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Schauspiel

Modernen Großstadtroman adaptiert

Spannende Frage im Theater am Bismarckplatz: Taugt Alfred Döblins Roman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“ für die Bühne?
Von Ulrich Kelber, MZ

Kämpferische Pose: Der Erlanger Patrick O. Beck ist in Hannes Weilers Bühnenversion der vom Schicksal gebeutelte Patriarch Wadzek.     Foto: Martin Kaufhold
Kämpferische Pose: Der Erlanger Patrick O. Beck ist in Hannes Weilers Bühnenversion der vom Schicksal gebeutelte Patriarch Wadzek. Foto: Martin Kaufhold

Regensburg.Das klingt brandaktuell: Traditionsreiche Firma hat den technologischen Fortschritt verschlafen. Die „feindliche Übernahme“ durch den erfolgreicheren und skrupelloseren Konkurrenten steht bevor. Der Fabrikbesitzer, ein Patriarch von altem Schrot und Korn, wehrt sich verzweifelt, um den Untergang seines Lebenswerks zu verhindern.

Das ist die Ausgangssituation in Alfred Döblins Roman „Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine“. Er schrieb ihn in den ersten Kriegsmonaten 1914, als er Dienst als Militärarzt leistete. Doch als Buch veröffentlicht wurde der Roman erst 1918. „Wadzek“ gilt als Typ des modernen Großstadtromans und als Vorläufer von „Berlin Alexanderplatz“, mit dem der Autor dann 1929 seinen größten Erfolg erzielen sollte.

Das Thema aus den Augen verloren

Die Geschichte von Franz Biberkopf, dem es die Umstände unmöglich machen, ein guter Mensch zu sein, ist vom Stoff her sehr viel packender und im Textaufbau wesentlich stringenter als der Fall Wadzek. Hier scheint Döblin das ursprüngliche Thema – er wollte noch den „Ölmotor“ als nächsten industriellen Entwicklungssprung ansprechen – irgendwann aus den Augen verloren zu haben. Der Nervenarzt gewinnt beim Schreiben die Oberhand. Es geht nun um Menschen in psychischen Ausnahmesituationen.

Wadzeks Verhalten nimmt paranoide, wahnhafte Züge an. Weil er einen Brief gefälscht hat, um der Schuldenfalle zu entkommen, fürchtet er die Verhaftung. Mit Frau, Tochter und einem Gefährten namens Schneemann verschanzt er sich in einem Haus in Reinickendorf, das er zur Festung ausbaut. Diese manische Phase endet abrupt, als Wadzek bei der Polizei erfährt, dass es weder Haftbefehl noch Ermittlungen gibt. Er fällt nun in eine tiefe Depression. Frau und Tochter begehren auf, die Familie zerbricht.

Nach dem Niedergang ein kleiner Triumph

Am Schluss ein Hoffnungsschimmer: Spontan beschließt Wadzek, Berlin zu verlassen und nach Amerika zu gehen (das später auch für Döblin selbst bei seiner Flucht vor den Nazis zum Zufluchtsort werden sollte). Begleitet wird er von der gutherzigen und fürsorglichen Gaby, der Mätresse des Kontrahenten Rommel. Hat dieser Wadzek um seine Fabrik gebracht, muss er nun den Verlust der Geliebten verkraften. Ein kleiner Triumph nach all dem Niedergang.

Ausgerechnet dieser wenig beachtete Döblin-Roman, der 1918 nicht über die Erstauflage hinauskam und von dem erst 1987 eine Neuausgabe erschien, hat Regisseur Hannes Weiler so begeistert, dass er davon eine Bühnenfassung geschaffen hat, die am 2. Juni im Regensburger Theater ihre Uraufführung erlebt. Das ist mutig, weil andere Bühnen – wie im vergangenen Jahr das Deutsche Theater Berlin – sich lieber publikumswirksam auf „Berlin Alexanderplatz“ kaprizieren.

“Romane reizen mich mehr als Stücke“

Weiler schwärmt bei „Wadzek“ von einem „extrem tollen“ Buch und bekennt: „Ganz grundsätzlich reizen mich Romane mehr als Stücke.“ Er mag nicht, wenn die „Dialoge vorgegeben sind“, sondern bevorzugt es, „selber gucken zu können, in welche Richtung man eine Geschichte treibt“. Weiler hat schon häufig Prosa-Texte fürs Theater bearbeitet, darunter Stendhals „Rot und Schwarz“, Kafkas „Amerika“ oder E.T.A. Hoffmanns „Elixiere des Teufels“.

Angetan vom Anarchistischen

Das „Anarchistische“ bei „Wadzek“ hat es Bearbeiter Hannes Weiler besonders angetan. Schön findet er auch, dass der Text „in unterschiedliche Lebensbereiche hineingeht“, dass die Arbeitswelt vorkommt, aber auch das Familiäre eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Man könne Döblins Beschreibungen folgen: „Wie ist der Mensch, wie funktioniert er?“

Bei der Umsetzung auf der Bühne will Weiler den Zeitrahmen offensichtlich eher diffus lassen: „Es ist kein historisches Setting, obwohl es historische Bezüge gibt.“ Es wird auch nicht allzu tragisch und traurig zugehen, denn bei Döblin kommen die grotesken und skurrilen Elemente nicht zu kurz. Die Frage „Wie stellt man’s dar?“ hat Weiler ganz klar gelöst: „Wir entscheiden uns für das, was Spaß macht.“

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