mz_logo

Kultur
Dienstag, 24. April 2018 22° 3

Kabarett

Mit bärenhafter Bühnenpräsenz

Das 23. Internationale Thurn und Taxis Kleinkunstfestival endet mit der „Nacht der Sieger“ und einer faustdicken Überraschung
von Peter Geiger

Helmuth Steierwald erhielt den Preis der fünfköpfigen Jury. Foto: Geiger

Regensburg.Kabarett – ist das nicht jene Veranstaltung, in der Idealisten, die am Zustand und der Verlogenheit der Welt längst schon verzweifelten, ihrer Enttäuschung Ausdruck verleihen? Und zwar in so himmelschreiend komischer Weise, dass sich das versammelte Publikum vor Lachen biegt. Sodann enthemmt applaudiert. Und am Ende lauthals „Zugabe“ schreit. Ja, so war’s auch am Samstagabend in der voll besetzten Alten Mälzerei, beim „United Comedy 2018“, dem 23. Internationalen Thurn und Taxis Kleinkunstfestival. Da nämlich stand die „Nacht der Sieger“ auf dem Terminplan. Das ist zwar ein bisschen gelogen und könnte für Idealisten schon so etwas wie die Vorstufe zu einer Enttäuschung darstellen. Denn eigentlich überstehen von den fünf Bewerbern nur zwei diesen Abend als Sieger. Derjenige nämlich, der den Preis der fünfköpfigen Jury gewinnt. Und der andere, der die Herzen des Publikums zu erobern vermag. Aber die Sprache der Getränke-Werbung und des Bier-Sponsorentums – sie vertraut im Gegensatz zu dem, was da im Dienste der Entlarvung und Demaskierung auf der Bühne stattfindet, viel lieber aufs Windelweiche und Honigsüße.

Er macht jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram

Am präzisesten erkannt hat das wohl Peter Fischer, Musikkabarettist aus München, der mit glänzend entblößter Oberzahnreihe die Bühne bespringt. Und während er damit jedes Honigkuchenpferd zum sauertöpfischen Griesgram degradiert, blufft er ins Publikum: „Dieses Grinsen ist echt!“ Sodann trumpft er grandios auf, mit seinem Piano, bedient sich beim Ragtime ebenso wie beim Boogie und klingt zwischendrin wie der musikalische Zwischenkieferknochen von Elton John und Ben Folds und ist textlich bei Kreisler, Roski und Mey in die Lehre gegangen. Er reimt Geduld auf Geld. Und einen heftigen Publikumslacher erwidert er: „Das war noch gar kein Gag!“ Das war brillant gekontert – prompt sprach ihm das Publikum seinen Preis zu.

Helmuth Steierwald dagegen ist ein anderes Kaliber. Als einziger Bewerber des Abends vertraut er allein auf seine Stimme und das Mikro – und ist trotzdem (nicht nur in den Augen der Jury) der Wandlungsfähigste und derjenige, der die tiefsten Abgründe sichtbar werden lässt. Gleich zu Beginn klärt er uns auf: In Wirklichkeit sei „Helmuth“ ja ein Pseudonym, er heiße Emir und sei der Sohn eines Iraners und einer Türkin. Außerdem übe er den Beruf des Lebensmittelchemikers aus.

Stahlgewitterartige Lachsalven

Klingt jetzt ein wenig dröge? Ist in Wirklichkeit aber von umwerfender Wucht. Denn der Poetry-Slam-gestählte 27-Jährige vollbarttragende Doktorand (sein Forschungsthema ist die menschliche Niere) hat eine bärenhafte Bühnenpräsenz. Und versteht es quasi aus dem Stand, sein Publikum so diabolisch einzuseifen und einzulullen, dass es sich schockgefrostet wiederfindet, im Lachschauer. „Immer wieder werde ich gefragt: Feierst Du eigentlich Weihnachten?“ Es folgt eine bedeutungsschwangere Pause. „Wir feiern zuhause den 11. September.“ Irritation. Eisernes Schweigen. „Da hat meine Mutter Geburtstag.“ Stahlgewitterartige Lachsalven. Das ist die Fallhöhe, von der Helmuth Steigerwald aus operiert.

Schade war, dass der Kandidat mit dem rundesten Programm, der rappende und die Reime kickende Bumillo aus Rosenheim am Ende leer ausging. Dieses Schicksal freilich teilte er mit der höchst sympathischen und noch ziemlich jungen Niederbayerin Andrea Limmer, die mit breitestem Grinsen und Ukulele wirklich sehr herzig war. Ebenso wenig zu grämen braucht sich Christina Baumer – die rotblonde Lokalmatadorin aus der Oberpfalz. Als „Chris und Tina“ spaltete sie ihre Persönlichkeit auf und offeriert dem Publikum höchst Komisches und Niedrigschwelligstes. Sodass am Ende Moderator Jörg Schur doch recht behalten sollte, mit seinem im Boxkampfstyle hinausgebrüllten Motto „Nacht der Sieger“!

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht