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Mit Holz und Lehm die Zukunft bauen

Die Pinakothek der Moderne gibt Einblick in die radikal einfachen und nachhaltigen Architektur von Francis Kéré.
Von Michael Scheiner, MZ

Kühn und aus einfachen, regionalen Materialien gebaut: Das Lycée Shore, die Oberschule in Koudougou in Burkina Faso, 2016 fertiggestellt, nach Plänen von Francis Kéré Foto: Daniel Schwartz
Kühn und aus einfachen, regionalen Materialien gebaut: Das Lycée Shore, die Oberschule in Koudougou in Burkina Faso, 2016 fertiggestellt, nach Plänen von Francis Kéré Foto: Daniel Schwartz

München. Die Denkrichtung ist fast immer gleich – „wir“ geben Entwicklungshilfe, „die“ brauchen sie. „Die“ sind häufig Länder und Regionen in Afrika, die sich auch nach einem halben Jahrhundert Entkolonisierung ökonomisch nicht soweit entwickelt haben, dass sie auf eigenen Füßen stehen können. Nach einem Besuch der Ausstellung „Radically Simple“, einer beeindruckenden ersten Werkschau über die Arbeit des Architekten Francis Kéré im Münchner Architekturmuseum in der Pinakothek der Moderne, kommt man leicht ins Grübeln, ob diese Gleichung immer stimmen muss.

Durch ein Wäldchen entrindeter Stämme geht es hinein in die so radikal einfache wie gescheite und sozial lehrreiche Welt des in Burkina Faso geborenen Baumeisters. Diese paar Schritte weisen ganz pragmatisch auf den vielseitigen Werkstoff Holz hin, mit dem Francis Kéré oft arbeitet. Gleichzeitig verbindet sich mit dem Material auch ein starker symbolischer Wert, beschrieben im hervorragend edierten Katalog. In Kérés Heimatdorf Gando, im Westen des westafrikanischen Landes Burkina Faso, erleben Jugendliche eine Initiation im Wald, mit der sie in die Dorfgemeinschaft eingeführt werden. Allein, auf sich gestellt, müssen sie drei Monate im Wald verbringen. In dieser Zeit sollen sie erleben, „dass der Wald alles bietet, was man zum Überleben braucht: Nahrung, Medizin, Rohstoffe, um ein Haus zu bauen“.

Der Erweiterungsbau der Schule in Gando, dem Heimatdorf von Francis Kéré in Burkina Faso Foto: Daniel Schwartz/Gran Horizonte Media
Der Erweiterungsbau der Schule in Gando, dem Heimatdorf von Francis Kéré in Burkina Faso Foto: Daniel Schwartz/Gran Horizonte Media

Häuser hat der 52-jährige Kéré inzwischen einige gebaut. Angefangen von der Grundschule in seinem Dorf Gando, die mit Lehrerwohnungen, Bibliothek, Oberschule und Frauenzentrum längst zu einem ganzen Komplex geworden ist, bis zum neuen Parlamentsgebäude in Ouagadougou.

Deutsche Kasernen überplant

Das Parlamentsgebäude existiert bisher nur als Planung und soll den in der Hauptstadt von Burkina Faso, des früheren Obervolta, bei politischen Unruhen vor zwei Jahren niedergebrannten Komplex ersetzen. Auch international ist Kéré mit seinem Architekturbüro vielfach unterwegs. Er hat in Münster und Mannheim aufgelassene Kasernenareale neu geplant, in Kenia, Mali, Mosambik und Spanien gebaut.

Bei den realisierten Objekten und seinen Planungen folgt der in Berlin lebende Baukünstler, der hier auch studiert hat und lehrt, einigen einfachen Prinzipien. Die haben ihn fast schon in Rekordzeit zu einem der wichtigsten Vertreter sozial engagierter Architektur gemacht.

Francis Kéré in München

  • Der Architekt:

    Francis Kéré, in Burkina Faso geboren und seit 2005 in Berlin ansässig, gehört zu den international wichtigsten Vertretern einer sozial engagierten Architektur. Er übersetzt kulturelle Prägungen seines Heimatlandes mit den Erfahrungen, die er seit dem Studium an der TU Berlin in Deutschland gemacht hat, in einen neuen, dritten Weg.

  • Die Ausstellung:

    „Francis Kéré, Radically Simple“ ist bis 26. Februar in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen: täglich von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr.

Beim Material stehen für ihn lokal verfügbare Werkstoffe im Vordergrund, etwa Lehm, Holz und Tontöpfe in seiner ersten Heimat Burkina Faso. Das Material lässt er in ökologisch und sozial nachhaltiger Weise verbauen, angepasst an örtliche Gegebenheiten. Weil es bis heute „keinen Strom“ in Gando gibt, hat Kéré über erhöhte aufgesetzte, schräge Wellblechdächer eine natürliche Kühlung und Belüftung für die Schulen gefunden. Beim Lehm musste er die Dorfbewohner, die die Gebäude in Gemeinschaftsarbeit mit eigenen Händen errichtet haben, erst von der Verwendung des traditionellen Baustoffs überzeugen. Sie glaubten, das einfache und billige Material tauge dafür nicht. Großen Wert legt der Architekt darauf, die späteren Nutzer seiner Gebäude – Sport- und Bildungszentren, medizinische Einrichtungen, Wohnkomplexe – mit einzubeziehen. Er setzt auf deren Mitarbeit, wo es möglich ist.

Francis Kéré Foto: Daniel Schwartz
Francis Kéré Foto: Daniel Schwartz

In Deutschland ist Francis Kéré vor allem durch seine Zusammenarbeit mit dem 2010 verstorbenen Regisseur und Provokateur Christoph Schlingensief bekannt geworden. Dessen Plan für ein Festspielhaus für Afrika, nach Vorbild des „Grünen Hügel“ in Bayreuth, modelte er zu einem Operndorf mit Schule, mit medizinischen Versorgungseinrichtungen, Kindergarten, Wohnungen und Tonstudio um. Das Projekt konnte bisher teilweise realisiert werden.

Tagungen im „Festspielhaus“

Das mitten im Zentrum der spiralförmigen Anlage gelegene „Festspielhaus“ harrt noch der Fertigstellung. Es soll einmal als Raum für interkulturelle Veranstaltungen dienen. Dann können auch Stadtplaner und Politiker aus Europa und sonst woher dort tagen, um zu erfahren, wie in ihren Regionen so einfach, regional und nachhaltig wie möglich gebaut werden kann. Beispielsweise, indem man in einer Stadt wie Regensburg dem Gedanken des genossenschaftlichen Bauens deutlich mehr Raum einräumt, weil er weniger an Investoren-Interessen als am Gemeinwohl ausgerichtet ist. Oder, dass man nicht Pflastersteine aus dem fernen China um die halbe Welt transportieren muss, um Fußgängerzonen möglichst billig bauen zu lassen.

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