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Jazz

Musikalisch mehrdeutige Schlachtplatte

„Stucky con Carne“ heißt das Programm von Erika Stucky. Es ist ein Spektakel, das einmalig ist in der Jazzszene.
von Michael Scheiner

Erika Stucky gastierte mit ihrem Programm „Stucky con carne“ in Regensburg Foto: Scheiner
Erika Stucky gastierte mit ihrem Programm „Stucky con carne“ in Regensburg Foto: Scheiner

Regensburg.Aus dem Dunkel klopft es laut fordernd: „Macht mir Platz, ich komme rein!“ Knarzend stiefelt Erika Stucky im abgedunkelten Saal des Leeren Beutel vorne an der Bühne vorbei zum Garderobeständer, dabei mit einem Schaufelstiel auf dem Steinfußboden trommelnd.

Dort angekommen, beginnt sie mit tänzerischem Schwung leere Kleiderbügel rauszureißen und hinter sich zu werfen. Ein trotziges Kind, das lustvoll provoziert und sich zugleich von schmerzenden Zwängen befreit. Dabei stößt sie gellende Rufe aus.

„Stucky con carne“ nennt die schweizerische Sängerin, Performerin und Multimedia-Künstlerin ihr Programm, mit welchem sie im Jazzclub im Leeren Beutel gastierte – und begeistert gefeiert wurde. Dabei ist das Thema, welches „die Meisterin im Brechen von Traditionen“ mit Schlagwerker FM Einheit, dem prächtigen Holzbläser Steffen Schorn und Ben Jeger am Keyboard und an der Glasharfe inszenierte, keine leichte Kost. Servierte sie doch mit Videos und Klangcollagen, düsteren Lichtstimmungen und szenischen Auftritten, Popsongs und Jodeleinlagen dem Publikum eine latent bedrohliche „Metzgete“, eine Schlachtplatte wie es im Alemannischen heißt, die keineswegs nur Leichtverdauliches enthielt.

In diesem Papi-Tochter-Programm, wie Stucky es vorstellt, seien viele „daddy issues“ enthalten. „Hush Little Baby, My Sweet Girl…“ klingt dann gleich so zwiespältig, mehrdeutig, dass einem der Atem stocken könnte, als auch noch im Hintergrund Barbiepuppen über die Leinwand gleiten. „Watch Me Daddy“, nimmt die Sängerin mit süßer Mädchenstimme die Antwort gleich mit in den Song auf. „Du sagst“, singt sie im nächsten Song, „du hast mich vom ersten Moment an geliebt, als du mich gesehen hast. Aber ich weiß nicht, wie du mich wirklich gesehen hast“. Es gehe, erzählt Stucky zwischen einigen Stücken, um die Geschichte ihrer Familie, beginnend mit der Auswanderung des Großvaters Anfang des 20. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Der Vater habe Metzger gelernt und neben der Metzgerschürze, die alle Musiker tragen, knetet und drücken Hände in einem Video das Herz eines Schlachttieres. Stucky mahnt dazu mit weicher Stimme, man müsse davor nicht zurückschaudern, es sei ein gutes Organ.

Vom Beatlesklassiker „I Want You“ über Michael Jacksons Hit „Bad“ bis zum Evergreen „Cheek To Cheek“ zieht das Thema musikalisch Spuren. In komplexen Arrangements mit perkussiv-hämmernden Sounds von einer Metallspirale, an der FM Einheit herumbohrt, sägt und feilt, gewinnen die Songs ihre Mehrdeutigkeit durch Stuckys mal verführerische, verletzliche oder auftrumpfende Interpretation. Es ist ein hochdramatisches, mit Witz und weiblicher Chuzpe gespicktes Spektakel, bei dem sich Stucky von Volksmusik über Pop und schräger Performance bis zu Soundexperimenten und Improvisation schamlos aus allem bedient, was ihr zur Verfügung steht. Einmalig in der Jazzszene. (mic)

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