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Angeschaut

Morden reimt sich auf Sorgen

Der neue Franken-Tatort, ein melancholisches Schauermärchen, verzichtet auf eine Überdosis aus der TV-Trickkiste.
Von Nikolas Pelke, MZ

WÜRZBURG.Liebe und Trauer, Glück und Tod sind Nachbarn in der Würzburger Anatomie in der Köllikerstraße, die nach dem Begründer des modernen Anatomie-Instituts benannt ist. Schaudernd sehen wir einem jungen Doktoranden (Nils Strunk) zu Beginn des zweiten Franken-Tatort „Das Recht, sich zu sorgen“ dabei zu, wie er Knochen gleich einem Puzzlespiel zusammensetzt. An den gegenüberliegenden Steilhängen wächst der Wein, an den nahen Mainufern blüht das Leben. In den Kellern der Anatomie warten dagegen die Toten in ihren Badewannen auf die Seziermesser.

E.T.A. Hoffmann hätte diese unheimliche Szene sicher geliebt. Der dichtende Romantiker hätte den Schädel, den der Doktorand nun kritisch beäugend in Händen hält, wohl als gruseligen Kerzenschirm zum Leuchten gebracht. Zwischen Hoffmann und dem Begründer der modernen Anatomie, Albert von Kölliker, liegt nur ein Katzensprung der Geschichte. Kölliker war fünf Jahre alt, als E.T.A. Hoffmann starb. Während der Dichter im nahen Bamberg für das Unheimliche schwärmte, setzte der moderne Anatom mit kühlem Kopf ein paar Jahre später in Würzburg das Messer an. Genau in diesen Zwiespalt zwischen Aufklärung und Romantik, Verstand und Gefühl entführen uns die ersten Bilder des neuen Tatort aus Franken, der in der Anatomie in der Köllikerstraße in Würzburg mit Schaudern im Neonlicht beginnt.

Der Schädel passt nicht zur Leiche

Zu Beginn des Tatort ist von E.T.A. freilich noch nichts zu sehen. Aber schon in der nächsten Einstellung, kann man den romantischen Dichter erahnen, wenn die Kamera über einen Wald fliegt und den beiden Hauptkommissaren Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) zu einem verwitterten Gasthof ins modrige Unterholz folgt. Wie ein wildes Tier kauert ein Mann mit geschultertem Gewehr im Dickicht. Mit seinem verschmierten Gesicht über der Grasnarbe hockend gehört er nur noch halb zum Reich der Lebenden. Erst viel später wird der Kommissar das Buch von E.T.A. Hoffmann hinter der Windschutzscheibe entdecken und stumm den Titel lesen: Lebens-Ansichten des Katers Murr.

Derweil schickt Regisseur Andreas Senn die Zuschauer zurück aus dem Wald in die Anatomie. Kühl und elegant streift Magdalena Mittlich (großartig: Sibylle Canonica) durch die Gänge. Die Leiterin der Anatomie sieht nach dem Rechten. Wie es der Teufel will, läuft sie dem Studenten mit dem Schädel in die Arme. „Hier ist etwas falsch. Die Kalotte passt nicht zum Rest des Skeletts“, sagt der. „Kann nicht sein“, sagt die Chefin und schnappt sich den Schädel, der schon bald zum Corpus Delicti wird. Noch hält die Professorin ihre schützende Hand über den knöchernen Gehirnmantel. Denn heikel ist das schon, wenn plötzlich so ein falscher Schädel auftaucht mitten in der Anatomie. Alarmglocken und alles. Also greift die Professorin, die weiße Kittel wie hochgeschlossene Kostüme von Dior trägt, zum Telefon. Am anderen Ende hebt der Nürnberger Polizeipräsident ab. Man kennt sich, man hilft sich. Mirko Kaiser (Stefan Merki) schickt seine Leute undercover nach Würzburg.

Impressionen zu den Dreharbeiten zum neuen Franken-Tatort erhalten Sie in unserer Bildergalerie:

Dreharbeiten für den zweiten Franken-"Tatort"

Denn wenn das stimmt, dass der Schädel nicht zum Rest der Leiche passt, dann kann es schnell zappenduster werden in der Köllikerstraße. Denn in der Anatomie tun sie alles, um die Körperspender bei Laune zu halten. Selbst nach dem Tod. Da gibt es sogar Beerdigungen und Anteilnahme und alles. Davon bekommt der Zuschauer aber nicht viel mit, weil er zuschauen muss, wie die Kommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) mit dem Doktoranden aus der Anatomie rumturtelt. Später knutschen sie sogar im Weinberg.

Derweil wird die Wirtin tot in der guten Stube des Gasthauses im Wald gefunden. Wobei – so gut ist die Stube auch nicht mehr gewesen. Denn ohne Säufer ist es schnell vorbei mit lustig im Gasthaus, kombiniert Voss alias Hinrichs. Derweil schwärmt Kollegin Ringelhahn von der fränkischen Landschaft. Je schöner die Gegend, desto weniger Verbrechen, philosophiert sie. Da hat sich die Kommissarin aber geschnitten. Denn vor dem Polizeipräsidium schlägt jetzt auch noch eine Mutter auf, die ihren Sohn vermisst. Bei der Polizei halten sie die Frau für eine Verrückte. Nur Ringelhahn hat Antennen für ihre Sorgen.

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Im Wald haben Michael Schatz (Matthias Egersdörfer) und Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schadt) den Täter aus dem Unterholz schon im Visier. Nach der Arbeit wird Schnaps getrunken. Der Fall scheint geritzt. Nur in der Anatomie sorgt der falsche Schädel noch für Kopfschmerzen. Zu allem Überfluss turnt ein kleines Mädchen in roten Gummistiefeln zwischen den Wannenbädern mit den Körperspenden herum. Die Mutter ist aus Polen und Putzfrau in dem Institut. Die Reinigungskraft ist total beliebt. Denn – welcher Student macht schon gerne selber seinen Dreck weg? Je tiefer die Ermittler eintauchen in die Abgründe, Sehnsüchte und Gefühle der Menschen, desto näher kommen sie der Lösung der drei Fälle. Die hängen natürlich alle irgendwie miteinander zusammen. Also mehr seelisch, versteht sich.

Die Franken sind eben Romantiker

Der Zuschauer verliert zwischen Anatomie, Wirtshaus und Polizei-Protestcamp gelegentlich die Orientierung. Die Melancholie und die Sehnsucht nach dem Guten halten ihn aber zwischen all dem Schrecken auf Kurs. Auf halsbrecherische Verfolgungsjagden und wilde Schießereien verzichtet der neue Tatort aus Franken. Gerade deswegen lohnt es sich, wach zu bleiben. Es sind die kleinen Gesten, die wichtig sind. Wenn Voss verträumt Hoffmanns Kater Murr streichelt. Wenn Ringelhahn sich als Einzige umdreht in einer Welt, in der sich alle daran gewöhnt haben, wegzuschauen. Dass eine polnische Putzfrau (beeindruckend: Karolina Lodyga) den stärksten Auftritt in diesem melancholischen Schauermärchen hat, ist daher nur folgerichtig. Um diese Seelenstürme miterleben zu können, verzichtet der Zuschauer gerne auf die üblichen Überdosen aus der Fernsehtrickkiste. Krimi funktioniert in Franken auch ohne Action. Die Franken sind eben Romantiker. Hier wird einem das Herz schon schwer, wenn die schöne kleine heile Welt zerbricht. Wenn Gasthäuser sterben, wenn Familien zerreißen. Wenn aus dem Recht sich zu sorgen, der Wunsch zu töten wird.

Hier sehen Sie die Tatort-Ermittlerteams:

Die "Tatort" Ermittler-Teams

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