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Jazzclub

Musikalische Vermessung der Seele

Eine echte Legende: Das amerikanische Jazzquartett Oregon wird im Leeren Beutel in Regensburg mit Standing Ovations gefeiert.
Von Michael Scheiner, MZ

  • Ralph Towner ist Multiinstrumentalist und der kreative Kopf des Jazzquartetts Oregon, das in Regensburg begeistert gefeiert wurde.Foto: Scheiner
  • Saxofonist Paul McCandless ist seit 1972 Teil der Band Oregon. Foto: Scheiner

Regensburg.Es war kein laues Lüftchen, das dem Publikum im Leeren Beutel um die Ohren wehte. Als „windy piece“ kündigte Holzbläser Paul McCandless von Oregon dieses neuere Stück an. Der Gitarrist und kreative Kopf der Band, Ralph Towner, hat das windige Stück Musik offensichtlich nach einem rauen Gebirgswind komponiert: Böen und kurze, heftige Sturmwinde durchzogen den voll besetzten Saal.

Wie bei richtigen Luftbewegungen drehte sich die Musik im temporeichen „Aeolus“ unerwartet, schlug Haken und nahm wieder und wieder ordentlich Fahrt auf. Ein kurzes vitales Drum-Solo von Mark Walker unterstrich die belebende Wirkung des jazzigen Stücks noch. Walker ist mit 56 Jahren jüngstes Bandmitglied eines der beständigsten Quartette der modernen Jazzszene.

Ein tänzerisches Gleiten

Jüngster Zugang ist der italienische Kontrabassspieler Paolino Dalla Porta. Er zählt mit schlanken 59 auch schon fast zu den Senioren. Bei Musikern spielt aber das Alter selten eine große Rolle. Weit mehr als in vielen anderen Berufen zählt die wachsende Erfahrung, die auch Dalla Porta mit in die Band einbringt und mit der er neue Impulse setzt. Das war in der Interaktion vor allem mit Ralph Towner immer wieder zu spüren – auch wenn beide Spieler gelegentlich mit Soundproblemen zu kämpfen hatten.

Noch ein paar andere Probleme quälten offensichtlich den 75-jährigen Towner, der neben der Konzertgitarre exzellent Klavier, Keyboard und eine elektrische Gitarre, deren Saiten umgekehrt aufgezogen sind, spielt. In der ersten Konzerthälfte schüttelte er mehrfach seine linke Schulter und die Hand aus und versuchte sie zu lockern. Sein Spiel war diesen Malaisen nicht beeinträchtigt. Beim jazzigen „The Glide“ glitten seine Finger im Unisono mit Paul McCandless’ Sopransaxofon so leicht und wunderbar präzise wie ein Tanz über die Tastatur des Flügels. Und auch bei „As She Sleeps“, einer wunderbar poetischen Komposition mit dem silbrig-geisterhaften Klang der Oboe im Mittelpunkt, bestach Towners elegantes Spiel auf der Gitarre.

Wie ein Turner-Gemälde

Gerade in diesem melodischen Stück, das in Form und Gestaltung eher klassisch anmutet, kommt die Stärke von Oregon besonders deutlich zum Vorschein. Bass und Schlagzeug agieren kaum wahrnehmbar im Hintergrund, während McCandless und Towner die warme Stimmung der sanften Melodie voller Zartheit und stilistischer Eleganz entfalten können. Ein Traum, eine Entführung, die das Publikum mit Jubel quittierte.

In der über 40-jährigen Entwicklung des Quartetts war der Jazz stets eine wichtige Achse für die Musiker. Einflüsse aus Klassik, Folk – oder World Music, wie es später hieß –, aus Fusion und Rock waren ebenfalls immer spürbar, mit unterschiedlicher Gewichtung. Das auf einem langsamen elektronischen Loop basierende „Queen of Sydney“ wirkte geheimnisvoll und spannend wie ein impressionistisches Turner-Gemälde. Eine völlig frei improvisierte Nummer bestand hauptsächlich aus Klangschnipseln, Spritzern und soundmäßigem Geflimmer. Daraus schob sich nach und nach wie aus der Wolke ein beharrlicher Rhythmus heraus und gab dem Geschehen eine Richtung.

Jazz, mit Weltmusik angereichert

Nicht zuletzt der indianische Peyote-Kultgesang „Witchi-Tai-To“, von Jim Pepper so großartig neu arrangiert und als Zugabe vom Publikum lauthals begrüßt, erweiterte den genreübergreifenden Bogen der vier Musiker in Richtung Ethnomusik. Bei Walker sind es die türkische Darabouka, eine Djembe und eine Vielzahl verspielter Rasseln, die den Bezug zu Musik anderer Kulturkreise deutlich werden lassen.

Es ist keineswegs selbstverständlich, dass solche Hochkaräter beim Jazzclub auftreten. Ermöglicht wurde das Clubkonzert durch Sponsoring der Eckert-Schulen und Werbefachmann Boris Janda. Dessen allererste LP war ein Album der musikalischen Freigeister, das er bei der Begrüßung und Vorstellung des Ensembles triumphierend hervorzog.

Die Resonanz des hellauf begeisterten Publikums zeigt, dass für diese so lyrische wie spannende und eindringliche Musik ein großes Bedürfnis vorhanden ist. Das geht quer durch alle Alters- und soziale Schichten. Sie alle eint die Begeisterung für den „Seismograph der Seele“, wie Ralph Towner bei der Verleihung der German Jazz Trophy 2015 von einem Fachjournalisten genannt wurde. Die Standing Ovations waren mehr als verdient.

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