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Kultur
Montag, 18. Juni 2018 26° 2

Regensburg

Musik von deftig bis duftig-zart

Die ganze Pracht Alter Musik war bei vier Konzerten zu erleben. Der Leere Beutel wurde sogar zur Alehouse Station.
Von Claudia Böckel

Bei den Tagen Alter Musik: Das Finnish Baroque Orchestra gastierte in der Dreieinigkeitskirche. Fotos (4): altrofoto.de
Bei den Tagen Alter Musik: Das Finnish Baroque Orchestra gastierte in der Dreieinigkeitskirche. Fotos (4): altrofoto.de

Regensburg.Die beste Stimmung herrschte bei der Alehouse Session im Leeren Beutel. Gemeint ist damit nicht die sorgfältige Stimmung der Instrumente, die bei den Konzerten mit alten Instrumenten naturgemäß mehr Zeit in Anspruch nimmt als sonst, sondern die Tavernenatmosphäre, die das Ensemble Barokksolistene aus Norwegen verbreitete. Die Interaktion der sieben „Alehouse Boys“ um Bjarte Eike, die spielen, trinken, tratschen, grölen, lachen, tanzen, singen, sogar raufen im Slow-Motion-Modus, riss das sich im Restaurant des Leeren Beutels schier stapelnde Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, ebenso wie zum Mitmachen und Mitsingen.

In England und Wales gab es bereits 1630 rund 30 000 Alehouses, in denen man überwiegend Trinklieder und einfache Geigen- und Flötenmusik spielte. Als mit dem Ausbruch des englischen Bürgerkrieges 1642 Kirchen- und Hofmusiker entlassen wurden, später auch sämtliche Theater geschlossen wurden, sammelten sich die professionellen Sänger, Musiker und Schauspieler in den Bierschänken. Es entstand eine neue Kneipenform, das „Musick House“.

Die Schattierungen der Liebe

Bjarte Eike, fantastischer Barockgeiger, entwickelt seine Alehouse Sessions aus dieser Tradition heraus. Einfache Jigs und Reels, Trinklieder, aber auch ein Lied von Carl Michael Bellmann, dem berühmtesten Liederdichter Schwedens, wechselten ab mit Schlagzeugsoli, genialen Tanzeinlagen oder Schimpftiraden Steven Players, sentimentalen Bratschensongs – und das alles in höchster musikalischer Qualität.

Bei den Tagen Alter Musik: Barokksolistene Norwegen im Leeren Beutel Foto: altrofoto.de
Bei den Tagen Alter Musik: Barokksolistene Norwegen im Leeren Beutel Foto: altrofoto.de

Viel sanfter ging es zu mit dem Ensemble Stylus Phantasticus aus Deutschland. Im kultivierten Gambenklang erkundete man die „Geographie der Gefühle“. In einem Roman von Madeleine de Scudéry findet sich eine Landkarte zur Vermessung der Liebe. Mehrere Wege führen zur Liebe, auch Abwege zweigen ab zu den Leidenschaften oder zum See der Gleichgültigkeit. In der Mitte dagegen fließt der Fluss der gegenseitigen Zuneigung.

Stylus Phantasticus und Claire Lefilliâtre gastierten im Reichssaal des Alten Rathauses. Foto: altrofoto.de
Stylus Phantasticus und Claire Lefilliâtre gastierten im Reichssaal des Alten Rathauses. Foto: altrofoto.de

In der Musik des 17. Jahrhunderts entwickelte sich eine eigene Gattung, die sich mit der Liebe in all ihren Schattierungen beschäftigte, die Air de cour. Diese weltlichen, strophischen Lieder wurden vor allem am französischen Königshof gepflegt. Alle Komponisten dieses Programms hatten am Hof eine Stellung inne. Zu den Höhepunkten des Konzerts zählte das wunderbare „Tout se peint de verdure“ von Moulinié, das das Erwachen des Frühlings gleichsetzt mit neu aufblühender Liebe. Ganz farbig besetzte man hier, mit dem ganzen Ensemble, dann nur mit Lautenbegleitung, ließ auch den vorzüglich gespielten Zink (Jean Tubéry) mal „singen“ neben Claire Lefilliatre, die mit ihrem dunkel timbrierten Sopran vom Schiffbruch bis zu tirilierenden Vogelstimmen alles darzustellen wusste. Sie setzte raffinierte Betonungen, sorgte für Intensität und Affektgehalt. Das Gambenensemble unter Leitung von Friederike Heumann spielte unglaublich farbig und wandlungsfähig, nicht nur sanft, sondern auch druckvoll und lustig, mit blühenden Verzierungen in den reinen Instrumentalstücken von Waesich und Mersenne.

Das Ensemble Baroque Atlantique aus Frankreich in der Alten Kapelle Foto: altrofoto.de
Das Ensemble Baroque Atlantique aus Frankreich in der Alten Kapelle Foto: altrofoto.de

Groß besetzter Musik des 18. Jahrhunderts widmeten sich zwei Orchesterkonzerte, mit dem Finnish Baroque Orchestra und dem Ensemble Baroque Atlantique aus Frankreich. Die Finnen unter der Leitung von Amandine Beyer widmeten sich verschiedenen Suiten, Concerti grossi und Solokonzerten der Komponisten Georg Muffat, G. Ph. Telemann, Jean-Marie Leclaire. Alle drei waren sie Weltbürger, bereisten ganz Europa, kannten die verschiedenen nationalen Musikstile und wussten damit zu jonglieren. Die Gegenüberstellung von Solo und Ripieno zog sich durch das ganze Programm. Amandine Beyer bestach durch ihren betörenden Violinton, durch improvisatorisch wirkende und elegant dargestellte langsame Sätze, beim Violinkonzert von Leclair auch durch spritzig und leicht genommene Ecksätze. Telemanns Violinkonzert in E-Dur schien nicht ganz so glücklich ausgewählt, besonders die Eingänge der Solovioline wirkten aufgesetzt und angestrengt. Die Suite von Leclair und Telemanns „Hamburger Ebb’ und Fluth“ waren kurzweilig und witzig, bei schnellen Sätzen ging der Swing nicht verloren, obwohl es manchmal ein wenig rumpelte. Aber schließlich handelte es sich ja um Naturgewalten.

Seltsame Bach-Blüten

„Ein imaginäres Konzert“ mit Instrumentalwerken von Johann Sebastian Bach hatte das Ensemble Baroque Atlantique unter der Leitung des Geigers Guillaume Rebinguet Sudre zusammengestellt. Manchmal treibt die Originalklang-Abteilung auch komische Blüten. Auf der Suche nach Originalität, nicht Originalklang wohlgemerkt, stellte man hier den großen Konzerten Bachs, alle vom dreisätzigen Typus, unnötigerweise Eingangssätze aus anderen Werken voraus, konstruierte aus einem Cembalokonzert ein Konzert für Violoncello und Orchester und aus einer Orgel-Triosonate ein Konzert für zwei Violinen.

Festival zählt zur Weltspitze

  • Das Festival:

    Die Tage Alter Musik verbinden historische Aufführungspraxis mit Konzerten in historischen Räumen und zählen zu den weltweit bedeutendsten Festivals für Alte Musik.

  • Die Gründer:

    Der Germanist Stephan Schmid und der Oboist Ludwig Hartmann haben das Festival 1984 ins Leben gerufen. Die TAM finden seither ununterbrochen jedes Jahr zu Pfingsten statt.

Bach selbst hat seine Werke oft wiederverwendet, den Kontext von geistlich auf weltlich oder umgekehrt verändert, dabei aber immer das Aptum im Auge gehabt, die Angemessenheit. Warum er kein Cellokonzert geschrieben hat, wurde hier klar: zu tief, zu grummelig kommt das Barockcello rüber, wird vom Orchesterklang überrollt, der sowieso basslastig war und die Solovioline(n) ein wenig schwach erscheinen ließ. Auch die Tempi schienen der schwierigen Akustik in der Alten Kapelle nicht wirklich angemessen.

Lesen Sie auch über den „denkwürdigen Ohrenöffner“ bei den Tagen Alter Musik.

Den Auftakt der Tage Alter Musik bestritten die Domspatzen mit einer berührenden Bitte um Frieden: lesen Sie hier.

Mehr über die Tage Alter Musik: „Drei exquisite Konzerte zur Pfingsten“

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