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Literatur

Mit dem Witz der Verzweiflung

Abbas Khider las zum Auftakt des 27. Literarischen Frühlings bei Dombrowsky in Regensburg aus seinem neuen Roman „Ohrfeige“.
Von Florian Sendtner, MZ

Abbas Khider hat seinen vierten Roman veröffentlicht. Bei Dombrowsky in Regensburg stellte er ihn jetzt vor.
Abbas Khider hat seinen vierten Roman veröffentlicht. Bei Dombrowsky in Regensburg stellte er ihn jetzt vor. Foto: Sendtner

Regensburg.Erich Mühsam wusste es schon lange, bevor er ins Exil musste: „Ich bin verdammt, zu warten / In einem Bürgergarten“. Lion Feuchtwanger schrieb eine veritable „Wartesaal-Trilogie“. Eine ganze Generation deutscher Schriftsteller fand sich 1933 auf dem Abstellgleis wieder: in einem fremden Land zur Untätigkeit verurteilt. In Deutschland wurden sie weder gedruckt noch gelesen, und in der Fremdsprache schaffte es kaum einer, literarisch heimisch zu werden.

Dieses Kunststück hat Abbas Khider zustandegebracht. Der 1973 in Bagdad geborene Schriftsteller, der 2000 in Deutschland Asyl erhielt, hat mit „Ohrfeige“ soeben seinen vierten Roman in deutscher Sprache vorgelegt. Zur Eröffnung des 27. Literarischen Frühlings der Buchhandlung Dombrowsky las Khider daraus, und das Publikum war einhellig der Meinung: diese Ohrfeige sitzt.

Verliebt in die Frau von der Caritas

Und das, obwohl es in dem 220-Seiten-Roman „keine Handlung im klassischen Sinn“ gibt, wie der Autor selbst zugibt. Er habe vielmehr versucht, eine „Poesie der Langeweile“ zu entwickeln – schließlich handelt die Geschichte von einem jungen Iraker, der Asyl beantragt hat und nun auf die Entscheidung der Behörde wartet. Und wartet. Und wartet: „Meine Tage vergingen langsam, als würde eine kosmische Macht die Zeit wie einen Pizzateig kneten und so dünn wie möglich ausrollen.“

Abbas Khider spricht über seinen neuen Roman „Ohrfeige“:

Doch dieser depressive Wartesaal voller „nervöser Vögel“ hat tausendundeine Geschichte zu erzählen, und darunter sind sehr komische und sehr ergreifende, wahre Menschheitsgeschichten. Wie die von Ali, dem Spezialisten für Abfallcontainer, dem, weil halb Iraker, halb Iraner, schon in seiner ursprünglichen „Heimat“ kein Existenzrecht zuerkannt worden war. Und nun verliebt er sich auch noch ernsthaft in die fast 20 Jahre ältere Frau von der Caritas – eine unglückliche Liebesgeschichte wie von Fassbinder. Der Erzähler lässt es dabei nicht an Sarkasmus fehlen: „Die einzigen Deutschen ohne Schlagstöcke und Schusswaffen, die sich freiwillig länger in unserer Nähe aufhielten, waren die Mitarbeiter der Caritas.“

Auch wir kennen ein „Kruzitürken“

Doch Abbas Khider versteht es, diese Tragödie des Wartens und Verdorrens („Wir konnten nichts anderes tun, als zu warten, und wurden von Tag zu Tag dämlicher“) mit dem Witz der Verzweiflung zu unterfüttern, und wenn er das alles auch noch selbst liest und zwischendurch frei erzählt, gibt es viel zu lachen. Angefangen vom deutschen Winter, der es vermag, Geschlechtsorgane verschwinden zu lassen, bis zu dem im Irak geläufigen Fluch „Charab Allmanya!“, für den es eigentlich keinerlei Erklärung gibt. Warum sollten die Iraker die Deutschen verfluchen? Es handelt sich wohl um einen verkappten Fluch auf Gott; die erste Silbe von „Allmanya“ ist schließlich die gleiche wie die erste von „Allah“. Unerhört? Nicht ganz. Gibt’s auch im Deutschen, wo man den Fluch „Kruzifix!“ im letzten Moment noch schnell auf die völlig unschuldigen Türken umlenkt: „Kruzitürken!“

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