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Moderne Romantik mit Gefühl und Verstand

Komponist Hans Martin Gräbner hat teils bekannte Gedichte neu vertont. Gesungen werden die neuen Lieder von Gesche Geier.
Von Gerhard Dietel, MZ

„Solange Du lebest, ist es Tag“ mit Liedern von Hans Martin Gräbner, gesungen von Gesche Geier, ist bei TYXart erschienen
„Solange Du lebest, ist es Tag“ mit Liedern von Hans Martin Gräbner, gesungen von Gesche Geier, ist bei TYXart erschienen Foto: TYXart

Regensburg.Joseph von Eichendorffs „Mondnacht“: Hat sie nicht in der Vertonung Robert Schumanns ihre unübertreffliche, letztgültige musikalische Fassung gefunden? Es gehört einiger Mut dazu, sich neuerlich an diese Dichtung zu wagen – so wie es der Komponist Hans Martin Gräbner in seinem Liederzyklus „Solang Du lebest, ist es Tag“ unternimmt. Goethe und Mörike, Hebbel und Storm sind die weiteren hier mit recht bekannten Versen vertretenen Dichter, wobei die Textauswahl sich zum Streifzug durch die Folge der Jahreszeiten fügt.

Sentimentalisch, nicht sentimental

Warum sollten die altvertrauten Texte des 19. Jahrhunderts nicht eine musikalische Neufassung zu Beginn des 21. erfahren? Das fragte sich Hans Martin Gräbner und gab ihnen eine Klanggestalt, für die man wohl am besten den Begriff „modern informierte Romantik“ erfindet. Gräbners Liedkunst ist im Sinne Schillers nicht „naiv“, sondern „sentimentalisch“, was nun gerade das Gegenteil von „sentimental“ bedeutet: nicht unmittelbarer Herzenserguss, sondern durch den Verstand kontrolliertes und aus der Distanz wiedergegebenes Gefühl. Der Komponist am Klavier und die von ihrer Tätigkeit am Regensburger Theater ebenfalls bestens bekannte Sopranistin Gesche Geier reflektieren mit ihren Interpretationen den Stimmungsgehalt der einzelnen Dichtungen und wecken bei aller Eigenständigkeit der Neuvertonungen doch immer wieder Assoziationen: wenn Theodor Storms „Trost“ an den Überschwang eines Richard Strauss erinnert, Goethes „Mailied“ anfangs volkstonhafte Züge entwickelt, aber auch Hugo Wolfs vergrübeltere Liedpoetik oder Alban Bergs Übergang zur Moderne Pate gestanden zu haben scheinen.

Gedankenlyrik dreier Freimaurer

Üppig und ausladend können die Vertonungen wirken, mit einem orchestral geweiteten Klavierpart, während Gesche Geier bravourös ihren anspruchsvollen Sopranpart mit weitem Ambitus und unerwarteten Intervallsprüngen gestaltet. Daneben stehen verhaltenere Nummern, die in ganz sparsamen Linien gezeichnet sind. Hier vor allem stellt sich romantische Atmosphäre ein, etwa in Mörikes „Um Mitternacht“ oder dessen nebelverhangen beginnendem „Septembermorgen“.

Textlich ganz andere Quellen, doch eine verwandte Klangsprache weisen die übrigen „Neuen Lieder nach alten Dichtungen“ auf, die Gesche Geier und der Komponist Hans Martin Gräbner am Flügel auf der vorliegenden CD eingespielt haben: Die „Drei Sonette nach Petrarcas’ Canzionere‘“ und die „Drei mal drei Lieder“, die 2011 für eine Bremer Freimaurerloge komponiert wurden. Hier vertonte Hans Martin Gräbner Gedankenlyrik dreier Autoren, die selbst aktive Freimaurer waren: Kurt Tucholsky, Heinrich Heine und Johann Wolfgang von Goethe.

„Solang Du lebest, ist es Tag. New Songs from old poetry. Lieder von Hans Martin Gräbner“; Gesche Geier (Sopran), Hans Martin Gräbner (Klavier). TYXart 2015

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