MyMz

Bücher

Mord am Vorabend von Tschernobyl

Leidende Ermittler gibt es in Romanen oft. Doch Heller wird im neuen Roman von Ulrich Effenhauser besonders übel mitgespielt.
Von Katharina Kellner, MZ

Ulrich Effenhauser bei einer Lesung: Der Oberpfälzer Autor hat seinen zweiten Heller-Krimi geschrieben.
Ulrich Effenhauser bei einer Lesung: Der Oberpfälzer Autor hat seinen zweiten Heller-Krimi geschrieben. Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Die Orte waren für Autor Ulrich Effenhauser ganz zu Anfang da: Tschernobyl und Mexiko-City, verbunden in einer Geschichte. Ausgangspunkt ist ein Mord im Jahr 1985: Am Vorabend der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl wird ein ukrainischer Kernphysiker erschossen, in Mexiko. Dass dieser Bogen zwischen den geographischen Fixpunkten gewagt ist, räumt der Autor ein. Dies macht für ihn den Reiz erdachter Geschichten aus: „Da zeigt die Literatur, was sie alles kann, zu realistisch finde ich es immer ein wenig langweilig.“

Effenhauser hält es mit Karl May: Er holt sich die Welt in all ihrer Fülle in sein Arbeitszimmer - und in all ihrer Komplexität. Und spinnt, wie auch bei seinem ersten Heller-Roman „Alias Toller“, aus einem brisanten zeitgeschichtlichen Stoff einen gleichermaßen vielschichtigen wie spannend zu lesenden Krimi, der auf mehreren zeitlichen Ebenen spielt.

Keine frischen Hemden im Koffer

Diesmal hetzt der Fall den BKA-Mann Heller nur so um den Globus: Von New York nach Mexiko, Kiew, Tschernobyl über München zurück nach Amerika. Ein schneller Ermittlungserfolg ist ihm nicht vergönnt, weil er sich nicht mit einer einfachen Lösung zufrieden gibt. Am Ende hat er weder frische Hemden im Koffer noch Illusionen im Kopf. Heller dringt in immer tiefere Dimensionen des Verbrechens vor, wird von seinen Gegnern an der Nase herumgeführt, ausgespäht und beinahe erschossen. Und wie in „Alias Toller“ ist es auch mit der Liebe kompliziert.

Von Beginn an ist der deutsche Kommissar Heller verwickelt in die Ermittlungen seines mexikanischen Kollegen Valverde in Mexiko-City. Hier entwickelt sich das zeitgeschichtliche Ereignis, das die realistische Folie bildet für Hellers Nachforschungen. Ein furchtbares Erdbeben verwüstet im November 1985 die Stadt: Eingestürzte Häuser, verschüttete Menschen, Straßen voller Trümmer und Leichen, Helfer mit Mundschutz und Cola-Flaschen. Besonderes Unheil verkündet die Schilderung von Hellers Besuch der imposanten Ruinenstätte von Tula, dem möglichen Tatort. Die kriegerische Bildsprache dieses kulturellen Zentrums der Tolteken – „Jaguare und Kojoten mit übergroßen Zähnen; Adler, die Herzen auffressen; und immer wieder eine gefiederte Schlange, mit gespaltener Zunge, ein Wesen von zweierlei Gestalt, Leben und Tod“ – wirft schon zu Beginn einen dunklen Schatten auf Hellers Fall.

Ermittlungen in der Geisterstadt

Die Identität des Toten verweist auf Effenhausers zweiten Ort: Tschernobyl. Und auf die Frontlinien des Kalten Krieges, das nukleare Wettrüsten und blinde Technikgläubigkeit. Das Mordopfer hatte an der Seite von Andrei Sacharow, dem „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“ und späteren Dissidenten und Menschenrechtler, am sowjetischen Atomprogramm gearbeitet.

Krimi-Autor Ulrich Effenhauser
Krimi-Autor Ulrich Effenhauser Foto: MZ-Archiv

Effenhauser setzt seinen Ermittler nach einem Zeitsprung erneut auf die Spur des Falles. Es ist das Jahr 1992, im Kino laufen „Alien 3“ und „Body Guard“ mit Whitney Houston und Kevin Costner. Der in Tschernobyl explodierte Reaktor ist beinahe schon wieder Geschichte. Der Ostblock ist zusammengebrochen. Und Heller ist privat arg vom Schicksal gebeutelt. Da fährt er nach Kiew, wo er Elena findet, die ukrainische Übersetzerin, die ihm zur Verbündeten wird. Mit ihr macht er sich auf den Weg in die Sperrzone um den havarierten Reaktor. In eindrucksvollen, kameraartigen Einstellungen schildert der Autor die Atmosphäre in der Geisterstadt Prypjat: Häuserruinen, ein verrostender Fuhrpark vor dem Reaktor, ein Rudel mutierter Wölfe und eine lebensmüde Ärztin, die es auf Hellers Waffe abgesehen hat. Sie gehört zu den „dushmany“, den „Gespenster“ genannten Bewohnern der Sperrzone, die offiziell nicht existieren.

Formal unterscheidet sich der zweite Heller-Krimi von seinem Vorgänger. Denn Heller erzählt die Geschichte seiner Ermittlungen aus der Rückschau. Adressat seines Berichts ist sein Nachfolger im Dezernat. Heller schildert seine subjektiven Eindrücke, konstatiert recht schonungslos seine Pannen und Fehleinschätzungen und verschweigt auch Persönliches nicht.

Ulrich Effenhauser

  • Der Autor:

    Ulrich Effenhauser, geboren 1975, wuchs in Pirkensee bei Burglengenfeld (Landkreis Schwandorf) auf, in unmittelbarer Nähe von Wackersdorf. Der Widerstand gegen die WAA und die Diskussion um Atomkraft interessierten und prägten ihn. Effenhauser hat in Regensburg Geschichte und Deutsch für Lehramt studiert und unterrichtet am Gymnasium Bad Kötzting.

  • Die Bücher:

    Für seine Kurzgeschichten wurde Effenhauser mehrfach ausgezeichnet. 2015 gewann er den renommierten Irseer Pegasus. Mit seinem ersten Heller-Roman „Alias Toller“ (2015) wurde er für den Friedrich-Glauser-Preis 2016 nominiert. Der zweite Heller-Krimi von Ulrich Effenhauser („Brand“) ist im Transit-Verlag Berlin 2016 erschienen. Er hat 137 Seiten. Preis: 17,80 Euro.

„Brand“ schwelgt nicht wie der erste Heller-Krimi im Zeit- und Lokalkolorit. Diesen erzeugte der Autor in „Alias Toller“ durch Episoden wie der von Hellers Besuch der Autorenlesung in der Regensburger Altstadt und durch die vertrauten Wortgefechte Hellers mit seiner Co-Ermittlerin Charlotte. In „Brand“ liegt der Fokus auf dem Fall selbst. Dies macht den Krimi sehr kompakt (Regensburg ist kurz Schauplatz). Das rückblickende Erzählen erlaubt es, die verschiedenen zeitlichen Ebenen in die Handlung zu bringen. Effenhauser macht damit überzeugend glaubhaft, dass Heller sich im Jahr 2013 ein drittes Mal in den Fall verbeißt – zwischenzeitlich hat der US-Agent Edward Snowden die Spionagepraktiken des US-Geheimdienstes enthüllt. Die Anbindung der Geschichte an die Gegenwart erweitert den Kreis der Verdächtigen und steigert damit die Spannung beträchtlich – am Ende des Buches steht ein wirkungsvoller Cliffhanger, der den Leser neugierig auf einen weiteren Heller-Band macht: Als der Bericht schließt, ist Heller schon wieder weg – entschwunden an einen unbekannten Ort, weiter auf der Jagd. Dem sonst so rationalen Ermittler geht es nicht mehr um bloße Gerechtigkeit. Der Fall ist längst eine persönliche Angelegenheit zwischen ihm und den Tätern.

Ein erschütternder Thriller

„Brand“ ist wie „Alias Toller“ ein lesenswerter, aktueller zeitgeschichtlicher Roman, der den Blick öffnet vom lokalen Mordfall zur großen Verschwörung. Effenhauser ist ein erschütternder politischer Thriller gelungen, der einen anregt, mehr zu lesen – über das bizarre Muskelspiel mit Nuklearwaffen oder die überdimensionale „Zar-Bombe“, die 1961 von den Sowjets über einer Insel in der Arktis abgeworfen wurde und die stärkste Explosion der Menschheitsgeschichte verursachte. Oder über das Schicksal der Liquidatoren, die nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl die strahlenden Trümmer mit bloßen Händen wegräumten – um dann, mit ein paar Orden abgefertigt und gänzlich vergessen, jämmerlich an der Strahlenkrankheit zugrunde zu gehen.

Ausschnitt vom Cover des neuen Buchs
Ausschnitt vom Cover des neuen Buchs Foto: Transit Verlag

Was Tschernobyl bedeutet, fasst der Bruder des Ermordeten in apokalyptische Worte – er zitiert das letzte Buch des Neuen Testaments, die Offenbarung des Johannes: „Und es fiel ein großer Stern vom Himmel, und er brannte wie eine Fackel und fiel auf das dritte Teil der Flüsse und Quellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut, und das dritte Teil des Wassers war bitter wie Wermut, und viele Menschen starben von dem Wasser, … und der Wermut heißt in unserer Sprache Tschernobylnik, und er hat verwüstet dieses gute Land auf alle Zeiten.“

Weitere Beiträge aus der Kultur lesen Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht