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Album

Morrissey und die falschen Außenseiter

Der britische Sänger legt auf „Low in a High School“ keine Altersmilde an den Tag, sondern eher Altherren-Starrsinn.
Von Oliver Beckhoff, dpa

Morrissey lädt zur Nabelschau. Foto: Ettore Ferrari/epa ansa/dpa
Morrissey lädt zur Nabelschau. Foto: Ettore Ferrari/epa ansa/dpa

Wer wie Morrissey mit den Smiths Musikgeschichte geschrieben hat, muss sich schon ins Zeug legen, um sein Denkmal ins Wanken zu bringen – er tut es. Mal lobt Morrissey den Brexit-Wegbereiter und Rechtspopulisten Nigel Farage, mal verteidigt er die französische Rechtsaußen Marine Le Pen, mal bezeichnet der militante Vegetarier den Amoklauf des Norwegers Breivik als „Nichts“ im Vergleich zum Betrieb von Fast-Food-Restaurants.

Am Freitag erschien Morrisseys elftes Studioalbum „Low in High School“ – und belehrt jeden eines besseren, der Altersmilde erwartet hatte. Produziert hat es Joe Chiccarelli, der schon für die White Stripes, Beck und Frank Zappa an den Reglern saß. Dass Morrissey sich auch mit 58 Jahren wenig darum schert, den Ton zu treffen, wird schnell klar. Morrissey, der als Frontmann der legendären Smiths schöner und trauriger über Sehnsucht, Außenseitertum, Liebe und Rebellion sang als irgendwer sonst, scheint ein „angry white man“ geworden zu sein – eine Spezies, die seit dem Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus ein Revival erlebt.

Die bösen Nachrichten

Er wettert gegen die „Propaganda“ der „Mainstream Medien“, trällert „Spent the day in bed“ und empfiehlt all seinen Freunden, keine Nachrichten zu schauen, weil die „News“ die Leute „ängstigen“ und „klein halten“ wollten. Dass nicht ganz klar ist, wann es sich um Koketterie handelt, um Überzeugung oder Exzentrik, ist Teil der Marke Morrissey. Was wie ein Bruch wirkt, ist eine Konstante: das Gefühl für Gruppen, die sich einem Zeitgeist entgegenstellen. Nur, dass diese Leute jetzt ganz anders aussehen und reden als in den Achtzigern – und wohl auch nie Platten von Morrissey oder den Smiths kaufen würden.

Low in High School ist als CD (ca. 15 Euro), LP (ca. 24 Euro), mp3 (ca. 10 Euro) bei Warner erschienen. Coverfoto: Warner
Low in High School ist als CD (ca. 15 Euro), LP (ca. 24 Euro), mp3 (ca. 10 Euro) bei Warner erschienen. Coverfoto: Warner

Eine weitere Parallele zum früheren Ich sind die Gefühlslandschaften, die Morrissey gut 30 Jahre nach Ende der Smiths auf „Low in a High School“ ausbreitet. Außenseitertum, unerfüllte Sehnsüchte, Skepsis gegenüber Autoritäten und ein gewisses Leiden am „Gesamtzustand“. Mit Weltschmerz ließe sich das allerdings nicht übersetzen, da der gealterte Morrissey vor allem die eigenen Qualen thematisiert.

Das gilt auch für die beschwingte Single „Spent the Day in Bed“: Es hat etwas Altherrenhaftes und erinnert ein an den reaktionären Ekel-Alfred aus „Ein Herz und eine Seele“, wenn sich Morrissey dafür lobt, morgens gleich im Bett geblieben zu sein.

„Gib mir einen Befehl und ich sprenge eine Grenze.“

Liedzeile aus „I bury the living“

Es wäre nicht Morrissey, würde er die selbstgesäten Zweifel an seinem Oeuvre nicht an anderer Stelle wieder zerstreuen. In der Antikriegs-Hymne „I bury the living“ führt er den inneren Monolog eines Soldaten. Den tendenziell eher pazifistischen Anhängern aus Smiths-Zeiten dürfte das Psychogramm zusagen: „Gib mir einen Befehl und ich sprenge eine Grenze, gib mir einen Befehl und ich sprenge deine Tochter“, singt er. Und: „Nenn mich mutig, nenn mich einen friedensstiftenden Helden. Nenn mich, wie du willst, nur nicht das, was ich bin.“

Zur Versöhnung Liebe

Auch die Widerstands-Hommage „The girl from Tel Aviv who wouldn’t kneel“ und die Liebeserklärung an „Israel“, die auch Kritik an der Regierung übt, wirkt wie ein Versöhnungsangebot. Szenarien eines Atomkriegs setzt er mit „All the young people must fall in love“ die Universalmedizin der Popkultur entgegen: Liebe.

Dass sein Gesang nach Jahrzehnten und einer 2014 diagnostizierten Krebserkrankung in guten Momenten an die herzzerreißende Stimmgewalt seines jungen Ich erinnert, dürfte für Fans des Briten ein Argument sein, das alle weiteren Fragen aussticht.

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