MyMz

Kultur

Mit emanzipatorischem Akzent

Manchmal etwas zu dick aufgetragen: Ein fast feministischer „Jedermann“ feiert im Klösterl bei Kelheim Premiere.
Von Michael Scheiner

„Jedermann“ von Anna Funk hatte Premiere – in der historischen Naturkulisse des Kelheimer Klösterls. Foto: Michael Scheiner
„Jedermann“ von Anna Funk hatte Premiere – in der historischen Naturkulisse des Kelheimer Klösterls. Foto: Michael Scheiner

Kelheim.Anna Funks „Jedermann“ beginnt lange vor dem Spielort im Klösterl, nach dem Parken auf dem Wöhrd-Platz. Der etwa zwanzigminütige Fußmarsch an der Donau entlang zur Einsiedelei ist mit Donaudurchbruch, Dutzenden von Grünschattierungen in stattlichen Bäumen, die den Weg säumen, und der Ruhe, die nur von Ausflugsschiffen und einzelnen Vogelrufen durchbrochen wird, an sich schon eine grandiose Inszenierung. Getoppt wird sie nur noch vom Rückweg im nächtlichen Mondlicht.

Nach der ausgefallenen Openair-Aufführung an ungewöhnlichem Ort, bietet die kurze Wanderung ein grandioses Schauspiel. Ohne Straßenbeleuchtung sind weitaus mehr Himmelskörper zu sehen, als heutzutage in jeder Ortschaft, wo künstliches Licht die Sicht auf die Welt und ihre Erscheinungen ganz erheblich – und nicht nur positiv – verändert hat.

Verändert hat auch die junge Regisseurin und Schauspielerin Funk den Stoff, der seit fast hundert Jahren wenig verändert auf dem Domplatz in Salzburg aufgeführt wird. Das historische Spektakel um das Sterben des reichen Mannes vor der historischen Naturkulisse ist ein fetter Pluspunkt für Funks Inszenierung, der die Aufführung zu einem eindrucksvollen Erlebnis macht.

„Jedermann“ ist eine Frau

Auffälligste Veränderung bei Funk ist die Besetzung des Jedermann mit einer Frau (Ulrike Dostal) und der kessen Buhlschaft mit einem Mann (Philipp Andriotis) mit Rockerimage. Auch Jedermanns Knecht ist mit einer Schauspielerin (Lucia von Damnitz) als „Mädi“ besetzt, die zugleich auch die „Werke“ spielt, welche zur Bekehrung der superreichen Mammonverehrerin beitragen. Weiblich interpretiert wird auch Jedermanns guter Gesell von einer Gesellin (Christine Kellerer). Die stellt sich beim Abwimmeln des verschuldeten Handwerksmeisters, der an Jedermanns Verantwortung appelliert und um Hilfe bittet, als eine härtere Nuss und kalte Zynikerin heraus, als ihre superreiche Freundin.

Den ersten Teil bis zur ausgelassenen Tafelgesellschaft, während der Gottes düster dröhnender Ruf nach „Jedermann“ über die Donau hallt, spielt das aus Laien und Profischauspielern zusammengesetzte Ensemble im Hof vor der Kapelle. Mit einer alkoholabhängigen Nachbarin, die um Geld bittet, von Funk selbst überzeugend gespielt, hat die Regisseurin einen weiteren emanzipatorischen Akzent gesetzt. Trotz dieser Rollen- und Geschlechterumkehr wird damit kein feministisches Zeitalter für Hugo von Hofmannsthals Tragödie eingeläutet. Ähnlich wie in der mit Angela Merkel wird vielmehr aufgezeigt, dass der Feminismus gesellschaftliche Fortschritte erzielt hat und Alltag heute nicht mehr ausschließlich männlich konnotiert und gedacht werden kann.

Dass damit in Kelheim gleich „Das Zeitalter der weiblichen Dominanz begonnen“ hätte, kann angesichts männlicher Politprominenz aus Rathaus und Landratsamt wohl nicht konstatiert werden. Bürgermeister und Landrat, welche die Veranstaltung unterstützen und finanziell fördern, lobten die künstlerische Initiative Funks und die Einmaligkeit des Aufführungsortes.

Der spielte im zweiten Teil in einer weiten Felsenhöhle, zu der das Publikum während der Pause hin umzieht. Bereits im ersten Teil machte sich der professionelle Einsatz der Stimme vor allem bei der souverän agierenden Dostal bemerkbar. Ihre Schreckensrufe hallten schauerlich von der gegenüberliegenden Felswand wider, während die Erzählerin (von Damnitz) anfänglich kaum zu verstehen war. Zu viel und langatmig war das Lokalkolorit, welches Funk im ersten Teil mit albernen Trinkliedern eingebaut hat.

Erheblicher Körpereinsatz

Das Ensemble spielte insgesamt mit enormem Engagement und erheblichem Körpereinsatz. Auch hier vornweg Dostal, die mehrfach auf dem harten Steinpflaster niederknallte, dass Knochenbrüche oder wenigstens Abschürfungen zu befürchten waren. Im Stil ausdrucksvoller Übertreibung drehen einige der Spieler manchmal einen Tick zu stark auf. Funks Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem christlich-mythischen Gehalt des Stücks und steht damit in einer konservativen Tradition.

Weitere Nachrichten aus Bayern und der Welt finden Sie hier!

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht