MyMz

Geschichte

Mundhöhle und Märchenschlösser

Autor Marcus Spangenberg erforschte die Zahngesundheit Ludwigs II – und stieß auf Erbarmungswürdiges.
von Peter Geiger, MZ

Autor Marcus Spangenberg Foto: Geiger
Autor Marcus Spangenberg Foto: Geiger

Regensburg.Nein, nackt war er nicht, Ludwig II., als er 1877 Verwandtschaftsbesuch auf Schloss Berg erhielt: Trotzdem muss er bei Cousine Sisi ein jammervolles Bild hinterlassen haben, der 32-jährige Märchen-Kini. Eines, das seinen Anspruch auf Souveränität und Gottesgnadentum gänzlich konterkarierte. Hingestreckt lag er da, auf der Chaiselounge, den Kopf eingehüllt in Binden und Bandagen. Hatte er 1864, bei seinem Amtsantritt, noch als einer der schönsten Monarchen seiner Zeit gegolten, so wirkte er nun „wie eine riesige weiße Eule“. Der König litt nämlich unter fürchterlichen Zahnschmerzen. Sodass ihm, den Geruch von Laudanum, Choroform, Nelken und Kampfer verströmend, auch gar nicht auffiel, wie fehlerhaft der andere Gast, die 19-jährige Marie Louise Elisabeth Freiin von Wallersee die ihm zu Ehren gesungene Lohengrin-Arie intonierte.

Der Regensburger Kunsthistoriker Marcus Spangenberg ist ein intimer Kenner des Exzentrikers und Träumers auf dem bayerischen Königsthron. In der kleinen Biographie „Ludwig II. – Der andere König“ (erschienen im Pustet-Verlag) hat er sich intensiv mit dem „Popstar“, dem „Wagner-Groupie“ und dem „Mad King“ auseinandergesetzt. Hier, bei der Eröffnung des „31. Oberpfälzer Zahnärztetags“ im Festsaal der Regierung der Oberpfalz, konzentriert sich Spangenberg auf die königliche Mundhöhle. Beziehungsweise: Auf die klaffende Lücke zwischen dem monarchischen Souveränitätsanspruch des Amtsträgers einerseits.

Und der traurigen Wirklichkeit dieses schmerzmittelabhängigen Dulders, dem es während seiner 22-jährigen Amtszeit nicht nur gelang, Luftschlösser Wirklichkeit werden zu lassen, sondern durch übermäßigen Süßigkeitenkonsum (das Wasser läuft einem im Mund zusammen, hört man von all den abendlich genossenen Biskuits, Pralinés und Rahmschneetörtchen!) den königlichen Body-Mass-Index in höchste Höhen zu treiben. Und sich dabei zugleich die Zähne komplett zu ruinieren. Als er starb, im Juni 1886, 41-jährig erst, da war sein Mund fast so leergeplündert wie die königlichen Kassen. Im Sektionsprotokoll wird der dentistische Befund wie folgt beschrieben: „Der Oberkiefer fast zahnlos, mit einer Zahnpièce versehen, im Unterkiefer noch eine Anzahl lose sitzender Zähne (vier Schneide- und zwei Eckzähne)“. Das Foto dieses Zahnabdrucks, das nicht veröffentlicht werden darf und das Marcus Spangenberg hier erst zum zweiten Mal einem Publikum zeigt, es erinnert an die Horrorfotos, die heute auf Zigarettenpackungen abgebildet sind. Und es ist zugleich der Gegenentwurf zum schönen Schein eines gescheiterten Königs.

Weitere Geschichten aus der Kultur finden Sie hier.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht