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Hörbuch

Mit großem Eifer an die Urne

Zum 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts lässt der LOhrbär Verlag bei einer „Wahlparty“ die Sektkorken knallen.
Von Florian Sendtner

Die Schriftstellerin und Journalistin Eva Demski ist auf dem Hörbuch zum Frauenwahlrecht zu hören. Foto: Andreas Arnold/dpa
Die Schriftstellerin und Journalistin Eva Demski ist auf dem Hörbuch zum Frauenwahlrecht zu hören. Foto: Andreas Arnold/dpa

Regensburg.„Meine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass in Deutschland die Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf. Und ich möchte hier feststellen, und zwar ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“ Als die Sozialdemokratin Marie Juchacz am 19. Februar 1919 diese Sätze vor der Weimarer Nationalversammlung sagt (bei der Anrede „Meine Herren und Damen“ verzeichnet das Protokoll „Heiterkeit“), ist der jahrzehntelange Kampf um das Frauenwahlrecht gewonnen.

Männerklüngel gibt es noch immer

Gewonnen? Ein Blick auf den rasant gesunkenen Frauenanteil im Bundestag (30,9 Prozent) und zuletzt im bayerischen Landtag (26,8 Prozent) zeigt, dass auch hundert Jahre danach längst nicht alles im Butter ist. Teils verhohlen, teils ganz unverhüllt, wird der alte Männerklüngel wieder propagiert und praktiziert.

Da ist es sehr erkenntnisfördernd, Stimmen von vor hundert Jahren zu hören, als die Frauen zum ersten Mal zur Wahlurne schritten, und, noch weiter zurück, als Schriftstellerinnen wie Hedwig Dohm 1876 unerschrocken nach den Sternen griffen und nicht nur von der Männerwelt für verrückt erklärt wurden. Der Regensburger LOhrbär Verlag hat jetzt zum hundertsten Jubiläum das Hörbuch „Frauen. Wahl. Recht.“ herausgebracht, das die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919, die erste deutschlandweite Wahl, bei der Frauen zugelassen waren, wieder lebendig werden lässt. Diesen Samstag, dem hundertsten Jahrestag, wird das Hörbuch in der Stadtbücherei bei einer „Wahlparty“ mit Sekt und Selters vorgestellt.

Hitziger Wahlkampf im Mittelpunkt

Im Mittelpunkt des Hörbuchs steht der hitzige Wahlkampf 1918/19, der zum Beispiel von Minna Cauer (gesprochen von Eva Demski), Marianne Weber (Monika Manz) und Lida Gustava Heymann (Sofia Mindel) sehr eindrucksvoll beschrieben wird. Auch männliche Stimmen fehlen nicht, teils beobachtende wie Viktor Klemperer (Matthias Winter), teils heftig widersprechende wie Ludwig Langemann (Martin Hofer) vom Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation, der sich in Rage redet – wohl ahnend, dass er auf verlorenem Posten steht (nach der Auflösung seiner Organisation 1920 geiferte Langemann gegen die Juden).

„Es war ein besonders erfreulicher Anblick zu sehen, mit welchem Eifer gerade die Frauen zum ersten Male der Ausübung ihres neuen Staatsbürgerrechts oblagen.“

Hundert Jahre Frauenwahlrecht – wie war das in Regensburg? Hier wurde schon eine Woche zuvor gewählt, am 12. Januar 1919 stand der Landtag zur Wahl. Es muss in jedem Wahllokal zwei verschiedene Urnen gegeben haben, eine für Männer (in hellblau?) und eine für Frauen (in rosa?). Anders lässt es sich nicht erklären, dass der „Regensburger Anzeiger“ in seinem Morgen-Blatt am 13. Januar 1919 das Ergebnis der Landtagswahl am Tag zuvor nicht nur nach Stadtbezirken, sondern auch nach Geschlecht aufgeschlüsselt bekanntgibt.

Verschärfte Beobachtung

Erst zwei Monate zuvor hatte der Sozialist Kurt Eisner die bayerische Monarchie gestürzt und das Frauenwahlrecht eingeführt. Der „Regensburger Anzeiger“ war der konservativen Bayerischen Volkspartei (BVP) verpflichtet, Kurt Eisner kam bei ihm schlecht weg. Doch vom Frauenwahlrecht schwärmt die Zeitung regelrecht: „Es war ein besonders erfreulicher Anblick zu sehen, mit welchem Eifer gerade die Frauen zum ersten Male der Ausübung ihres neuen Staatsbürgerrechts oblagen.“ Die Frau, das unbekannte Wesen, stand unter verschärfter Beobachtung: „Selbst kranke und gebrechliche Frauen ließen sich nicht davon abhalten, ihre Stimme in die Waagschale zu werfen.“ Ein Blick auf das Wahlergebnis erklärt die Begeisterung. Die BVP, die landesweit mit 35 Prozent stärkste Partei wurde, kam in Regensburg auf gut 50 Prozent und zu verdanken hatte sie diesen Erdrutschsieg den Frauen. Von den 14.307 Stimmen für die BVP kamen 9452 von Frauen.

Kritische Stimmen

Hätte Ludwig Langemann vom Deutschen Bund zur Bekämpfung der Frauenemanzipation das geahnt, hätte er sich 1916 sein apokalyptisches Lamento wohl gespart: „Das am gründlichsten demokratisierte Norwegen hat den Giftbecher (des Frauenwahlrechts) bereits bis auf die Neige geleert und leidet schon unter seinen verderblichen Wirkungen, während Schweden vielleicht noch zu retten ist.“

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