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Kino

Moritz Bleibtreu auf Sinnsuche im Wald

Der Schauspieler brilliert in „Die dunkle Seite des Mondes“. So komplex wie Suters Romanvorlage ist der Film aber nicht.
Von Fred Filkorn, MZ

  • Moritz Bleibtrau spielt Urs Blank in „Die dunkle Seite des Mondes“: In einer Krise sucht der Geschäftsmann Sinn in den mythenbeladenen Wäldern des Taunus. Foto: Felix Cramer/AlamodeFilm
  • Moritz Bleibtrau spielt Urs Blank in „Die dunkle Seite des Mondes“: Den Geschäftsmann hat ein Suizid aus dem Tritt gebracht. Foto: Felix Cramer/AlamodeFilm
  • Moritz Bleibtreu stellt als Urs Blank sein Leben in Frage. Foto: Felix Cramer/AlamodeFilm

Regensburg.„Die dunkle Seite des Mondes“ kommt dem geneigten Rockmusikhörer vertraut vor. Der Erfolgsroman des Schweizer Schriftstellers Martin Suter aus dem Jahre 2000 ist eine literarische Replik auf Pink Floyds wegweisendes Konzeptalbum „Dark Side of the Moon“. Diese Verbindung stellt der Rosenheimer Regisseur Stephan Rick in seinem Kinodebüt auch optisch heraus: Das schwarze T-Shirt der hübschen Verführerin Lucille, die im Film von Nora von Waldstetten dargestellt wird, ziert ein Prisma, das einen Lichtstrahl in seine vielfarbigen Bestandteile zerlegt.

Die Coverart von „Dark Side of the Moon“ ist in die Ikonographie der Popgeschichte eingegangen. „Das Album ist bis heute eines meiner liebsten“, bekennt Suter im Interview, „die Musik war zu ihrer Zeit eine treue Tripbegleiterin in der Szene.“ Ende der 1960er Jahre war der heute 67-jährige Züricher im besten Hippiealter.

Ein Suizid bringt den Geschäftsmann aus dem Tritt

Auf einen Trip mit psilocybinhaltigen Pilzen begibt sich auch sein Protagonist Urs Blank. Der Experte für Unternehmensfusionen (im Film: Moritz Bleibtreu) ist nach dem spektakulären Selbstmord eines übervorteilten Geschäftspartners aus dem Tritt geraten. Es schwant dem wohlsituierten Mittdreißiger, dass „Money“, wie von Pink Floyd mit kritischem Unterton besungen, nicht alles im Leben ist. Doch die zusammen mit Lucille angetretene Drogenreise bringt in dem renommierten Wirtschaftsanwalt eine äußerst unangenehme Seite zum Vorschein.

Mit abrupten Wandlungen, die Urs Blank vom zivilisierten Dr. Jekyll zum berserkerhaften Mr. Hyde transformieren, beweist Bleibtreu ein weiteres Mal, warum er derzeit zu den besten deutschen Schauspielern zählt. Einen ähnlich furiosen „Zwei Seelen in einer Brust“-Auftritt hat sein Kumpel Jürgen Vogel in Maximilian Erlenweins sehenswertem Psychothriller „Stereo“. Hier spielt Bleibtreu das abgründige Alter Ego von Vogel.

Im Taunus auf dder Suche nach einem Gegengift

Die Erlösung von seiner Seelenpein sucht Blank im mythenbeladenen deutschen Wald. Regisseur Rick inszeniert ihn als naturbeseeltes Gegenbild zur artifiziellen Glasfassaden-Scheinwelt der Frankfurter Hochfinanz. Der Wald bietet Geborgenheit, in ihm lauern aber auch Gefahren. In Form von großformatigen Fotografien dringt er gar in die durchgestylte, kunstbeflissene Upper-Class-Welt von Blank und seiner Frau, der Galeristin Evelyne (Doris Schretzmeyer) ein.

Lesung, Gespräch und Party

  • Die Lesung:

    In „Die dunkle Seite des Mondes“ spielen Halluzinogene eine zentrale Rolle. Das Ostentor-Kino präsentiert zum Filmstart eine Lesung: Paul-Philipp Hanske und Benedikt Sarreiter stellen ihr Buch „Neues von der anderen Seite. Die Wiederentdeckung des Psychedelischen“ vor: am Freitag, 15. Januar, 21.15 Uhr im Ostentor-Kino. Karten gibt es im Vorverkauf im Ostentor-Kino und in der Kinokneipe (Adolf-Schmetzer-Straße) und bei Bücher Pustet (Gesandtenstraße). Es gelten die üblichen Kinopreise.

  • Das Buch:

    Die gerade erschienene Publikation handelt von der „Wiederentdeckung des Psychedelischen“; Autoren sind Paul-Philipp Hanske – gebürtiger Regensburger und Sohn des Fotojournalisten Horst Hanske – und Benedikt Sarreiter. Das Buch ist in der edition suhrkamp erschienen (327 Seiten).

  • Das Gespräch:

    Paul-Philipp Hanske ist derzeit auf Lesereise. Nach Berlin und München und vor Wien stellt er jetzt sein Buch in Regensburg vor. In einem Gespräch im Anschluss steht er Rede und Antwort. Es liest André Ehmann, die Moderation übernimmt Christian Sailer. Nach der Diskussion ist in der Kinokneipe gleich hinter der Leinwand eine Party geplant, bei der die DJs Freisler, Ehneß und Reuter themennahe Musik und Platten aus dem psychedelischen Umfeld auflegen.

  • Sonderveranstaltungen:

    Ostentor-Kino und Kinokneipe sind seit Januar in neuer Hand. Die Lesung ist ein erstes Glanzlicht aus der Rubrik „Sonderprogramm“, mit der die Macher um Dr. Medard Kammermeier den Schwerpunkt „Festivalkino“ (mit Kurzfilmwoche, Heimspiel-Reihe etc.) ergänzen werden, alle Details unter: www.ostentorkino.de

Auf der Suche nach einem Gegengift wandelt Blank durch den bunten Blätterwald des Taunus’. Beim Baden im pittoresken Wasserfallbassin ist der Entfremdete im Einklang mit der Natur. Reh, Hirsch und Wolf schälen sich aus wabernden Nebelschwaden des Novemberwaldes heraus und erscheinen als Abgesandte einer jenseitigen Welt. Ein schwarzer Wildhund mit leuchtend roten Augen führt Blank zu den Auslösern seiner Psychose.

Prochnow als eiskalter Geschäftsmann

Ein Raubtier in Menschengestalt ist der einflussreiche Großaktionär Pius Ott (Jürgen Prochnow). Der eiskalte Geschäftsmann geht für Wertsteigerungen durch Firmenfusionen über Leichen. Er wirkt wie ein Wiedergänger des diabolischen Baron Lefuet, der Timm Thaler das Lächeln raubte. Ein bahnbrechendes Medikament für Multiple Sklerose soll auf den Markt, nur leider ist es mit tödlichen Nebenwirkungen behaftet. Der geläuterte Blank möchte aus dem Spiel aussteigen, weiß aber zuviel.

Moritz Bleitreu und Nora von Waldstätten in einer Szene von „Die dunkle Seite des Mondes“: Der Film kommt am 14. Januar ins Kino.
Moritz Bleitreu und Nora von Waldstätten in einer Szene von „Die dunkle Seite des Mondes“: Der Film kommt am 14. Januar ins Kino. Foto: Etienne Braun/AlamodeFilm

Auch wenn die Verfilmung stimmig zwischen menschlichem Drama und spannendem Pharma-Thriller oszilliert, bringt er doch nicht die Komplexität der Buchvorlage auf, die sowohl in Charakterzeichnung wie Handlung wesentlich vielschichtiger daherkommt. Zuschauer, die den Roman kennen, dürften daher eher enttäuscht sein. Ein Grund für die Vereinfachung könnte das begrenzte Budget sein, das dem Regisseur zur Verfügung stand. Doch trotz aller Abstriche ist diese mittlerweile siebte Verfilmung eines Suter-Romans sicherlich nicht die schlechteste. Und wann hat man schon einmal die Gelegenheit, die beiden großartigen Schauspieler Moritz Bleibtreu und Jürgen Prochnow Seite an Seite zu sehen?

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