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Kunst

Metaphorische Verschränkung

Gisela Conrad überrascht bei ihrer Ausstellung in Distelhausen mit einem tagebuchartigen Zyklus kleiner Zeichnungen.
Von Michael Scheiner

In Distelhausen zeigt Dr. Gabriela Kasková „Die andere Seite des Mondes“. Foto: Michael Scheiner
In Distelhausen zeigt Dr. Gabriela Kasková „Die andere Seite des Mondes“. Foto: Michael Scheiner

Regensburg.Ein Streben nach Harmonie oder ein Gefühl von Harmonie ist Gisela Conrad mit ihren Bildern von Laudatorinnen in früheren Ausstellungen ebenso wie von Kunstkritikern attestiert worden. Tatsächlich ist die im baden-württembergischen Ottenhöfen aufgewachsene Künstlerin, die seit 1977 in Regensburg lebt, für ihre farbigen, lyrisch-abstrakten Kompositionen bekannt.

„Ich hab’ was ganz anderes erwartet“, „bin fasziniert“ und andere überraschte Ausrufe von Besuchern, die in Distelhausen die Galerie von Carola Insinger betreten, sind da nur zu verständlich. Was Gisela Conrad hier erstmals öffentlich unter dem Titel „Die andere Seite des Mondes“ präsentiert, kommt einem kleinen Erdbeben gleich. Besuchern ist bei der Eröffnung nach einem ersten Rundgang eine Art Erschütterung anzusehen. Eine Erschütterung, in die sich Faszination, Verblüffung aber auch Verwirrung mischen. Eine Besucherin klagt in kompletter Verkennung von Intention und Ausstrahlung der Serie „Tagebuch“, warum Conrad so düstere Bilder geschaffen habe. Die 51 gleich großen Zeichnungen auf Büttenpapier, dynamisch versetzt direkt an die Wand gepinnt, sind durchgehend in einheitlicher Farbigkeit gehalten. Neben dem Schwarz von Tusche und Kohle dominiert ein gedecktes, kräftiges Orange und verleiht dem ganzen Raum eine warme Atmosphäre. Damit hat die Künstlerin ein verbindendes Element geschaffen, das durch ein Rostbraun und Olivgrün ergänzt wird. Verbunden mit der gelungenen Hängung umfängt es einen sofort beim Betreten des Raumes.

Vielschichtiger Zyklus

Von den Motiven her ist der Zyklus, der auf Skizzen aus einem Tagebuch beruht, welches Conrad bei mehreren Krankenhausaufenthalten in den vergangenen Monaten bei sich trug, sehr viel vielschichtiger. Scheinbar abstrakte Gebilde gruppieren sich um figurative Elemente, die verzerrte, entstellte oder überkritzelte Gesichter und menschliche Gestalten erkennen lassen. Erd- oder Gesteinsschichtungen glaubt man zu erkennen, Landschaften und Symbole, wie eine aufgerollte Schlange, deren Vorder- und Hinterteil gekappt ist. Blütenblätter mit Augen, die stumm und auf eine seltsame Weise widerständig den Betrachter fixieren, verlieren sich im Nichts oder tauchen daraus hervor. Manche Blätter explodieren in einem dynamischen Chaos, platzen aus allen Nähten, andere ruhen in sich oder vermitteln eine innerlich vibrierende Kraft, wie Rothkos Farbfeldmalerei. Wieder andere sind von Ganglien und Wurzelgeflechten durchzogen, bevölkert von kleinen stacheligen Kugeln und Zellmembranen.

Stammkünstlerin der Galerie Insinger

  • Ausstellung:

    „Die andere Seite des Mondes“ mit Bildern und Zeichnungen von Gisela Conrad ist bis 30. Juni in Distelhausen zu sehen.

  • Öffnungszeiten:

    Die Galerie ist von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

  • Vita:

    Gisela Conrad, 1944 im Schwarzwald geboren, gehört zum festen Künstlerstamm der Galerie und hat bereits mehrfach dort ausgestellt.

In einer einfühlsamen und klugen Einführung spricht Dr. Gabriela Kasková davon, dass Conrad die „Perspektive wechselt zwischen innen und außen, dem Konkreten und Abstrakten“. Einige der Blätter böten einen mikroskopischen Einblick in die Tiefe organischer Strukturen, und „manchmal entstehen changierende Muster oder fantastische Räume.“ Auch ohne die (Krankheits-)Geschichte der Künstlerin zu kennen, wird nach und nach spürbar, dass sie sich in dem so anderen, wie aufregenden Zyklus auch mit dem Geschehen in ihrem Körper auseinandersetzt. Inneren Prozessen nähert sie sich durch eine „metaphorische Verschränkung des Makrokosmos mit dem Mikrokosmos“, wie es Kasková formuliert, und ermöglicht es ihr gerade dadurch Abstand vom eigenen Thema zu nehmen.

Wuchern heißt auch Wachsen

„Die andere Seite des Mondes“ lautet der Titel eines Aquacryl-Bildes in freundlichen Gelb- und Grüntönen, das der Ausstellung den Namen gegeben hat. Die „andere Seite“, seit Pink Floyds „The Dark Side of the Moon“ als „dunkle“ abgestempelt, steht zwar auch bei Conrad fürs Unbekannte, aber nicht unbedingt nur fürs Dunkle, Negative. „Und das Wachsen“, verweist Kasková auf einen weiteren Aspekt, muss nicht nur auf ein zerstörerisches Wuchern verweisen, sondern „deutet zugleich auf die Entstehung von etwas Neuem hin. Der Bezug auf den weiblichen Körper lässt auch an neues Leben denken, das sich entwickelt.“

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