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Comic

Micky? Minnie? Money!

Die berühmteste Maus der Welt wird 90. Zwischen Abenteuer, Humor und Spießertum ist Micky vor allem ein Erfolgsprodukt.

  • Mit Minnie bildet Micky das perfekte Paar, das aber keusch bleiben muss. Foto: Disneyland/Paul Hiffmeyer/dpa
  • Schöpfer Walt Disney verdiente dank Micky Millionen. Foto: Bert Reisfeld/dpa

Eigentlich sind es ja nur drei Kreise. Zwei kleinere für die Ohren und ein großer für den Kopf. Zusammen ergeben sie den Umriss für die wahrscheinlich bekannteste Comic-Figur der Welt. Jeder, der allerdings in den vergangenen 90 Jahren schon einmal versucht hat, Mickey Maus zu zeichnen, musste feststellen, dass schon millimeterkleine Abweichungen das ganze Mausgesicht verhunzen. Andererseits: Wer will schon immer völlig linientreu sein?

In dem Trickfilm Steamboat Willie hatte die Micky Maus ihren ersten Auftritt. Foto: Disney
In dem Trickfilm Steamboat Willie hatte die Micky Maus ihren ersten Auftritt. Foto: Disney

In seinen Anfängen war der Mäuserich das ja auch ganz und gar nicht. Frech trieb er seinen Schabernack, hielt sich nicht an gesellschaftliche Moralvorstellungen. Zur Premiere heuerte Mickey als Matrose auf einem Dampfboot an. Am 18. November 1928 flimmerte der siebeneinhalbminütige Disney-Trickfilm Steamboat Willie erstmals über eine Kinoleinwand. Fröhlich pfeifend steht die Maus am Steuerrad – bis der Boss auftaucht. Das ist der vorweggenommene Kater Carlo, der die Maus später immer wieder heimsuchen sollte. Auch die angebetete Schönheit wird schon in diesem ersten Streifen eingeführt: Minnie, in kurzem Kleid und mit Stöckelschuhen. Mickey nimmt sie an den Haken, um sie aufs Schiff zu hieven – und den Rock anzuheben.

Sehen Sie hier den Trickfilm Steamboat Willie:

„Ich war gezwungen, mir eine Figur auszudenken, und dachte an eine Maus, denn eine Maus ist ein sympathisches Wesen, obwohl jeder Mensch Angst vor Mäusen hat, mich eingeschlossen.“

Walt Disney, Produzent von Micky Maus

Walt Disney wollte die Figur, mit der er sein Imperium aufbaute, Mortimer nennen. Seine Frau redete ihm das zum Glück aus. Disney stand 1927 ziemlich unter Druck. Er war pleite. Die Rechte an Oswald dem lustigen Hasen hatte er gerade verloren, weshalb er gemeinsam mit dem Cartoonisten Up Iwerks verzweifelt nach einem Ersatztier suchte. Der Mäuserich stieß beim Publikum schnell auf große Begeisterung. Ende Dezember 1930 erschienen zum ersten Mal Comics mit dem Mäuserich in Deutschland. Das „e“ strich man aus irgendwelchen Gründen schon in dieser Zeit, weshalb der Nager hierzulande bis heute Micky Maus heißt.

Weltweiter Siegeszug

Der Film Fantasia gehört zu Disneys Meisterwerken. Foto: Disney
Der Film Fantasia gehört zu Disneys Meisterwerken. Foto: Disney

Mit wachsendem Erfolg wurde die in Italien Topolino, in Schweden Musse Pigg, in Japan Mi-kki Mau-su oder in China Mi Lao Shu genannte Figur rundlicher, harmloser – und massentauglicher. Disney, den man im besten Fall als rechtskonservativ bezeichnen muss, scheute den Konflikt mit Tugendwächtern und Elternverbänden. Die Maus bekam angemessene Kleidung und Kulleraugen verpasst, um nur ja aus keinem Kinderzimmer verbannt zu werden. Das Schicksal des ewig grinsenden, stets rechtschaffenen Mäuse-Spießers war besiegelt.

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Noch immer kennt jedes Kind die Micky Maus, wobei das wohl eher an der umfassenden Vermarktung der ikonografischen Gestalt liegt, als daran, dass Kinder heute tatsächlich noch die Comics mit dem knuffigen Mäuserich verschlingen oder ins Kino strömen, um Filme mit ihm zu sehen. Zum Geburtstag veröffentlicht der ehapa Verlag wieder Sonderausgaben des Lustigen Taschenbuchs und ein eigenes Micky-Maus-Magazin. Ein legendäres Geheimnis wird gelüftet und Donald Duck gratuliert. Die Ente stiftet dabei ordentlich Chaos. Dafür ist Donald auch notwendig, denn Micky Maus selbst lebt in den allermeisten Geschichten bieder wie Max Mustermann.

Zum 90. Jubiläum der Micky Maus erscheinen mehrere Sonderausgaben. Foto: 2018 Disney / Egmont Ehapa Media
Zum 90. Jubiläum der Micky Maus erscheinen mehrere Sonderausgaben. Foto: 2018 Disney / Egmont Ehapa Media

Ab den 1930er Jahren wohnte die Maus in einer Kleinstadt mit ordentlichen Gartenzäunen und Gardinen. Aus dieser heilen Welt gab es kein Entrinnen mehr. Micky erlebte natürlich Abenteuer und geriet in brenzlige Situationen. Aber diese vermeintlichen Gefahren waren nur der Vorwand, um die Maus den moralischen Zeigefinger in die himmelblaue Luft strecken zu lassen. Eine Grundregel setzte sich nämlich unumstößlich durch: Stets tut Micky gut gelaunt das Richtige. Auf die Dauer wurde das sehr eindimensional und fade. Mehr noch: Das Dauergrinsen hat mitunter das genaue Gegenteil produziert.

Zum Dauergrinsen verdammt

Die Kinder, die in den 90er Jahren beim „Mickey Mouse Club“ im US-Fernsehen sangen und tanzten, nutzten das zwar einerseits als Sprungbrett für Weltkarrieren. Dazu gehören Christina Aguilera, Justin Timberlake und Ryan Gosling. Andererseits mussten die Stars teils hart ringen, um sich aus dem Korsett zu befreien. Die Brutalität dieses copyrightgeschützten, globalisierten Lizenzfiguren-Systems machte dem einen oder anderen jungen Showtalent schwer zu schaffen. Am erschütterndsten war das vielleicht bei Britney Spears mitzuerleben, die von 1992 bis 1996 zum Mickey-Mouse-Team gehörte. Mitzuerleben deshalb, weil sich ihr Zusammenbruch vor den Linsen so vieler Kameras abspielte.

Die Vermarktungsmaschine läuft rund. Micky gefällt selbst den Modedesignern. Foto: Britta Pedersen/dpa
Die Vermarktungsmaschine läuft rund. Micky gefällt selbst den Modedesignern. Foto: Britta Pedersen/dpa

Micky ist eine Geldmaschine. Werbeprodukte waren früh ein Thema. 1933 stellten Walt Disney und sein Bruder Roy auf der Weltausstellung in Chicago eine Micky-Uhr vor. Die Zeiger waren den Ärmchen und Händen der Maus nachempfunden. Heute ist die Walt Disney Company das größte Medienunternehmen der Welt. Geld in die Kasse spülen Filmproduktionen, Lizenzgeschäfte, Fernsehsender, Buchverlage, Streamingportale, Theater und Ozeandampfer. Für Mickys Geburtstag läuft der Disney-Store über mit Plüschtieren, Taschen, Hausschuhen, Badesprudeltabletten und vielem mehr.

Wer bei der Party – wieder einmal – nur am Rand steht, ist Minnie. Dabei wird ja auch sie 90. Frauen werden vielleicht nicht so gerne auf ihr Alter angesprochen. Aber ein bisschen schade ist es schon, dass Minnie in all den Jahren nie über die Rolle als hübsches Anhängsel hinauskam. Womöglich verliehe mehr Minnie dem kreuzbraven Micky sogar wieder etwas Pep.

Die Autorin: Christine Straßer liebt Comics seit frühester Kindheit. Mit dem braven, immer fröhlichen Micky wurde sie aber nie warm. Ihr Held ist Charlie Brown, der zwar nie ein Baseballspiel gewinnt und dem Lucy den Football jedes Mal wegzieht, bevor er ihn wegschießen kann. Aber weil Charlie Brown auch nach jeder noch so bitteren Niederlage wieder aufsteht, hat ihn die Autorin ins Herz geschlossen.

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