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Kunst

Mit straffen Zügeln in die Moderne

Die Städtische Galerie Regensburg ehrt Seff Weidl mit einer Werkschau. Manche Arbeiten des Bildhauers wirken beinahe brav.
Von Matthias Kampmann, MZ

  • Seff Weidls „Sonnenuhr“ (vorn, von 1968) und „Wisent“ (1958): Die beiden Bronzen sind in der Städtischen Galerie Leerer Beutel zu sehen. Foto: Kampmann
  • Kulturreferent Klemens Unger bei der Eröffnung der Seff-Weidl-Werkschau im Leeren Beutel Foto: Kampmann

Regensburg.Jeder wird ein Werk von Seff Weidl gesehen haben. Spätestens ab den frühen 1950ern bis zu seinem Tod 1972 produzierte er viel für den öffentlichen Raum, auch international, auch in Regensburg. Seinen Namen haben die meisten jedoch vergessen.

Der Bildhauer, 1915 in Eger geboren, der nun mit einer Werkschau mit rund 100 Plastiken und Grafiken in der Städtischen Galerie Leerer Beutel geehrt wird, erlebt derzeit eine Phase der Wiederentdeckung. Die Münchner Galerie Dürr feierte 2015 den 100. Geburtstag. Nun kommt das Werk von Seff Weidl an die Donau zurück.

Die „Ruhende“ hieß „Gschlamperte“

Wer das Regensburger Hallenbad besucht, wird heute noch mit der „Ruhenden“ konfrontiert. 1955 wurde die Figur, deren Abstraktionsgrad schon zu groß ist, um auf irgendwelche anzüglichen Gedanken zu kommen, zur Eröffnung der Einrichtung aufgestellt. Kein dummes Bildprogramm, denn der menschliche Körper steht ja im Zentrum eines solchen Gebäudes. Doch im Volksmund hieß das Werk bald „Gschlamperte“, und der Künstler Klaus Caspers berichtete 2015 eine Petitesse: Nonnen sollen einmal während einer Prozession an der Bronze vorbeidefiliert sein und lauthals „pfui, pfui, pfui“ gerufen haben. Diesen Sturm der Entrüstung kann man heute kaum noch nachvollziehen. Denn das Werk von Seff Weidl ist alles andere als provozierend.

Rund 100 Werke zu sehen

  • Die Ausstellung:

    Die Städtische Galerie Leerer Beutel zeigt bis 7. Februar rund 100 Arbeiten unter dem Titel „Seff Weidl und die abstrakte Figuration“. Seff Weidl (1915-1972) machte nach 1945 als Vertriebener auch Station in Regensburg. Vor allem seit den 1950ern trug der Bildhauer zur Gestaltung des öffentlichen Raums international bei.

  • Das Erbe:

    Seff Weidl war ein fleißiger Arbeiter, der in den 1970ern der Vergessenheit anheimfiel. Sein Sohn Peter Weidl, der die Tradition der Bildhauerei in der Familie fortsetzt, bemüht sich seit dem 100. Geburtstag um die Wiederentdeckung des Werks seines Vaters.

Das mag zur Zeit von Weidls Studiums in München an der Akademie (1936 bis 1938) anders gewesen sein. Da studierte der Künstler bei Hermann Hahn. Der Nazi-Einfluss gewann bereits gewaltig Kraft. Die Helden-Perversionen eines Josef Thorak gaben den Ton an. „Mein Vater musste sicher auch solchen Kram machen, aber sofort wehrte er sich innerlich und schuf etwa viele korpulente Frauenkörper“, beschreibt es Sohn Peter Weidl, der selbst Künstler ist und jetzt Zeit hat, sich um die Ordnung des Erbes zu kümmern.

Eine der Skulpturen von Seff Weidl im Leeren Beutel: „Kniende“, aus dem Jahr 1952
Eine der Skulpturen von Seff Weidl im Leeren Beutel: „Kniende“, aus dem Jahr 1952 Foto: Kampmann

Wenn man aber heute auf die Werke von Seff Weidl schaut, wirken die Vergleiche mit ungleich berühmteren Kollegen wie Pablo Picasso oder Henri Matisse, die damalige Feuilletonisten zogen, recht weit hergeholt. Beim Blick auf die Grafiken und die plastischen Arbeiten spürt man nicht viel Revolutionäres. In ihrer Zeit (da hatten die „Demoiselles d’Avignon“ längst die Malerei revolutioniert und waren historisch) sind die Arbeiten Weidls, die nach dem Krieg entstanden sind, beinahe schon brav, folgen strengen Umrisslinien und arbeiten mit sehr traditionellen Körperauffassungen und Gradationen von Abstraktion.

„Die Kauernde“ (Sandguss, braune Patina) aus dem Jahr 1947, zu sehen in der Werkschau zu Seff Weidl in Regensburg
„Die Kauernde“ (Sandguss, braune Patina) aus dem Jahr 1947, zu sehen in der Werkschau zu Seff Weidl in Regensburg Foto: Kampmann

In einer Zeit, in der Josef Albers seine „Homages to the square“ schuf oder Georges Mathieu seine gigantischen Malperformances auf die Bühne brachte, erscheinen Weidls Atelierstücke beinahe schon allzu lieblich; sie spiegeln den Charme der 1950er Jahre. Zum Rendezvous am Nierentisch stellt man sich seine Kleinplastiken von vorzugsweise Frauenkörpern vor.

Seff Weidl in New York ausgestellt

Dennoch galt Seff Weidl etwas in seiner Zeit. Die Henry Kleemann Galleries in New York stellte ihn aus. Kollegen dort waren etwa Hans Hartung, Ernst Wilhelm Nay oder Emil Nolde. Jetzt lässt sich Weidls Werk erfahren, in dem zunächst „Kniende“, „Kauernde“ dominierten, später dann Abstraktionen, die ein klein wenig an die Großen der Zeit erinnern. Und wenn man auf die „Abstraktion“ von 1972 (Acryl auf Papier) schaut, oder auf „Begegnung“ (1970, Tusche auf Japanpapier), erkennt man ein zeithistorisches Potenzial – aber auch ein enorm gezügeltes Ausdruckspotenzial, dem man eine gewisse Befreiung wünschte.

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