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Krimi

„Mikrogeschichte der Gewalt“

Ein Dorf, ein Tyrann und seine Mörder: Karl-Peter Krauss schildert anhand eines Verbrechens den Dorf-Alltag im Jahr 1812.

  • Historiker Karl-Peter Krauss schildert anhand eines Attentats auf einen Grundherren den Alltag eines Dorfes im Jahr 1812. Foto: Hendrik Gassmann
  • Das Buch von Dr. Karl-Peter Krauss

Regensburg.Das Attentat ist ausnehmend brutal: 1812 verstümmeln und töten Männer aus dem Dorf Tscheb ihren Grundherrn. Dieser Kriminalfall ist Ausgangspunkt von „Mord an der Donau“, dem neuen Band der geschichtswissenschaftlichen Reihe „Südosteuropäische Arbeiten“. Karl-Peter Krauss schildert darin nicht nur eine einzelne Tat, sondern, so der Untertitel, „Eine Mikrogeschichte der Gewalt“.

Denn im Gerichtsverfahren zum Mord zeigt sich, welche Tyrannei der Gutsherr im Dorf errichtet hatte. Er erpresste, vergewaltigte, strafte willkürlich. Krauss erläutert diese Vorgeschichte zum Mord aus Sicht der oft vergessenen „kleinen Leute“ und liefert damit ein Werk, das nicht nur für Experten spannend sein dürfte.

Attentat aus dem Hinterhalt

Sie sind in einem Maisfeld versteckt, bewaffnet, das Gesicht mit Ruß geschwärzt. Mehrere Tage lang harren die 14 Männer in dem Hinterhalt aus, bis sie die Kutsche des Grundherrn Leopold von Márffy erspähen. Als das Gespann nahe genug am Feld ist, stürmen die Attentäter hervor. Sie schießen auf Márffy, zerren ihn auf die Straße, traktieren ihn mit Beilen und eisernen Hacken. Eine „unmenschliche Raserei“, wie später in den Gerichtsakten stehen wird. Es ist der 20. September 1812, als der Adelige schließlich, nach einem letzten Stoß, stirbt.

Dieses Attentat steht zu Beginn der Monographie „Mord an der Donau. Leopold von Márffy und die deutschen Untertanen in Tscheb (1802–1812)“. Das Werk von Karl-Peter Krauss ist der jüngste Band der renommierten Reihe „Südosteuropäische Arbeiten“, herausgegeben vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung Regensburg (IOS). Krauss‘ Arbeit konzentriert sich auf Tscheb, ein von Deutschen besiedeltes Dorf an der mittleren Donau im damaligen Königreich Ungarn (heute Serbien), dessen Grundherr Márffy war und in dessen Nähe sich die Tat ereignete.

Das Buch

  • Titel: „Mord an der Donau. Leopold von Márffy und die deutschen Untertanen in Tscheb (1802–1812). Eine Mikrogeschichte der Gewalt.“

  • Verlag:

    Erschienen ist das Buch in der Reihe „Südosteuropäische Arbeiten“ (Band 160) des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung im Verlag De Gruyter Oldenbourg.

  • Preis:

    Das Buch von Dr. Karl-Peter Krauss kostet 39,95 Euro.

Die Ermittlungen zum Mord gestalten sich zunächst schwierig, niemand will reden. Erst nach Jahren sind die Täter gefasst: Es sind Márffys eigene Untertanen, praktisch das ganze Dorf hatte sich gegen ihn verschworen, wie sich vor Gericht zeigt. Denn Márffy hatte in den Jahren zuvor Tschebs Bewohner ausgepresst und tyrannisiert. Er übervorteilte Witwen, missbrauchte Dorfbewohnerinnen, ließ zahllose Männer und sogar Schwangere verprügeln – teils mit Todesfolge. Prozesse der Dorfbewohner gegen ihn oder Eingaben bei der Kirche blieben erfolglos. All das war so extrem, dass Kaiser und König Franz I. letztlich einige der Attentäter begnadigte – nach einem Mord an einem Adeligen, wohlgemerkt.

Indem Autor Krauss all das nachzeichnet, will er mehr als nur einen spektakulären Kriminalfall schildern. „Es geht nicht um Mord und Verschwörung allein“, erläutert er. Vielmehr zeigt er anhand des Falles, wie adelige Selbstverwaltung vor Ort und der frühmoderne, hier habsburgische, Staat in Konflikt standen. Während Letztgenannter in der „Sattelzeit“ um 1800 nach zentraler Verwaltung und übergeordneter Steuerungsinstanz strebte und den Untertanen gewisse Schutzrechte eingeräumt hatte, stand ihm ein selbstbewusster ungarischer Adel entgegen. Und der nutzte allzu gern auch die Rechtsprechungsorgane, um gegen den frühmodernen Staat zu opponieren.

Einblick in Dorfbewohner-Seele

Karl-Peter Krauss durchleuchtet auch die Herrschaftsverhältnisse, indem er die „kleinen Leute“ in den Mittelpunkt stellt. Er lässt eine Geliebte Márffys zu Wort kommen, die in einem Brief voll Hass und Selbstbewusstsein mit ihrem eigentlichen Mann abrechnet. Vor allem aber zeichnet er die Lebensgeschichten der Attentäter wie auch ihrer Frauen nach. So ergeben sich tiefe Einblicke in den Alltag des Dorfes.

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