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Kleinkunst

Mit Würschtlkleid und High Heels aufs Treppchen

Jury und Publikum waren sich beim T&T Kabarettpreis einig: Platz eins für die Regensburgerin Franziska Wanninger
Von Fred Filkorn, MZ

  • Niedlich: Martin Frank
  • Hintersinnig: Helmut A. Binser
  • Überzeugende Schauspielerin: Franziska Wanninger Fotos: altrofoto.de

Regensburg. Da hatte die sechsköpfige Jury – darunter MZ-Kulturredakteurin Claudia Bockholt und eine aus dem Publikum ausgewählte Besucherin – am Samstagabend die Qual der Wahl: Das Bewerberfeld des Thurn und Taxis Kabarettpreises war nahezu gleichwertig aufgestellt. Schließlich war es die „Nacht der Sieger“, wie Moderator Jörg Schur immer wieder betonte. Aus 21 Bewerbern hatte Mälze-Programmchef Hans Krottenthaler fünf Endfinalisten herausgefiltert.

Dass mit Franziska Wanninger (Regensburg) und Helmut A. Binser (Runding) Kabarettisten aus der Oberpfalz das Rennen unter sich ausmachten, ist nicht dem Heimvorteil zuzuschreiben. Wanninger, die den mit 1000 Euro dotierten 1.Platz und den Publikumspreis holte, überzeugte mit bestechender schauspielerischer Leistung, die die Absolventin der Lee-Strasberg-Schauspielschule für eine Rolle in einer bayerischen Filmkomödie empfiehlt. Marcus H. Rosenmüller sollte sich schon mal ihre Telefonnummer besorgen.

Auf wunderbar entlarvende Weise zerdeppert die 29-Jährige die Mythen der romantischen Liebe, denn am Ende zählt eben doch nur das Geld. „G’baut hat er“, erzählt ihr eine Freundin, die gerade noch die Torschlusspanikkurve gekriegt hat, und „z’widr ist er mir nicht.“ Um selbst auf dem Heiratsmarkt zu bestehen, hat sich Wanninger in ein blaues Kleid und High Heels gezwängt und erklärt detailliert, was ihr sexy Outfit, inklusive „Würschtlunterkleid“, gekostet hat.

Typen der typischen Landhochzeit

Die verschiedenen Schreckensgestalten, die Wanninger auf einer todlangweiligen Landhochzeit trifft, karikiert sie pointiert und lebensnah: Der hemdsärmelig-derbe Stammtischschwadronierer aus Rogglfing bei Wurmannsquick zeigt sich von der Grundanständigkeit seines pädophilien Freundes Etzlsberger überzeugt. Die schwäbelnde Powerpointpräsentatorin verliert sich bei der Lebensgeschichte der Braut in endlosen Belanglosigkeiten. Beide Figuren stammen aus Wanningers erstem Soloprogramm „Just und Margit“.

Den Kasten Bier für den Publikumspreis gab Wanninger an den Vize-Sieger Helmut A. Binser weiter, der beim Auftritt gewaltigen Bierdurst bewiesen hatte. In seinem Lied „27 Gründe sich volllaufen zu lassen“ (aus dem Zyklus „Durscht ist stärker als Heimweh“) benennt der 31-Jährige lauter schlimme Dinge, die einem so passieren können. Bitterböse bis makaber, hintersinnig bis politisch sind die Reime des Musikkabarettisten, der sich nach einer Ausbildung zum Industriekaufmann in Regensburg vor vier Jahren ganz der Kleinkunst verschrieben hat. Mit seinem „Lied für die Mehrheit“ spricht er den Zuschauern aus dem Herzen – nicht jeder kann (oder will) ein Superstar sein. Authentisch, menschlich und witzig – ein Wunder, dass man vom „Jungen mit der Harmonika“ (so heißt sein Debütprogramm) bisher so wenig gehört hat.

Ziemlich reifer „Nachwuchs“

„Überstunden“, das erste gemeinsame Kabarettprogramm von Christine Eixenberger und Tobias Öller, konnte man hingegen schon im Regensburger Turmtheater bestaunen. Behände wechseln die Oberbayern Dialekte, Charaktere und Temperamente, schlüpfen in fliegendem Wechsel in die skurrilen Figuren, die die Bühne einer VHS-Podiumsdiskussion zum Thema Bildungspolitik bevölkern: vom angetrunkenen Ex-CSU-MdL Franz Pettenkofer über den Bürgermeister, der wie ein Roboter auf Stand-by aufs Stichwort Floskeln absondert, bis zur rheinischen Quasselstrippe von der VHS. Und doch: Das Thema Bildungspolitik ist für eine 20-minütige Performance dann vielleicht doch etwas zu schwer und komplex.

Creme Bavarese kommen ebenfalls aus Oberbayern und machen mit ihrem Programm „Organisiertes Versprechen“ politisches Musik- und Nummernkabarett. Dass sie Witze über die FDP machen müssen, dafür können sie nichts: „Ihr habt sie ja gewählt!“ Sebastian Schlagenhaufer gibt den eifernden Raucher, der klarmacht, was die Tabaksteuer in diesem Land alles bezahlt. Als Leopardenfellmantel tragender Künstlermanager referiert er über die Marktfähigkeit der Marke „Hitler“. Alles nicht übel, aber die beiden Kabarettisten könnten ruhig etwas mehr aus sich herausgehen.

Der 19-jährige Niederbayer Martin Frank, der sich am Ende mit den beiden oberbayerischen Kabarettduos den mit jeweils 250 Euro dotierten 3.Platz teilte, kommt mit hängenden Schultern und unterbelichtetem Schafsblick auf die Bühne. Angereichert mit eigenartigen Kieksern berichtet der Landwirtssohn vom Leben auf dem Lande. Papa hat sich einen Harem zugelegt, Onkel Helmut pieselt wegen eines Hüftleidens beständig daneben. Im Fäkalbereich bleibt Frank auch in seiner Rolle als Babysitter, der mit den Ausscheidungen des kleinen Jonas zu kämpfen hat. Um es mit den Worten des Künstlers zu sagen: „I bin halt no a bissl kindisch.“

Alles in allem war die „Nacht der Sieger“ wieder die perfekte Gelegenheit, sich einen Eindruck von Nachwuchskabarettisten zu machen, die dieser Kategorie eigentlich längst entwachsen sind. Letztlich konnten wohl jene Künstler am meisten überzeugen, die es schafften, 20 Minuten aus ihrem abendfüllenden Programm herauszulösen, ohne dass es zu Reibungsverlusten kam. Unterschiedslos bedankte sich das engagierte Publikum bei allen mit einem riesigen Applaus.

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