer und Jugendstil-Künstler. Foto: Archiv Familie Wiedamann, Repro: Peter Ferstl/Stadt Regensburg

Zwischen Wiedamann und Adler kam es nach 1911 zu einer engen Zusammenarbeit. Nach Adlers Entwürfen wurden in Regensburg Chanukkaleuchter und andere sakrale wie auch profane Gerätschaften gefertigt. Bei der großen Kölner Werkbundausstellung von 1914 gab es dafür große Anerkennung. Auch für seine Schöpfungen nach eigenen Entwürfen wurde Eugen Wiedamann in Köln gelobt. Wie stark Wiedamann vom Jugendstil beeinflusst war, zeigt eine von ihm gestaltete Teedose mit floralen Zierelementen.

Zwei Designer wurden für die Firma Wiedamann besonders bedeutsam. Zunächst war das der 1874 geborene Architekt und Bildhauer Christian Metzger, der als „Prinzen-Erzieher“ im Dienst des Hauses Thurn und Taxis stand. Dass Metzger vor allem Tierplastiken schuf, wird in seinen Entwürfen für Wiedamann deutlich: Da gibt es Tellerchen mit reliefartigen Darstellungen von Reh und Eulen oder eine Dose, deren Deckel einen Griff in der Form eines Molchs hat. Besonders edel wirkt aber eine von Metzger um 1910 gestaltete Keksdose mit einer extravaganten hochovalen Form. Der Deckel mündet in einem durchbrochenen Griff, der das Ornamentmuster der Gefäßwandung fortführt.

Die Zinngießerei Wiedamann

  • Die Ausstellung:

    „Weg zur Form. Die Zinngießertradition der Familie Wiedamann“ ist bis 6. Januar im Kunst- und Gewerbehaus zu sehen (Ludwigstraße): Dienstag bis Sonntag 12 bis 18 Uhr.

  • Führungen:

    Familienangehörige führen am 2. Dezember und 6. Januar (je 15 Uhr) durch die Schau. Der Begleitband von Caroline-Sophie Ebeling ist im Universitätsverlag Regensburg erschienen.

Ab 1929 kam es zu einer Zusammenarbeit mit Wolfgang von Wersin, einem 1882 in Prag geborenen Designer, der auch für die Porzellanmanufakturen Nymphenburg und Rosenthal sowie für die Deutschen Werkstätten in Dresden-Hellerau tätig war. Seine Entwürfe lassen sich stilistisch bei Art Deco und Neuer Sachlichkeit einordnen, auch durch das Bauhaus scheint Wersin beeinflusst zu sein. Ob es sich um Kannen, Dosen, Vasen oder um ein Tee-Service handelt, immer bestechen Wersins Arbeiten durch ihre schlichte Eleganz.

Wie es in der Werkstatt der Zinngießerei Wiedamann zuging, zeigt die um 1930 entstandene Grafik von Margret Sturm. Die Abbbildung stammt aus dem Begleitband zur Ausstellung „Weg zur Form“.
Wie es in der Werkstatt der Zinngießerei Wiedamann zuging, zeigt die um 1930 entstandene Grafik von Margret Sturm. Die Abbbildung stammt aus dem Begleitband zur Ausstellung „Weg zur Form“.

Dass ganz herausragende Design-Leistungen auch bei Wiedamann selbst erbracht wurden, beweisen die Arbeiten von Richard Wiedamann senior (1905-1969). Er hat eine Vorliebe für einfache geometrische Körper, beispielsweise bei einem puristisch-zeitlosem Kannen-Set, ausgeformt in einer Art Doppelkegel, wo nur der rattan-umwickelte Henkel die Entstehungszeit zu Beginn der 60er Jahre verrät. Besonders schön ist von ihm ein großer Teller aus dem Jahr 1939 mit einer Oberfläche in Raudekor. Der Effekt, der dadurch entsteht, scheint die Op-Art der 60er Jahre vorwegzunehmen.

Ein Blick auf das Brot- und Butter-Geschäft

Es sind Meisterleistungen, mit denen die Firma Wiedamann einen Spitzenplatz im deutschen Kunsthandwerk eingenommen hat. Das Brot-und-Butter-Geschäft dürfte aber anders ausgesehen haben. Bei der Ausstellung lässt sich dank Multimedia in den alten Musterbüchern blättern. Und dort dominieren – ganz nach dem Publikumsgeschmack – dann doch antiquiert-barocke Formen und überladende Dekore.

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